OT: Bloodstorm

Taschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Atrium Zürich

Mehr zum Buch auf der Verlagsseite

Klappentext:

Sam Millar kennt Gewalt. Die, die er erfahren hat. Und die, die er verübt hat. Eine außergewöhnliche Krimiserie – von einem Autor mit einer Vergangenheit.

»Sie öffnete die Augen. Was sie sah, erfüllte sie mit Entsetzen. Ein Stück Knochen ragte wie ein bleiches Teleskop aus ihrem linken Bein. Stimmen schossen ihr wie Querschläger durch den Kopf. Sieh nach, ob sie tot ist. Machst du Witze? Klar ist die tot. Manisches Gelächter. Bestien. Schneid ihr die Kehle durch. Sicher ist sicher. Sie begann zu beten: Macht schnell.« Zwanzig Jahre danach: Karl Kane ist Privatermittler in Belfast. Als eine männliche Leiche im Stadtpark gefunden wird, erhält er den Auftrag, herauszufinden, warum der Mann sterben musste. Die Motive seines Auftraggebers sind undurchsichtig. Doch Kane braucht das Geld. Als noch mehr Menschen auf verstörende Weise ermordet werden, merkt er, dass er niemandem mehr trauen kann. Dann holt ihn die eigene Vergangenheit ein, und es wird kalt in Belfast – sehr kalt.

Kritik:

Ein Autor mit Vergangenheit also… schon alleine die war Grund genug zu sagen “Das muss ich lesen!” Warum? Ganz einfach. Millar hat tatsächlich eine sehr bewegte Vergangenheit. Als Teenager Mitglied der IRA, in den späten 70ern deswegen im Knast gesessen. Guter Start. In den 90ern in die USA ausgewandert, dort an einem der schwersten Raubüberfälle der Geschichte beteiligt gewesen. Über 7 Millionen Dollar erbeutet, geschnappt worden, wieder im Bau gelandet. Schließlich zurück nach Irland ausgeliefert worden, die Reststrafe dort abgesessen und dann angefangen, Krimis zu schreiben. Interesse geweckt? Dachte ich mir! Und sorry Willy, es ist doch wieder ein Buch geworden.

Analog zu seiner Vergangenheit macht Sam Millar auch in seinem Debüt-Werk “Die Bestien von Belfast” keine Gefangenen, sondern schmeißt den Leser direkt in eine knüppelharte Auftaktszene. Keine Figureneinführung, nur fiese Gewalt, bei der man sich zunächst fragt “Ist das sein Ernst?”. Danach geht er es aber ruhiger an und beginnt einen Spannungsbogen aufzubauen, der konstant nach oben geht und den Leser in die düstere Welt des Privatdetektivs Karl Kane mitnimmt. Man wird auf zwei verschiedene Handlungsstränge geführt, die zwar offensichtlich miteinander verwoben sind, bei denen aber lange Zeit unklar bleibt, welche genaue Verbindung sie nun miteinander haben. Ein Rezept, welches natürlich funktioniert, da die Neugier geweckt und immer weiter genährt wird. Wendungsreich ist “Die Bestien von Belfast” zwar nicht unbedingt, bietet zumindest zum Finale hin aber einen Plottwist, der unvorhersehbar und doch zugleich so offensichtlich gewesen ist, dass einem auf der einen Seite der Kiefer überrascht auf die Tischkante knallt, man sich auf der anderen aber zugleich mit der flachen Hand gegen die Stirn schlagen will, weil man es nicht hat kommen sehen. Gut!

Die Figuren sind dabei ein absolutes Zugpferd. Hauptakteur Karl Kane ist kein Held im klassischen Sinn, sondern sehr schön im von mir sehr geschätzten Hard Boiled-Stil aufgebaut. Eigentlich ein sarkastischer Loser mit permanenten Geldproblemen, auf der anderen Seite aber auch irgendwie total sympathisch. Auch die Nebenfiguren sind gut gezeichnet, verblassen aber gegenüber dem Serienhelden etwas, auch wenn ich hinsichtlich der bisher zwei erschienenen Nachfolger recht sicher bin, dem einen oder anderen noch einmal über den Weg zu laufen. Nachvollziehbar und logisch in ihren Handlungsweisen sind sie zumindest alle, was bei einem Roman wie “Die Bestien von Belfast” ja auch letztlich schon die halbe Miete ist.

Auch vom Stil her ist Sam Millar überraschend gut. Natürlich ist seine persönliche Vergangenheit ein ziemliches Zugpferd für den Buchverkauf, auf der anderen Seite sagt sie aber auch überhaupt nichts darüber aus, ob schriftstellerisches Talent in ihm steckt. Hier kann man ganz klar Entwarnung geben. Millar kann was. Seine Schreibe ist knapp und prägnant auf den Punkt, mit einer gehörigen Portion sarkastischem und zynischen Humor. Er scheut sich auch nicht, die Gewaltkeule zu schwingen, wenn es sein muss, driftet dabei aber nicht in die selbstzweckhafte Brutalität ab, der Roman wird von allen anderen Aspekten sehr viel mehr getragen als von den heftigen Passagen. Sehr gelungen auch die Übersetzung von Joachim Körber – aber das war ja fast schon zu erwarten.

Fazit:

Sam Millars “Die Bestien von Belfast” war genau mein Ding. Ein bis zum Schluss undurchsichtiger Krimi mit einem dubiosen Privatermittler in der Hauptrolle, der seine große Klappe nur mit äußerster Mühe in den Griff kriegt. Und auch nur, wenn es gar nicht mehr anders geht. Spannend von Anfang bis Ende und getragen von eine dreckigen, rotzigen Atmosphäre war der Roman ein sehr unterhaltsames Werk und hat zudem unter Beweis gestellt, dass der Autor nicht nur auf Grund seiner Vergangenheit einen Blick ins Buch verdient hat. Die beiden Nachfolger sind mittlerweile schon bei mir eingezogen.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

Letzte Artikel von Sebastian (Alle anzeigen)