Nach der sehr erfreulichen Resonanz auf unsere Vorstellung von Michael Preissls Voodoo Press Verlag geht es heute in die nächste Runde.

Eckdaten:

Verlagsgründung: 01.06.2005

Schwerpunkt: Phantastik

Zu Gründungszeiten präsentierte der Verlag noch eine Mischung aus historischen und phantastischen Romanen. Bereits nach einem Jahr wurde jedoch deutlich, dass der Fokus sich immer mehr auf die Phantastik legte und somit ist im Verlag Torsten Low heute ein breit gestreutes Angebot mit Veröffentlichungen aus eben diesem Bereich zu finden.

Autoren:

Der Verlag Torsten Low setzt fast ausschließlich auf deutschsprachige Autoren. Hierbei findet man neben Alfred Wallon auch Namen wie Vincent Voss, Oliver Plaschka (in den Rubriken „Beste Kurzgeschichte“ und „Beste Anthologie“ nominiert für den Deutschen Phantastik Preis 2016) oder Fabienne Siegmund. Eine Ausnahme hat der Verlag aber für eine Kurzgeschichte von Peter S. Beagle („Das letzte Einhorn“) in der Anthologie „Die Einhörner“ gemacht.

Erwähnenswertes:

Der Verlag Torsten Low setzt nicht nur auf Romane. So finden sich im Portfolio auch Hörbücher, Comics und Graphic Novels – aber immer mit Phantastikbezug. Der aktuelle Verlagsbestseller ist „Komm schnell, Achmet“, eine Anthologie, in welcher Low zusammen mit Margit Kröll und Nicole Engbers Schülern und Schülerinnen die Möglichkeit gegeben hat, über das Thema „Flucht“ zu schreiben. Gut, das sogar mal ganz ohne Phantastik.

Kontakt:

Website der Verlags | Facebookseite des Verlags

Das waren die Eckdaten, jetzt freue ich mich, auch an dieser Stelle wieder ein Interview präsentieren zu können, in welchem Torsten Low Rede und Antwort stand. Viel Spaß.

Hallo Torsten,

zunächst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst.  Als erstes möchte ich dich bitten, dich kurz in eigenen Worten vorzustellen.

Die wohl wichtigste Frage dieses Interviews ist wohl, wie es zur Verlagsgründung gekommen ist. Bist du schon immer ein buchaffiner Mensch gewesen?

Ein Büchernarr war ich schon immer. Meine Eltern haben mir als Kind viel vorgelesen und selbst, wenn das Geld knapp war – für die Kinder-Buchklub-Ausgabe alle drei Monate und Unmengen an Lesestoff zu Geburtstag, Weihnachten und Ostern hat es eigentlich immer gereicht. Glücklicherweise waren zu DDR-Zeiten Bücher sehr günstig.
Und da meine Eltern mir auf Wanderungen Geschichten nacherzählten oder sich extra welche einfallen ließen, um mich von meinen müden Füßen abzulenken, kam bei mir auch irgendwann der Spaß am Nacherzählen und schließlich am Erfinden von neuen Geschichten.
Die erste Geschichte „schrieb“ ich im zarten Alter von 5 Jahren. Genauer gesagt lief ich im Zimmer meiner Schwester auf und ab wie Napoleon und diktierte meiner 14-jährigen Sekretärin meine Geschichte, die diese dann in die alte Schreibmaschine einhämmerte. Ich gebe zu, es tut mir mittlerweile echt leid, dass die selbst illustrierte und zwischen zwei Pappdeckel mit hübsch bemaltem Umschlag eingelegte Geschichte in diversen Umzugswirren verloren gegangen ist. Auch wenn die Geschichte von Indianern & Cowboys (!) auf einem Piratenschiff (!!) ein ziemlicher Unfug war – das waren meine schriftstellerischen Anfänge!

