der outsiderStephen King – Der Outsider
OT: The Outsider

Taschenbuch: 752 Seiten
Verlag: Heye
Übersetzung: Bernhard Kleinschmidt

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Klappentext:

Im Stadtpark von Flint City wird die geschändete Leiche eines elfjährigen Jungen gefunden. Augenzeugenberichte und Tatortspuren deuten unmissverständlich auf einen unbescholtenen Bürger: Terry Maitland, ein allseits beliebter Englischlehrer, zudem Coach der Jugendbaseballmannschaft, verheiratet, zwei kleine Töchter. Detective Ralph Anderson, dessen Sohn von Maitland trainiert wurde, ordnet eine sofortige Festnahme an, die in aller Öffentlichkeit stattfindet. Der Verdächtige kann zwar ein Alibi vorweisen, aber Anderson und der Staatsanwalt verfügen nach der Obduktion über eindeutige DNA-Beweise für das Verbrechen – ein wasserdichter Fall also?

Bei den andauernden Ermittlungen kommen weitere schreckliche Einzelheiten zutage, aber auch immer mehr Ungereimtheiten. Hat der nette Maitland wirklich zwei Gesichter und ist zu solch unmenschlichen Schandtaten fähig? Wie erklärt es sich, dass er an zwei Orten zugleich war? Mit der wahren, schrecklichen Antwort rechnet schließlich niemand.

© Heyne Verlag

An Stephen King scheiden sich mittlerweile die Geister. Viele Leser der ersten Stunde würden sich wünschen, dass er ein bisschen zu seinen Wurzeln zurückkehrt, kompakter und weniger ausufernd schreibt; anderen gefällt eben jenes »Geschwafel«, wie es von der ersten Fraktion gerne mal genannt wird. Ich für meinen Teil mag beides, auch wenn ich auf dem Standpunkt stehe, dass King mittlerweile ziemlich weit vom Horror entfernt ist. Und schon ein schneller Blick auf »Der Outsider« lässt erkennen, dass sich auch mit seinem aktuellen Werk nicht viel daran ändern wird.

Im Gegenteil, King bedient das Publikum, welches bereits seine Bill-Hodges-Reihe gefeiert hat und bleibt dieser neuen Erzählweise treu. Zunächst scheint es, als ob man es mit einem absolut bodenständigen Krimi zu tun hat, erst nach und nach wird offensichtlich, dass die Geschichte einen deutlich mysteriöseren Hintergrund hat. Eigentlich könnte man fast sogar sagen, dass »Der Outsider« zwei verschiedene Geschichten erzählt, die durch einen Metaplot miteinander verbunden sind und von denen jede für sich tatsächlich in der Lage gewesen wäre, einen eigenen Roman zu füllen. Die Spannung entsteht dabei zunächst einmal durch die Frage, ob und wie es sich bei einem verhafteten Kindertrainer auch um einen Kindermörder handelt und später … tja, das lässt sich ohne Spoiler nur schwerlich niederschreiben, aber so viel sei erwähnt: Man bekommt es mit einer Hetzjagd nach besagtem Outsider zu tun, die – für King mittlerweile typisch – aber weitestgehend gemächlich vonstatten geht. Das eher ruhige Tempo lässt leider die eine oder andere Länge entstehen, was hinsichtlich des wieder einmal über 700 Seiten liegenden Umfangs aber noch zu verkraften ist. Man sollte vor allem auch damit rechnen, dass King mehr zu sagen hat. Den Outsider kann man (und, so wie ich den Autor einschätze, ist das durchaus gewollt) als eine Parabel auf Trump oder die AfD sehen, auf alle jene, die sich von der Furcht der Menschen ernähren. Und das gefällt mir richtig gut.

Die Figuren sind schon seit langem die eigentliche Stärke Kings und auch »Der Outsider« macht hier keine Ausnahme. Das Gemisch aus unterschiedlichen Charakteren und Motivationen ist geprägt von Zweifeln aneinander und an sich selbst. Hieraus zieht die Story auch einen guten Teil ihrer Wirkung und nicht zuletzt auch Glaubwürdigkeit, denn insbesondere Detective Ralph Anderson wird immer wieder dazu gezwungen, sich mit seinen Ermittlungsergebnissen auseinander zu setzen und seinen Geist auch für das zu öffnen, was ihm als Cop der alten Schule absolut falsch vorkommt: dem Übernatürlichen. Zudem gibt es ein Wiedersehen mit Holly Gibney aus den Hodges-Romanen. Für Kenner der Reihe mag das ein durchaus nettes Gimmick sein, wer “Mr. Mercedes” & Co. allerdings nicht kennt, wird so seine Schwierigkeiten haben, den Erinnerungen und Bezügen folgen zu können. Somit könnte man fast sagen, dass »Der Outsider« ein inoffizieller vierter Teil der Finders-Keepers-Geschichte ist.

Stilistisch muss man nicht viele Worte verlieren. King hat sich über die Jahre hinweg neu erfunden und setzt seinen Weg konsequent fort. Wer also zur »Schwafler«-Fraktion gehört, sollte vermutlich etwas Abstand zum Outsider halten, denn auch hier wird viel um- und beschrieben – sehr viel, so viel, dass es sogar mir (und ich mag die umfangreichen Ausarbeitungen eigentlich) mitunter etwas zu viel geworden ist. Stammleser und insbesondere Freunde der Bill-Hodges-Romane werden aber sicherlich auch mit »Der Outsider« absolut zufrieden sein.

Fazit:

Stephen King setzt mit »Der Outsider« auf sein Patentrezept, welches in der Vergangenheit gut funktioniert hat. Weg vom Horror, hin zu einer Mischung aus Krimi und Mystery bedient er das Publikum, welches auch an seinen letzten Veröffentlichungen Gefallen gefunden hat. Aber auch als langjähriger Fan muss ich gestehen: Mittlerweile wird es auch mir langsam zu viel. Zu viele und zu ausufernde Umschreibungen. Zu viele Geschichten, die in ein Buch passen müssen (die aber, so viel muss ganz klar gesagt sein, dennoch zu gefallen wissen!). Wer sich darauf einlassen möchte, wird sicherlich auch mit dem neuen King seinen Spaß haben – zumindest, wenn er die Vorgeschichte von Holly Gibney kennt, was man vielleicht im Klappentext hätte hervorheben sollen, um bei Neulesern lange Gesichter zu vermeiden.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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