dunkle halunkenTerry Pratchett – Dunkle Halunken
Sammlerausgabe inkl. Jack Dodgers London Guide

OT: Dodger
Taschenbuch: 528 Seiten
Verlag: Piper
Übersetzung: Andreas Brandhorst

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Klappentext:

Dodger ist ein Straßenjunge – doch nicht irgendeiner. Während eines Überfalls in den nächtlichen Gassen Londons rettet er einer Unbekannten das Leben, der betörend schönen Simplicity. Fortan setzt er alles daran, mehr über die Tat und die Herkunft der jungen Frau herauszufinden. Auf der Suche nach den Tätern bringt Dodger ganz nebenbei einen mörderischen Barbier namens Sweeney Todd zur Strecke und wird dadurch für ganz London zum Helden. Dies jedoch ruft einen geheimnisvollen Attentäter ebenso auf den Plan wie die Halunken, die Simplicity nach dem Leben trachten und ihren jungen Beschützer lieber früher als später tot sehen wollen … Dieser Band vereint erstmals den Originalroman »Dunkle Halunken« und den einzigartigen Reiseführer »Jack Dodgers London Guide«, in dem der Held die schillernde, aber vor allem schmutzige Welt seiner Heimatstadt zeigt.

© Piper Verlag

Kritik:

Auch auf die Gefahr hin, dass ihr den Namen Terry Pratchett schon nicht mehr lesen könnt, kommt hier die nächste Rezension. »Dunkle Halunken« war Sir Terrys 50. Roman und sein 7. eigenständiges Buch abseits der Scheibenwelt. Es führt uns in das London des späten 19. Jahrhunderts und wurde jüngst vom Piper Verlag zusammen mit »Jack Dodgers London Guide« als Sammlerausgabe wiederveröffentlicht.

Zunächst möchte ich mich auf den eigentlichen Roman konzentrieren. »Dunkle Halunken« wirft den Leser von der ersten Seite an in ein düsteres, da zeitgemäßes, London. Was man natürlich relativ sehen muss. Wenn man eines von Pratchett gelernt hat, ist es die Tatsache, dass ein Augenzwinkern alles gleich viel fröhlicher wirken lässt. Und genau das passiert auch hier. Durch ein kleines Schmunzeln hier und da wirkt selbst die Kanalisation Londons (auch wenn man den Geruch dank den sehr gelungenen und detaillierten Beschreibungen fast in der Nase zu haben glaubt) wesentlich weniger unangenehm, als es eigentlich der Fall ist. Dennoch ist »Dunkle Halunken« einer der direktesten Romane aus Pratchetts Feder. Da der Fantasyaspekt entfällt, sind die angebrachten Kritiken und Lebensweisheiten treffender als in den Scheibenweltromanen. Auch wenn sich vieles davon natürlich auf das alte London bezieht, sind viele Anmerkungen gegeben, die direkt auf unsere moderne Zeit abzielen. Das konnte Pratchett schon immer gut – und zwar, ohne die Moralkeule zu schwingen. Die Geschichte selbst ist spannend und temporeich, es kommt beim Lesen also keine Langeweile auf. Besonders die Momente, in denen Dodger auf bekannte (Charles Dickens) oder auch erfundene Persönlichkeiten (Sweeney Todd) trifft, wissen zu gefallen.

Die Charaktere sind insgesamt typisch für Sir Terry. Seine Helden sind durchweg liebenswert, ohne dabei zu reinen Saubermännern zu werden. Dodger ist ein sogenannter ›Tosher‹, ein Mensch, der in der Kanalisation nach Wertgegenständen sucht, und weit davon entfernt, ein Held zu sein. Zumindest zu Beginn der Geschichte. Die Entwicklung, die er mehr oder minder wider Willen macht, ist jedoch großteils glaubwürdig. Sie steht vor allem unter der Botschaft, dass man Menschen nicht nach dem Äußeren und dem ersten Eindruck beurteilen sollte. Hinter Dodger steckt mehr als Jauchegeruch und zerrissene Kleidung. Mir gefällt, wie »Dunkle Halunken« mit Persönlichkeiten wie Charles ›Charlie‹ Dickens umgeht (in dem nach meinem Gefühl eine Menge Terry Pratchett himself steckt). Insgesamt empfand ich alle Figuren, seien es nun historische oder fiktive, sehr schön und stimmig in die Geschichte eingebunden.