Nach einer Veröffentlichung einer Kurzgeschichte in einem Fanzine und regelmäßigen Veröffentlichungen mit Fortsetzungscharakter in der Internetzeitschrift eines Play-by-Email-Rollenspieles (über 18 Monate hinweg jeweils 1-4 Kurzgeschichten alle 10-14 Tage) stand ich dann ab 2003 nach dem einsamen Wunsch einer einzelnen Dame (einer guten Freundin) vor der Aufgabe, aus den teilweise aus dem Zusammenhang gerissenen Geschichtenfragmenten eine zusammenhängende Geschichte zu machen.
Ende 2004 war ich dann mit dem Schreiben und Überarbeiten fertig und gab es zum Korrigieren. Ja, ich schäm mich heute dafür. Ich dachte, dass was mein Vater und meine Frau machten, sei ein Lektorat. Aber es war nur ein simples Korrektorat – und nicht einmal ein besonders gutes.

Das war der Zeitpunkt, ab dem ich mich über das Veröffentlichen informierte. Ich suchte mir ein paar Bücher zusammen (Autorenforen waren im Internet noch schwer zu finden) und begann mich einzulesen. Leider erwischte ich dabei ein Buch eines bekannten Druckkostenzuschussverlages (der mir aber überhaupt nichts sagte) – der entpuppte sich als ein Wutpamphlet gegen die seriöse Verlagswelt und lobte DKZVs, BoD und Selfpublishing in den höchsten Tönen.
Was ich aus dem Buch mitnahm (und was – wie ich heute weiß – absoluter Unfug ist): Deutsche Autoren haben in seriösen Verlagen keine Chance. Deutsche Fantasy-Autoren schon gar nicht. Und deutsche Autoren mit einem Fantasy-Mehrteiler überhaupt nicht. Der einzige Weg ist es, eine gute Summe Geld in die Hand zu nehmen und zu einem DKZV oder einem Dienstleister zu gehen. Das war die Grundaussage und ich glaubte den Quatsch auch noch.
Mit diesem „Wissen“ unterließ ich jede Bewerbung bei einem Verlag – die allerdings (das kann mit meiner heutigen Erfahrung ja sagen) eh abgelehnt worden wäre. Nicht, weil die DKZV-Spinner recht gehabt hätten – nein! Eher, weil ich damals tatsächlich noch nicht so weit gewesen wäre. Ich hätte mir und meinem Roman einfach noch zwei Jahre Zeit geben müssen, mir vielleicht auch einen kleinen Namen mit Kurzgeschichten machen können. Aber ich war … ungeduldig. Darin unterscheide ich mich übrigens nicht von den vielen anderen Jungautoren, die mir vollmundig ihr Erstlingswerk anpreisen. Die wenigsten sind schon so weit.

Geld ausgeben für mein Buch? Das kam für mich nicht in Frage.
Mein Buch wollte ich aber trotzdem in der Schrankwand stehen haben. Glücklicherweise hatten meine Frau und ich mal einen Buchbindekurs mitgemacht. Für zwei Exemplare (eins für uns und eins für die gute Freundin, die „schuld“ am Roman war) sollten unsere Fähigkeiten reichen. Wobei … während meiner Recherchen hatte ich was über eine ISBN gefunden. Diese tolle Nummer konnte man sich auch als Privatperson kaufen und musste dann Pflichtexemplare an die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt und Leipzig und an die Landesbibliothek abliefern. Der ganze Spaß kostete 80 Euro. Für kleines Geld zum deutschen Kulturerbe gehören – das klang geil, das wollte ich haben. Gesagt, getan.
Wir produzierten also sechs Bücher auf den heimischen Laserdrucker, verleimten die Buchblöcke, ließen sie beim Buchbinder für’n Fünfer in die Kaffeekasse beschneiden, schnitten rotes Leinen zurecht, jagten es durch den Laserdrucker, fixierten den Druck mit Drei-Wetter-Taft und hängten dann die Buchblöcke in den Einband ein. Dann verschickten wir die Pflichtexemplare – und waren zufrieden. Das sollte es wohl gewesen sein.

Jedoch passierte jetzt etwas, womit wir nicht gerechnet hatten. Die gute Freundin hatte wohl Werbung gemacht und gleichzeitig kamen zwei Bestellungen von Buchhandlungen. Zu einem nicht real existierenden Buch aus einem nicht real existierenden Verlag. Wir wollten natürlich nichts falsch machen und sprachen bei Gewerbe- und Finanzamt vor. Uns wurde erklärt, dass wir selbstverständlich ein Gewerbe anzumelden hätten.
Also dackelten wir zum Amt, füllten das Formular aus und gründeten den Verlag. Das war am 1.6.2005

Du deckst mit deinem Verlag einen recht weiten Bereich ab, bist aber im Großen und Ganzen in der Phantastik verankert. Hat sich das Programm von selbst so entwickelt oder hast du von Anfang an geplant, diese Nische zu bedienen?

