Philip K. Dick – Das Orakel vom Berge

OT: The Man in the High Castle
Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: Fischer Verlage

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Klappentext:

Was, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? Diese Frage machte Philip K. Dick zum Ausgangspunkt seines waghalsigsten und berühmtesten Romans.

Amerika 1962: Das Land ist geteilt – die Westküste japanisch, der Osten deutsch. Nur in den Rockies gibt es eine neutrale Zone. Dort sucht die junge Judolehrerin Juliana einen mysteriösen Autor, der den Widerstand entfachen könnte. Nur er scheint zu wissen, wie man dem Albtraum der falschen Geschichte entkommt.

Das Original zur US-Erfolgsserie »The Man in the High Castle«

© Fischer Verlage

Kritik:

Philip K. Dick zählt zu Recht zu den bekanntesten und wichtigsten Science-Fiction-Autoren der Neuzeit. Viele seiner Werke, vor allem seiner Kurzgeschichten, wurden mit großem Erfolg auf der Leinwand umgesetzt. Nennenswert sind vor allem »Minority Report«, »Total Recall« und natürlich »Blade Runner«. Im Jahr 2015 wagte sich Amazon für eine Serienumsetzung an den Stoff von »The Man in the High Castle«, welches ursprünglich unter dem Titel »Das Orakel vom Berge« erschienen ist. FISCHER-Tor hat eine Neuauflage, natürlich mit dem werbeträchtigen Originaltitel, auf den Markt gebracht.

Wer auf Grund besagter Serie zum Buch gefunden hat, sollte zu Beginn vor allem Folgendes tun: Diese Umsetzung irgendwo ganz tief in den Hinterkopf verbannen. Abgesehen vom Setting und einigen der Hauptfiguren hat »The Man in the High Castle« nicht viel mit »Das Orakel vom Berge« gemein. Na ja, die Handlung in Grundzügen vielleicht schon, aber es handelt sich bei der Serie insgesamt um eine sehr freie Adaption des Stoffes von Philip K. Dick. Und wie ich sagen muss, um eine Interpretation, die mir nach dem Lesen der Vorlage wesentlich interessanter scheint. Wo die Serie von Anfang an atmosphärisch dicht und mit einem stetig steigenden Spannungsbogen daher kommt, wirkt Dicks Roman mitunter fragmentiert und zusammenhangslos. Spannung baut sich nur langsam und bedingt auf, es fehlte mir die latente Gefahr, in der alle Beteiligten schweben (sollten). Dadurch zieht sich das Buch stellenweise. Die einzelnen Episoden der Handlung wirken in sich nicht schlüssig, die Auflösungen und Zusammenführungen haben mir nicht sonderlich gut gefallen. Atmosphärisch ist »Das Orakel vom Berge« der Serie jedoch überlegen. Dem Buch gelang es sehr gut, mich in die erschreckende Alternativwelt hineinzuziehen und ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie sich die unterschiedlichen Charaktere und die beiden Weltmächte darstellen.

Die Figuren haben mich ebenfalls nicht vollends überzeugen können. Man hat es mit einer Latte an Hauptakteuren zu tun, die jeweils einen eigenen Handlungsstrang zugewiesen bekommen. Diese kreuzen sich hier und da, sind insgesamt jedoch autark. Dick nutzt seine Protagonisten, um dem Leser menschliche Zweifel zu offenbaren, die insgesamt zwar nachvollziehbar erscheinen, jedoch in den meisten Fällen viel zu sprunghaft von Links nach Rechts und zurück springen. Besonders bei Childan ist das stetige Wechseln seiner Ansichten ab einem gewissen Punkt ermüdend, zumindest in der Schilderung. Dem Autor gelingt es aber zumindest, ein Gefühl dafür zu vermitteln, warum er immer wieder ins Zweifeln gerät. Von Juliana kann man das hingegen nicht behaupten. Hier hat sich mir nie so recht erschlossen, welche Motivation hinter ihrem Handeln steht. Im einen Moment denkt sie noch umfassend und uneigennützig, im nächsten (also eine halbe Seite später) steht nur ihr persönlicher Vorteil im Mittelpunkt. Das passt nicht zusammen. »Das Orakel vom Berge« konnte bei mir am ehesten mit Frank Frink punkten, der als eine der wenigen Figuren durchgehend nachvollziehbar daher kommt.

Worüber ich mich nicht beschweren kann, ist Dicks Stil. »The Man in the High Castle« ist rund und flüssig geschrieben. Zwar birgt der Roman kein übermäßiges Tempo und viel Action, was aber den Lesefluss nicht stört. Die Geschichte wird grundsätzlich in angenehmer wie angemessener Geschwindigkeit erzählt und Action ist in diesem Fall nicht nötig. Norbert Stöbes Übersetzung überträgt das sehr gut ins Deutsche.

Fazit:

»Das Orakel vom Berge« war ein Buch, an welches ich mit vergleichsweise hohen Erwartungen herangegangen bin. Letztlich ein Fehler. Die Figuren sind über weite Strecken nicht sonderlich glaubwürdig ausgefallen. Der Spannungsbogen stagniert hier und da auf Grund der fragmentierten Erzählweise. Dem gegenüber steht aber ein ansonsten flüssiger Schreibstil und eine Atmosphäre, die erschreckend ist. Philip K. Dick erzählt eine Was-Wäre-Wenn-Geschichte in einer eigens dafür geschaffenen Was-Wäre-Wenn-Welt. Hinsichtlich der aktuellen politischen Geschehnisse weltweit erscheint diese alternative Welt gar nicht mehr so abwegig. Das ist auch der schwerwiegendste Grund, warum »The Man in the High Castle« trotz aller Schwächen ein wichtiger Roman ist.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.