abgeschnittenHardcover: 400 Seiten
Verlag: Droemer-Knaur

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Klappentext:

Rechtsmediziner Paul Herzfeld findet im Kopf einer monströs zugerichteten Leiche die Telefonnummer seiner Tochter. Hannah wurde verschleppt – und für Herzfeld beginnt eine perverse Schnitzeljagd. Denn der psychopathische Entführer hat eine weitere Leiche auf Helgoland mit Hinweisen präpariert.
Herzfeld hat jedoch keine Chance, an die Informationen zu kommen. Die Hochseeinsel ist durch einen Orkan vom Festland abgeschnitten, die Bevölkerung bereits evakuiert. Unter den wenigen Menschen, die geblieben sind, ist die Comiczeichnerin Linda, die den Toten am Strand gefunden hat. Verzweifelt versucht Herzfeld sie zu überreden, die Obduktion nach seinen telefonischen Anweisungen durchzuführen. Doch Linda hat noch nie ein Skalpell berührt. Geschweige denn einen Menschen seziert …

Kritik:

Mit Sebastian Fitzek verbindet mich eine Hass-Liebe. Mein erster Roman von ihm war „Die Therapie“, welchen ich ziemlich schnell abgebrochen habe. Mit „Nachtwandler“ hatte mich Fitzek dann aber wieder völlig für sich vereinnahmt. Nun fiel mir seine Kooperation mit Michael Tsokos in die Hände. „Abgeschnitten“ nennt sich das gute Stück und zumindest dem Klappentext nach ist es auch ziemlich interessant.

Schnell stellt sich aber leider heraus, dass Wunschdenken und Realität zwei völlig unterschiedliche Dinge sind. Es offenbart sich schnell, dass das Buch zwei unterschiedliche Geschichten erzählt, die grundsätzlich gar nichts miteinander zu tun haben, sondern zufällig zusammenlaufen (na ja, eigentlich eher mit aller Gewalt, einer Menge Sekundenkleber und ein paar Tackernadeln zusammengeballert werden). „Zufällig“ ist bei „Abgeschnitten“ ohnehin ein ganz großes Stichwort, denn immer dann, wenn die Situation ausweglos scheint, kommt von irgendwo ein plötzlicher Rettungsanker, mit dem man nicht rechnen konnte. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die Story unvorhersehbar wäre (ist sie nicht, sondern ab einem gewissen Punkt im Gegenteil sogar ziemlich durchschaubar), sondern vielmehr, dass sie konstruiert und an den Haaren herbeigezogen wirkt. Und dieses Muster zieht sich durch bis zum Ende. Das ist ein großer Dämpfer für die Spannung, denn irgendwann war ich an einem Punkt angekommen, dass ich mich nicht mehr fragen musste, ob die Protagonisten es schaffen werden, sich zu behelfen (oder ob sie es schaffen werden, Hannah zu retten), sondern einfach nur noch: „Welcher blöde Zufall hilft als nächstes weiter?“. Das ist offen gestanden ganz schwach. Und schlägt sich natürlich, zusammen mit den tütendoofen Figuren, auf die ich gleich noch zu sprechen komme, auch auf die Atmosphäre nieder. Zudem ist die Geschichte von Logiklücken durchsetzt, bei denen sich mir ernsthaft die Frage gestellt hat, welcher Lektor das so durchgewunken hat. Wie immer bei solch harscher Kritik findet ihr im Spoiler unten ein paar Beispiele. Äußerst fraglich ist auch die Message, die der Roman vermittelt, denn unter dem Strich hat alles diesen „Unser Rechtssystem ist Mist und Selbstjustiz das Mittel der Wahl“-Beigeschmack.

Die Figuren… der nächste Punkt, an dem „Abgeschnitten“ krankt und unter dem ich als Leser echt gelitten habe. Ja, wortwörtlich. Erstmal wäre da die Heldin von Story 1 (Ex-Freund-Stalker-Psycho-Macht-Mir-Das-Leben-Zur-Hölle), Linda. 24 Jahre jung, zeichnet Comics, hatte noch nie groß was mit Leichen zu tun und lässt sich von Protagonist Herzfeld (seines Zeichens Chef-Leichenschnibbler beim BKA Berlin) per Fernwartung dabei anleiten, wie sie eine Autopsie durchzuführen hat. Ohne, dass sie hinterfragt, ob die Geschichte, die er ihr aufgetischt hat, stimmt. Nebenbei lässt sie sich noch zu anderen Straftaten überreden, bei denen sie von Herzfelds Kumpel, den Deutschtürken Ender (der natürlich nur rein zufällig Hausmeister an der Klinik auf Helgoland ist) unterstützt wird. Glaubwürdig ist anders. Herzfeld ist dabei auch nur unwesentlich besser ausgefallen, besonders zum Ende hin sind seine Handlungsweisen nur noch aufgesetzt und pendeln ebenfalls zwischen unglaubwürdig und unlogisch. Ihm wird mit Ingolf an Multimillionärspraktikant zur Seite gestellt, der ziemlich trottelig ist und (man höre und staune) nebenbei auch diverse unglaubwürdige Züge hat. Oh, und muss beim Namen Sven Martinek noch jemand an diese grottenschlechte RTL-Actionserie “Der Clown” denken? Auf dieser Ebene also ein Totalversagen.