Als wir mit den Anthologien begonnen haben (2008), stand für mich fest, dass ich in jedem Falle nur phantastische Anthologien machen möchte.
Als wir dann den Romaneingang öffneten (2009), war für mich klar, dass ich auf jeden Fall das machen möchte, was ich selbst gerne lesen würde, ich wollte aber eigentlich offen sein für alles.
In erster Linie war das Phantastik und historische Romane, sowie – weil ich nach wie vor ein großes Kind bin – schön gemachte Kinderbücher. Von Kinderbüchern habe ich mich recht schnell verabschiedet. Es gibt da einen Ausstattungsstandard, den man als Kleinverlag nicht so einfach erreichen kann. Entweder macht man da große Abstriche bei der Ausstattung oder man hat eine finanzielle Vorleistung, die für uns einfach nicht zu stemmen war oder das Buch wird einfach unbezahlbar. Auch bei den historischen Romanen hab ich irgendwann aufgegeben. Der Histo-Leser erwartet einen Tausend-Seiten-Wälzer für 10 bis 12 Euro. In dem Bereich komm ich einfach nicht.
Bereits ein Jahr nach Öffnung des Romaneingangs verschwanden auf der Webseite die Hinweise auf andere Genres – und der neue Slogan unseres Verlages trat in den Vordergrund: „Hier ist gute Phantastik zu Hause“.

Und damit war klar. Wir machen Phantastik in allen Spielarten – aber nichts anderes.

Die große Ausnahme zum klassischen Verlagsprogramm ist die Edition DaB und die aktuelle Veröffentlichung „Komm schnell, Achmet“. Ich habe mich schon ein bisschen mit dem Projekt beschäftigt und ziehe meinen Hut davor, aber vielleicht möchtest du es an dieser Stelle noch einmal kurz vorstellen und uns auch erzählen, wie es dazu gekommen ist.

Gerne. Im Februar 2009 trafen sich vier Autoren über das Internet und gründeten das Autorenprojekt „Das andere Buch“. Ihr Ziel: Ihre Kräfte zu bündeln, anstatt als Einzelkämpfer nicht wahrgenommen zu werden. Ich war einer der Vier. Wir gingen mit tollen Ideen an den Start – eigene Webseite, gemeinsame Veranstaltungen, eine gemeinsame Anthologie, ein gemeinsamer Flyer. Und Schritt für Schritt setzten wir alles um.
2010 starteten wir mit der „anderen Buchmesse“ in Wien, die wir seitdem jedes Jahr durchführten. 2011 kam unsere erste Anthologie heraus, 2012 die zweite, 2014 der erste Roman einer DaB-Autorin.
Seit 2014 haben wir eine zweite jährlich stattfindende Veranstaltung – die „andere Buchmesse Tirol“.

Und dieses Jahr haben wir uns an das Spenden- eBook „Komm schnell, Achmet“ herangewagt. Dahinter steckten mehrere Ideen. Zum einem wollten wir in dieser Flüchtlingskrise helfen (der gesamte Erlös des E-Books geht an „Train of Hope“). Zum anderen wollten wir etwas für den Autorennachwuchs tun. Und so arbeiteten wir mit einer sehr engagierten Deutschlehrerin an der Wiener Albertus Magnus Schule an einem Schreibprojekt für ihre  Schülerinnen und Schüler.
Und zum dritten wollten wir die Menschen mit diesen Geschichten sensibilisieren. Diese Jugendlichen haben sich sehr tiefsinnige Gedanken zum Thema Flucht und Vertreibung gemacht. Und die Geschichten sind oft sehr berührend und ergreifend.
Wir hatten den jungen Autoren dann auch die Möglichkeit geboten, auf der anderen Buchmesse Wien eine Vorablesung zu halten, die sie gerne angenommen haben. Das war absolut faszinierend und hat allen wirklich Spaß gemacht. Und ich glaube, es war eine gute Vorbereitung für die Lesung im Juni, bei der dann ja auch der ORF dabei war.

