schänderzornWrath James White – Schänderzorn

OT: Prey Drive
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Festa Verlag
Übersetzung: Renè Ulmer

Joseph-Miles-Reihe, Band 2

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Klappentext:

Joseph Miles hat Menschen getötet, zerstückelt und Teile ihrer Leichen gegessen. Geleugnet hat er diese Morde nie. Doch er behauptet, selbst nur ein Opfer zu sein …

Seit acht Jahren vegetiert Joseph nun in einem Hochsicherheitsgefängnis. Die Wärter zwingen ihn wieder und wieder zu bestialischen Todesspielen.
Doch Joseph ist kein Monster. Er ist überzeugt, dass er als Kind von einer Art Serienmörder-Tollwut angesteckt wurde.
Um Heilung zu finden, muss er aus dieser Hölle entkommen. Das Fotomodell Selene will Joseph dabei helfen. Sie ist wie besessen von ihm. Doch wieso?

Die Romane von Wrath James White zählen zu den brutalsten und erschütterndsten, die jemals erschienen.

© Festa Verlag

Kritik:

Wrath James White mag vielen Lesern kein Begriff sein. Wenn man jedoch gern im Bereich des extremeren Horrors herumschnuppert, wird sein Name früher oder später fallen. Und wen wundert es dann noch, dass seine Veröffentlichungen im deutschsprachigen Raum aus dem Festa Verlag stammen?

»Schänderzorn« ist der zweite Band der Romanreihe um den Serienmörder Joseph Miles. Der Klappentext des Buchs gibt schon einen ziemlich deutlichen Hinweis darauf, was den Leser auf den rund 350 Seiten erwartet. Die Geschichte wird grundsätzlich auf zwei eng miteinander verwobenen Strängen erzählt, wobei im Fokus natürlich Joes Aufenthalt im Gefängnis steht. Aber auch die Story um sein ›Groupie‹ Selene kommt nicht zu kurz und verleiht dem Buch eine zusätzliche, erschreckende Perspektive. Das ist spannend zu lesen, auch wenn der klassische Thrill an vielen Stellen einer fast schon psychologischen Betrachtung und einem damit verbundenen Spannungsaufbau Platz macht. Das ist gut so, denn genau diese Schreibweise ist es, die Wrath James White von vielen anderen Autoren im extremen Bereich unterscheidet. »Schänderzorn« ist, wie auch seine anderen mir bekannten Werke, keine blinde Aneinanderreihung von Gewaltsequenzen, sondern es wird eine Geschichte erzählt und, bei näherer Betrachtung, auch sehr geschickt und hintergründig kommentiert. Das weiß zu gefallen. Etwas ärgerlich fand ich lediglich das Ende, einen Cliffhanger, wie er im Buche steht.

Whites Figuren unterscheiden sich ebenfalls von vielem, was in der Literatur gängig ist. Sympathieträger, die in einer solchen Geschichte ohnehin unpassend wirken würden, sucht man vergeblich. Identifikation mit den Figuren? Ich hoffe nicht, das würde mir zu denken geben. Und eben das macht die Figuren so interessant. »Schänderzorn« lebt von den Charakteren, ihren Denkweisen und ihren Ansichten zu dem, was sie sind und was sie tun. Mögen manche von ihnen zu Beginn noch etwas klischeehaft wirken, ändert sich das im späteren Handlungsverlauf zusehends. Besonders zum Finale hin kommt es dann schon mal zu ungläubigem Staunen, wenn … ach, das lest ihr am besten selbst nach.

Stilistisch weiß »Schänderzorn« zu gefallen. Auch wenn die Thematik alles andere als massentauglich ist, versteht White es gut, auf einem schmalen Grat zwischen Zugänglichkeit, Anspruch und Auf-die-Fresse-Miststück zu wandern. Dabei kommt eine Mischung heraus, die zum Weiterlesen einlädt. Allerdings nur, wenn man sich auf die Brutalität seiner Bücher einlassen kann. Der Klappentext wirkt mit der plakativen Aussage, dass die Veröffentlichungen von Wrath James White zum Brutalsten und Erschütterndsten zählt, was jemals veröffentlicht wurde. Und ja, es geht zur Sache. Die Schilderungen gehen sehr ins Detail, zudem sind die Morde oft auch in einen sexuellen Kontext gestellt, der sicherlich auf viele Leser abschreckend wirkt und auf keinen Fall für Zartbesaitete geeignet ist. Darauf sollte man sich von vornherein einstellen. Die Übersetzung von Renè Ulmer passt weitestgehend. Ein Punkt ist mir aber halbwegs negativ (da unfreiwillig komisch und somit extrem unpassend) aufgefallen: Wo dem Leser ›Schwänze‹, ›Mösen‹ und die unterschiedlichsten Umschreibungen für Selbstbefriedigung und diverse Körpersäfte um die Ohren gehauen werden, hält man sich in der Übersetzung am fast schon niedlichen ›Poloch‹ fest. Ja. Am ›Poloch‹. Und das passt nicht. Wirklich nicht.

Fazit:

9»Schänderzorn« ist das, was man von Wrath James White gewohnt ist: Ein heftiger literarischer Schlag mitten in die Kauleiste. Ja, der Inhalt ist grenzwertig und schweinisch brutal – hat aber auf den zweiten Blick eine viel tiefgründigere und gehaltvollere Erzählebene, die den Roman über die Stufe eines stumpfen Gewaltpornos hinaushebt. Darauf muss man sich einlassen wollen, denn eines sollte dem interessierten Leser klar sein. White schreibt keine Unterhaltungsromane, sondern krassen Stoff abseits des Mainstreams. Und das ist gut so.

Und ihr so? Was denkt ihr über extreme Horror- oder Thrillergeschichten, die mit den meisten literarischen Konventionen brechen?

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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