Über Pratchetts Stil noch Worte zu verlieren scheint mir fast sinnlos. Da »Dunkle Halunken« sich aber zumindest teilweise von der Scheibenwelt unterscheidet, muss ich aber zumindest kurz darauf eingehen. Auch dieser Roman hat zwar weitestgehend einen humorigen Unterton, ist aber im direkten Vergleich zum Fantasy-Irrsinn insgesamt betrachtet deutlich ernsthaftiger ausgefallen. Das liegt zum einen natürlich an den realistischeren Figuren, zum anderen an dem Umstand, dass Pratchett seine Sozialkritik in diesem Werk deutlicher und greifbarer an den Leser bringen kann. Und das nutzt er. Auch die Fußnoten, die sonst gern dazu genutzt wurden, noch einen kleinen Witz unterzubringen, sind hier selten zu finden und haben zumeist einen erklärenden Effekt. Übersetzt wurde der Roman von Andreas Brandhorst. Und auch dazu muss man nicht mehr viel sagen, denn kaum jemand kennt Pratchetts Sprache so gut wie er. Dementsprechend rund liest sich die deutsche Übersetzung natürlich auch.

»Jack Dodgers London Guide« ist ein nettes Gimmick zum Roman. Mehr allerdings nicht. Das liegt nicht am Inhalt, der schön aufgearbeitet ist und noch etwas mehr in die Tiefe geht, als es »Dunkle Halunken« selbst möglich gewesen wäre. Der London Guide ist eine Mischung aus Anekdoten, Hintergründen zu den historischen Persönlichkeiten und allgemeinen Informationen zum Leben im damaligen London. Natürlich kommentiert vom Verfasser des ›Reiseführers‹, Jack Dodger. Dass der eine eigene Ansicht zu den Geschehnissen bei Hofe und den hohen Herren und Damen hat, sollte von vornherein klar sein. Dazu gibt es zeitgenössische Zeitungsartikel und die wundervollen Illustrationen von Paul Kidby, der neben dem im Jahr 2001 verstorbenen Josh Kirby maßgeblich für die Optik der Pratchett-Veröffentlichungen war. Warum also nicht mehr als ein Gimmick? Weil sich das Taschenbuchformat nur bedingt für eine Veröffentlichung wie »Jack Dodgers London Guide« eignet. Es schreit nach einem großen Format und einer liebevollen Aufmachung. Wer also die Wahl hat, sollte stattdessen zur Hardcoverausgabe, die ebenfalls bei Piper erschienen ist, greifen.

Fazit:

9»Dunkle Halunken« ist einer der wohl realistischsten Romane Terry Pratchetts und zudem eine Hommage an den großen Geschichtenerzähler Charles Dickens. Und es ist ein Rundum-Glücklich-Paket. Die Figuren sind gelungen und durch den fehlenden Fantasyeinschlag sehr nachvollziehbar und bodenständig. Die Atmosphäre ist, allem Humor zum Trotz, gut eingefangen und weiß zu gefallen. Die Geschichte um Dodger selbst hat Dramatik, Spannung und eine Menge Schmunzelmomente. Alles, was man von Pratchett erwartet also. Mit »Jack Dodgers London Guide« packt der Piper Verlag zudem ein nettes Gimmick mit in die Veröffentlichung, welches zwar unter dem Taschenbuchformat leidet, aber immer noch manch wissenswertes und unterhaltsames aus der Welt von Jack Dodger erzählt.

Wie steht ihr zu Pratchetts Romanen abseits der Scheibenwelt? Lasst uns doch einen Kommentar da.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.