Wie kam es dazu, dass ihr im Verlag auch Comics und Graphic Novels veröffentlicht? Im Vergleich zu vielen anderen Kleinverlagen ist das ja doch schon fast ein Alleinstellungsmerkmal.

Es gibt Sachen, die passieren einfach.
Als ich 2009 die Metamorphosen herausbrachte, ist mir sofort die Geschichte „Die Schokolade des Herrn Bost“ von Jan-Christoph Prüfers ins Auge gestochen. Ich liebe Comics – und das hier … das war eine Geschichte, die geradezu prädestiniert war, ein Comic zu werden. Ich wollte, ich musste die Geschichte als Comic haben.
Also schrieb ich mehrere Comicverlage an – wollte die Geschichte als Lizenz verkaufen. Bekam Absagen. Und hörte auf, das Thema weiterzuverfolgen.

2012 kamen unsere Geheimnisvollen Bibliotheken. In dieser Anthologie waren neben Geschichten und Illustrationen zu jeder Geschichte auch 3 Comics enthalten. Und der erste hatte es richtig in sich. Ich wusste, ich hatte die Zeichnerin für „Die Schokolade des Herrn Bost“ gefunden. Wir wurden schnell handelseinig – und sie setzte 2 Geschichten für mich um.

2013 brachten wir dann den ersten „Auf den Spuren H. P. Lovecrafts“-Comic heraus. Er verkaufte sich langsam, schleppend – ich merkte zwar, dass ich mittlerweile wusste, wie ich an die Phantastik-Leser rankomme, aber Comic-Leser sind eine ganz andere Sache. Aber langsam kam es ins Rollen und ich entschied mich, nachzulegen. Und 2015 kam der 2. Band, der 3. steht bereits in den Startlöchern.
Und ich trage mich tatsächlich bereits mit dem Gedanken, eine neue Reihe in die Spur zu schicken. Aber das muss noch ein wenig gären, bis es richtig spruchreif wird.

Als ich den Comic rausbrachte, hat das natürlich Interesse geweckt. Mehrere Autoren kamen auf mich zu, ob ich nicht ihre Geschichte auch als Comic rausbringen könnte. In den meisten Fällen musste ich ablehnen oder zumindest vertrösten – aber dann brachte Fabienne Siegmund mir ihre Geschichte, zeigte mir ein paar Zeichnungen – und hatte mich.

Ich bin jedenfalls gespannt, was mir die Zukunft für grafische Leckerbissen beschehrt.

Auf Fotos von Conventions und Messen bist du grundsätzlich als „bissiger Verleger“ gut zu erkennen. Wie kam es zu diesem Ruf/ Titel?

Nun, anfangs war es nur ein Witz. Ich dachte einfach an das Schild „Vorsicht! Bissiger Hund!“, was viele an ihrem Zaun hängen lassen und dann kommt man aufs Grundstück und sieht einen urgemütlichen Bernhardiner, der keinen Einbrecher beißen, aber sie vielleicht bewusstlos kuscheln würde.
Auf eine gewisse Weise passte das auch zu mir. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die wegen meiner Größe, meiner Statur und meinem Kampfgewicht von fast drei Zentnern schon vor mir zurückschrecken. Gerade, weil ich auch ganz gerne mal lospoltere. Aber wer mich kennt, weiß: Eigentlich bin ich ganz gemütlich und verträglich, eher ein großer, knuddeliger Teddybär, als ein furchterregender Grizzly.
So entstand das T-Shirt mit dem Aufdruck „Vorsicht! Bissiger Verleger!“

Und es funktionierte. Es wurde darüber gekichert, gelacht, ich wurde deswegen angesprochen, fotografiert, man wollte mit mir posen, während ich tun sollte, als würde ich zubeißen.

Und mittlerweile bin ich es. Es ist mein Markenzeichen.

Conventions sind dann auch generell ein sehr gutes Stichwort. Ihr seid in dieser Hinsicht sehr aktiv. Ist das für dich in erster Linie Marketing oder ist es die Nähe zum Leser, die dabei für dich das reizvolle ist?

Es ist so vieles.

