Tim Curran – Der Leichenkönig

OT: The Corpse King
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Festa
Übersetzung: Ben Sonntag

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Klappentext:

Edinburgh zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Grabräuber Samuel Clow und Mickey Kierney schleichen Nacht für Nacht auf die Friedhöfe, um die faulenden Leiber der kürzlich Verstorbenen wieder aus der Erde zu zerren. Die verkaufen sie dann an Ärzte und Studenten der Medizin.
Die beiden glauben, dass sie ganz allein sind. Doch im trüben Licht des Mondes lauert der Leichenkönig auf sie …

Auf Tim Curran gibt es die Gänsehaut-Garantie!

© Festa Verlag

Kritik:

Tim Curran gehört zu den Autoren, um die ich bislang immer herumgeschlichen bin, von denen ich aber noch nichts gelesen habe. Das hat sich nun geändert. Mit »Der Leichenkönig« ist jüngst im Festa-Verlag eine Novelle Currans veröffentlicht worden, bei deren Thematik ich nicht mehr widerstehen konnte. Ob es sich gelohnt hat? Ohne Zweifel. Aber lest selbst.

Als Erstes fällt auf, dass sich Tim Curran ausgiebig mit der Thematik ›Leichenräuber‹ beschäftigt hat. Neben einem kurzen historischen Einblick wirkt es auch in der eigentlichen Geschichte niemals, als ob der Autor sich irgendwas aus den Fingern saugt. Was er schreibt, scheint Hand und Fuß zu haben und ist jederzeit glaubwürdig. Das trägt zur Authentizität der Geschichte bei. Die Atmosphäre des Buches ist sehr bodenständig, dabei aber extrem düster und morbide. Das Edinburgh des 19. Jahrhunderts dürfte tatsächlich kein sonderlich angenehmes Pflaster gewesen sein, besonders wenn man zur Unterschicht gehörte. Auch in diesem Punkt gehen einige Glaubwürdigkeitspunkte an Curran. Dass man es mit einer Horror-Geschichte zu tun hat, blitzt zwar hier und da immer mal wieder durch, insgesamt kommt der Horror-Part aber erst spät zum Tragen. Das stört nicht weiter, denn auch bis dahin ist »Der Leichenkönig« ein schauriges, dunkles Werk. Über weite Strecken erinnert es an klassische Gruselstorys alter Meister. Im Lauf der Handlung wird es langsam noch düsterer, bis mit einer echt fiesen Pointe ein Schlussstrich unter die Geschichte gezogen wird.

Die Figuren sind ein Highlight. Samuel Clow und Mickey Kierney gehören als Grabräuber zum Bodensatz der Gesellschaft. Dementsprechend ist ihr Verständnis für Gesetz, Recht und Ordnung und alles, was dran hängt, nicht sonderlich ausgeprägt. Curran lässt aber durch seine Beschreibung der Beiden keinen Zweifel daran, wie sie so geworden sind. Eigentlich zwei Kerle, die man nicht mögen kann. Wären da nicht die Dialoge. »Der Leichenkönig« legt seinen Protagonisten Wortgefechte in den Mund, die immer wieder zum Schmunzeln animieren. Das klingt jetzt, als ob es der Geschichte unangemessen wäre? Ist es nicht. Denn auch der Humor, den Sam und Mickey im Umgang miteinander pflegen, ist alles andere als schöngeistig und freundlich. Tiefschwarz und zotig trifft es deutlich besser. Dadurch wirken sie fast schon wieder sympathisch. Zumindest, bis man sich ins Gedächtnis ruft, dass sie gerade Witze darüber machen, eine Leiche auszubuddeln und zu verkaufen. Insgesamt also eine gelungene Mischung, die einen wesentlichen Anteil an der Qualität der Novelle hat.

Tim Currans Art zu schreiben hat mir extrem gut gefallen. Die Sprache des Buchs ist sehr bildhaft. Es gelingt dem Autor problemlos, das Gefühl zu vermitteln, auf den heruntergekommenen Straßen Edinburghs zu stehen und den Gestank nach Gosse, Krankheit und Tod in der Nase zu haben. In der Gewaltdarstellung hält sich »Der Leichenkönig« weitestgehend zurück. Die eigentliche Härte entsteht durch das Zusammenspiel von Atmosphäre, Thematik und Storytelling. Curran passt die seine Erzählweise an die Zeit der Handlung an. Die Novelle wirkt nicht wie ein moderner Horror-Roman mit einem Vintage-Anstrich. Das passt gut zum runden Gesamtpaket und wird durch Ben Sonntags Übersetzung stimmig ins Deutsche übertragen.

Fazit:

»Der Leichenkönig« bietet Freunden klassischer Gruselgeschichten wie auch Fans von modernem Horror eine überzeugende Mischung aus beiden Welten. Atmosphärisch ganz weit vorn wird die morbide Story von erfrischenden Dialogen aufgelockert und noch einmal aufgewertet. Da man im Festa Verlag den Lesern Value for money bieten möchte, kommt die Novelle zudem mit einem von Christian Endres geführten Interview mit Curran sowie der Kurzgeschichte »Die Leichenräuber« von Robert Louis Stevenson (genau, »Die Schatzinsel«) daher, auf welcher »Der Leichenkönig« in Grundzügen beruht.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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