Abgeschnitten“ hat so viel falsch gemacht, überzeugt da wenigstens der Stil? Kurz und knapp: nein. Die Sprache des Buches ist an vielen Stellen sehr simpel gehalten, an anderen wiederum ziemlich verschwurbselt. So richtig auf den Putz haut das Autorenduo Fitzek/ Tsokos nur bei den Autopsieszenen, in denen dem Leser so manches Geschmadder um die Ohren fliegt. Nun gibt es natürlich Autoren, die das geschickt einbinden, um ihre Geschichten härter, realitätsnäher zu erzählen. Ich denke da an Menschen wie Simon Beckett oder Chris Carter, die beide ebenfalls nicht gerade zimperlich sind, dabei aber die wesentlichen Merkmale einer guten Story, also Spannung und interessante Figuren, nicht vernachlässigen. Bei „Abgeschnitten“ wirkt hingegen alles sehr Selbstzweckhaft, die blutigen Details im Fokus, die Geschichte mehr oder weniger dazu da, sie zu verbinden. Nein, auch hier: geht gar nicht.

[spoiler title=”Beispiele für Kritikpunkte – Achtung, Handlungsspoiler!”]

  • Lindas Verhalten als ganzes. Warum lässt sie sich überhaupt auf Herzfelds Vorschlag ein? Welcher klar denkende Mensch (besonders, wenn er sich von einem Stalker verfolgt fühlt) kommt beim Auffinden einer Leiche, die zufällig ein Handy dabei hat auf die Idee, die Nummer die dort im Display steht anzurufen, statt sich Hilfe zu holen? Die ganze Geschichte über sträubt sie sich gegen Herzfelds Anweisungen, führt sie aber trotzdem brav aus. Angefangen bei den Autopsien (für die sie, obwohl sie keine Ausbildung hat, ein erstaunlich gutes Händchen zeigt) bis hin zum Einbruch bei der Richterin.
  • Herzfeld fährt die ganze Zeit mit Ingolf im Porsche durch die Gegend und telefoniert dabei mit dem Handy. Erst als er sich auf den Fahrersitz setzt, verbindet sie das Telefon plötzlich auf magische Weise per BlueTooth mit der Freisprecheinrichtung. Unwahrscheinlich, dass es sich nicht auch schon auf dem Beifahrersitz verbunden hätte. Und: Ohne ein Pairing der Geräte (was bedeutet, dass er die Verbindung hätte bestätigen müssen) ist das technisch nicht möglich. Ja, ich habe es nachgelesen. Aufgefallen wäre es mir aber auch so.
  • Als Herzfeld mit BKA-Mann Leuthner telefoniert, will dieser sich in 30 Minuten noch einmal bei ihm melden. Zehn Seiten später sind 1.5 Stunden vergangen. Das Gespräch mit Leuthner wird mit keiner Silbe mehr erwähnt. Erst als Herzfeld und Ingolf von Martinek aufgegriffen werden, fällt diesem die SMS von Leuthner auf – jede mir bekannte Freisprecheinrichtung würde aber auf eine neue SMS hinweisen. Aber Porsche ist halt Billigzeug.
  • Im ganzen Krankenhaus ist der Strom ausgefallen, auch das Notstromaggregat verweigert seinen Dienst. Trotzdem kann Linda immer noch über’s Festnetz telefonieren.
  • Rettungshubschrauberpiloten lassen sie von zwei dahergelaufenen Verunfallten davon überzeugen, dass es eine wahnsinnig gute Idee ist, mitten in einem Sturm statt nach Cuxhaven nach Helgoland zu fliegen?
  • Lindas Stalkerfreund gelingt es die ganze Zeit über, sich in der Leichenhalle zu verstecken. Sogar, als sie direkt in der Kühlkammer neben ihm liegt?
  • Ingolf, der mit 14 Jahren schon 14 Millionen auf dem Konto hatte, hat nebenbei noch ein Patent entwickelt, welches ihm noch mal ein paar Millionen gebracht hat. Außerdem hat er seinen Vater, den Innensenator von Berlin, voll in der Hand. Für seine neue Idee bräuchte er Herzfeld nicht zwangsläufig, dass er ihm so hinterher rennt, ist einfach unglaubwürdig. Noch unglaubwürdiger ist aber, dass jemand so viel auf dem Kasten haben kann, der den Zweitschlüssel seines Wagens im Kofferraum des selbigen versteckt. Für den Fall, dass er sich mal ausschließen sollte *facepalm*
  • Die “In der Hölle”-Kapitel, eigentlich dazu angetan, noch ein bisschen mehr Brutalität in den Roman zu packen, funktionieren recht schnell nicht mehr, da zu offensichtlich wird, dass es sich bei dem Opfer dort nicht um Herzfelds Tochter Hannah handelt.[/spoiler]

Fazit:

2Um ganz ehrlich zu sein, fällt mir zu „Abgeschnitten“ nicht viel ein. Der Plot ist schnell durchschaut, die beiden erzählten Geschichten nur durch Zufälle miteinander verbunden. Zufälle hier, Zufälle da, so läuft die Geschichte ab, was die Entwicklung eines Spannungsbogens irgendwann im Keim erstickt. Die Figuren sind schwach, ihre Handlungsweisen nicht immer gut nachzuvollziehen oder schlicht und einfach völlig dämlich, zudem stecken einige dicke Logikschnitzer in der Geschichte. Die vermittelte Nachricht dahinter ist zudem sehr fragwürdig und allenfalls Stammtischniveau. Nachdem ich also gerade wieder eine recht freundschaftliche Basis zu Fitzek aufgebaut hatte, sage ich jetzt nur noch frei nach Revolverheld: „Pack deine Sachen ein und raus, du bist hier jetzt nicht mehr zuhaus. Und scheiß auf Freunde bleiben.“ Zumindest wird es bis zur Versöhnung recht lange dauern.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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