Es ist Direktverkauf (man darf nicht vergessen, bei jedem Buch, was über amazon oder Buchhandel verkauft wird, muss ich 50% Buchhandelsrabatt gewähren, das Porto zahlen, habe das Risiko, das Buch innerhalb eines Jahres zurückzubekommen und die erhaltenen Gelder zurückzuzahlen und bezahle von dem kläglichen Rest meine Autoren, Grafiker, Lektoren, Druck und Werbung. Bei über den Buchhandel oder amazon verkauften Bücher mache ich eigentlich keinen Gewinn. Direkt verkaufte Buch bringen was. 300 Bücher auf einer Veranstaltung direkt an den Mann gebracht – und ich kann mir ein neues Buchprojekt leisten).

Es ist Werbung für uns (wir verteilen Unmengen an Prospekten und kriegen dadurch viele Kunden, Stammkunden).

Es ist Familienurlaub (Dadurch, dass ich in der Woche viel Zeit mit dem Verlag verbringe, sind solche Veranstaltungen auch mal Familienzeit).

Es ist Freundezeit (Wir haben auf den Veranstaltungen unwahrscheinlich viele tolle Menschen kennengelernt und nicht wenige sind unsere Freunde geworden. Selbst unsere Kleine hat ihre Freunde auf den Veranstaltungen – seien es Kinder von Autoren, Grafikern oder vom Caterer, oder auch unsere Autoren, die teilweise fast vernarrt in unsere Dauerpraktikantin sind).

Es ist Autorentreffen (Wir gehen eigentlich immer auf jeder Veranstaltung mit unseren Autoren essen. Manchmal sitzen nur 2 Leute mit uns am Verlagstisch, manchmal 15).

Es ist einfach nur geil! Meine Frau, meine Tochter und ich – wir sind einfach Vagabunden. Wir fahren gerne, nutzen die Autofahrt zum Erzählen, zum Planen, zum Träumen und die Veranstaltungen zum Spaß haben.

Wenn du auf die Vergangenheit des Verlag Torsten Low zurückblickst, wie zufrieden bist du insgesamt mit der Entwicklung?

Wenn man bedenkt, wie wir angefangen haben – wie wir jahrelang mit Leimtöpfchen und Pressbengel, mit Pinsel und Falzbein über Veranstaltungen getingelt sind …
Wir waren mal ganz schön blauäugig, das kannst du dir gar nicht vorstellen.

Wir haben uns ganz schön entwickelt. Professionalisiert, könnte man sagen. Bitte nicht falsch verstehen. Gerade im künstlerischen Bereich wird ja aus Professionalisierung gerne geschlussfolgert, dass man macht, was Geld bringt und nicht mehr das, was man mag.
Das meine ich nicht. Ich mache nach wie vor ausschließlich die Bücher, die ich selber gerne lesen würde und wofür andere Verlage einfach nicht den A**ch in der Hose haben, um sie zu bringen. Aber wir haben eine lange Lehrzeit gehabt. Wir haben uns das Büchermachen von der Pike auf selbst beigebracht. Haben dabei auch Fehler gemacht. Sind gestolpert. Wieder aufgestanden. Haben wieder was dazugelernt. Und weitergemacht.

Wir haben vierzig Bücher herausgebracht, einige eBook, zwei Comics, eine Graphic Novel, ein Hörbuch (in mehreren Folgen), zwei Hörstücke.
Unsere Anthologien wurden seit 8 Jahren in Folge für den Deutschen Phantastik-Preis als „Beste Anthologie“ nominiert – 2011 haben wir ihn gewonnen. Unsere Kurzgeschichten wurden mehrfach für den Deutschen Phantastik-Preis als „Beste Kurzgeschichte“ nominiert – zweimal haben wir den Preis mit nach Hause genommen.
Wir haben mittlerweile über 250 Autoren (ein Großteil davon Kurzgeschichtenautoren). Darunter sind unbekannte genauso wie bekannte, Debütanten genauso wie Bestsellerautoren. Ja, sogar ein internationaler Superstar (Peter S. Beagle, der Mann, der „Das letzte Einhorn“ geschrieben hat) ist dabei.
Wir haben seit 2005 ein wahnsinnig bewegtes Leben. Mit tollen Wendungen. Mit großartigen Freunden.

Ja, ich bin zufrieden.

Wie stehst du zum Thema eBook? Siehst du darin eine Chance oder doch eher ein notwendiges Übel?

Ich befürchte, dass das eBook überschätzt ist. Ich mache es bei einigen Büchern trotzdem, weil es eine steigende Anzahl Interessenten gibt, auch wenn eBooks erwiesenermaßen die Printausgabe kannibalisieren und die eBook -Umsätze bei uns minimal sind.
Bei einigen, aber nicht bei allem. Manche Bücher (wie eben die Graphic Novel „Der Karussellkönig“) kann ich mir einfach nicht als eBook vorstellen. Bei anderen Büchern hab ich nicht für alle Geschichten die eBook-Rechte.

Aber ja, wir machen auch eBooks.

Könntest du dir mittelfristig vorstellen, auch internationale Autoren zu verlegen?

Vor ein paar Jahren hätte ich vielleicht noch gesagt: „Ja, vielleicht!“
Heute lautet meine Antwort: „Wozu?“

Es gibt genügend Verlage, die Lizenzen aufkaufen.
Und es gibt genügend großartige deutschsprachige Autoren, die uns ihre Geschichten schicken, dass ich nicht in die Verlegenheit kommen werde, auf internationale Autoren auszuweichen.

Ausnahmen kann es natürlich immer geben – so eine Sache wie mit Peter S. Beagle, das ist ein absoluter Glücksgriff. Da sagt nur ein Vollidiot „Nein!“

Was denkst du zum Thema stationärer Handel? Die Diskussionen schlagen hier ja immer wieder auf’s Neue unglaubliche Wellen. Als Kleinverlag wird man, so zumindest mein Eindruck, gerne von den Buchläden ignoriert, es ist also nicht weiter verwunderlich, dass der Kunde lieber online bestellt. Oder täuscht mich dieser Eindruck?

Leider täuscht dich dieser Eindruck nicht. Es ist unwahrscheinlich schwer, als Kleinverlag im Buchhandel präsent zu sein. Es gibt aktuell in Deutschland vier Buchhandlungen, die unsere Bücher im Regal stehen haben, ohne das wir sie dafür bedrohen mussten. Alle anderen bestellen zwar, wenn der Kunde was will – aber Bücher zum Ins-Regal-stellen? Gott bewahre!

Mir ist natürlich klar, dass der Buchhandel nur begrenzte Stellflächen hat.
Mir ist auch klar, dass in jeder Buchhandlung die Titel der Bestsellerliste immer verfügbar sein müssen.
Aber danach wäre halt noch viel Platz, bei der man ruhig auch mal ein Regal für Kleinverlage zur Verfügung stellen könnte. Wird aber nicht gemacht. Es wird nur geschaut, was die Konkurrenz im Regal hat. Mittlerweile sieht jede Buchhandlung vom Angebot her genau gleich aus. Und dann wundern sich die Buchhändler, dass bei vier Läden in einer Kleinstadt zwei nicht überleben können.

Aber ich wollte demnächst mal wieder eine Aktion machen, mal schauen, ob ich danach doch wieder begeistert bin von unseren Buchhändlern. Oder doch eher frustrierter.

Hat man, wenn man sich beruflich so intensiv mit Büchern beschäftigt, überhaupt noch die Lust (und nicht zuletzt natürlich auch die Zeit) privat zu lesen?

Lust? JA! Immer.

Aber die Zeit ist ganz klar ein Problem. Ich bin mittlerweile echt froh, wenn ich alle 4 Monate ein Buch privat lese. Früher hatte ich 3-4 pro Woche.

Das soll es dann auch schon gewesen sein, ich danke dir noch einmal für deine Zeit und überlasse dir damit dann auch direkt die berühmten letzten Worte.

Unabhängige Studien haben festgestellt, dass Vielleser im Durchschnitt oftmals über ein höheres Nettoeinkommen verfügen, als Nichtleser oder Wenigleser. Und da die meisten Menschen ja gerne mehr Geld in der Tasche hätten, möchte ich einfach einen Rat in die Runde werfen:  Lest mehr Bücher!

Vielen Dank für die interessanten Fragen. Das Interview hat mir viel Spaß gemacht.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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