OT: Trust No One

Taschenbuch: 496 Seiten
Verlag: Heyne

Übersetzung: Frank Dabrock

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Klappentext:

Henry Cutter hat viele Menschen ermordet – sehr viele Menschen. Doch die Morde finden nur in seiner Imagination statt, denn er ist ein berühmter Thrillerautor. Eines Tages behauptet Cutter allerdings, die geschilderten Taten tatsächlich begangen zu haben. Niemand glaubt dem Autor, denn unlängst wurde bei ihm eine voranschreitende Demenz diagnostiziert. Cutter kann keiner Erinnerung mehr trauen. Das Problem ist nur, dass in seiner Umgebung plötzlich schreckliche Morde geschehen. Bestialisch – wie in den Büchern von Henry Cutter …

Kritik:

Bislang hatte ich ja noch nicht viele Berührungspunkte mit Paul Cleave, einzig sein Roman „Der 5 Minuten Killer“ war mir bekannt. Der hat mir seinerzeit auch recht gut gefallen, aber  „Zerschnitten“ hat mich alleine vom Klappentext her noch viel mehr angesprochen. Die Wahl der Hauptperson versprach, es mit einer ungewöhnlichen Geschichte zu tun zu bekommen.

Und es wird dann auch von der ersten Seite an schon klar, dass Cleave aus seinem alzheimerkranken Hauptakteur das Maximum herausholt. Immer wieder schickt der Autor den Leser im Lauf der rund 500 Seiten starken Geschichte auf die unterschiedlichsten Fährten, nur um diese dann wenig später wieder mit einem geschickten Dreh in eine völlig andere Richtung zu lenken. Jerry Greys (dessen Pseudonym Henry Cutter ist) Krankheit wird zum wichtigsten Werkzeug, denn „Zerschnitten“ ließ mich über weite Strecken im Unklaren darüber, ob die Ereignisse nun tatsächlich passieren, oder ob Jerry gerade wieder in seine eigene Geisteswelt eingetaucht ist. Auch das Einfließen des „Protokolls des Wahnsinns“, wie er sein eigenes Tagebuch nennt, trägt nicht dazu bei, die Geschichte übersichtlicher zu gestalten, denn es fehlen immer wieder (natürlich) genau die Seiten, die man bräuchte, um der Auflösung näher zu kommen. Das mag nun kein besonders einfallsreicher Trick sein, aber er ist sehr effektiv, denn zumindest wurde bei mir der Wunsch geweckt, wissen zu wollen, was nun wirklich passiert ist. Das sorgt natürlich dafür, dass der Roman keine klassische „Wer ist der Killer“-Geschichte ist, sondern sich zentral mit der Frage beschäftigt ob und wie weit die Hauptfigur mit den Ereignissen in Verbindung steht. Die Spannung bewegt sich dabei auf einem konstant hohen Level, zumal Cleave auch immer wieder Andeutungen fallen lässt, welche langsam aber stetig Licht in die Zusammenhänge bringen (oder besser gesagt: zu bringen scheinen – der englische Originaltitel „Trust No One“ ist sehr passend, viel passender zumindest als das deutsche „Zerschnitten„). Die tatsächliche Auflösung erfolgt dann tatsächlich erst kurz vor dem Ende des Buches, es folgt noch ein temporeiches Finale bevor der Roman dann mit einem ganz, ganz fiesen Abschluss um die Ecke kommt.

Die größte Stärke ist, neben dem permanent hohen Spannungslevel, Cleaves Hauptfigur. Die Wahl einer an Alzheimer erkrankten Person an sich ist schon recht ungewöhnlich, was der Autor aber aus eben jener Figur herausholt, ist genial. Es werden immer wieder Erinnerungsfragmente eingestreut, bei denen man sich aber nie sicher sein kann, ob es nun echte Erinnerungen sind. Anhand des Protokolls, in welchem Jerry seine Erinnerung zu wahren versucht, lässt sich großartig und sehr nachvollziehbar ein Blick in die Psyche Greys werfen, der geistige Verfall ist fast schon greifbar. Ich litt mit Jerry, ich hielt Jerry für einen eiskalten Killer, ich hoffte, dass Jerry kein Killer ist, ich war mir sicher, dass Jerry gelinkt werden soll. Es gibt die volle Bandbreite an Emotionen beim Leser und das gelingt, zumindest auf mich bezogen, nur den wenigsten Autoren. Ganz besonders, wenn sie Thriller schreiben. Auch die anderen Figuren in „Zerschnitten“ habe alle ihren ganz eigenen Charme und auch hier wird durch Greys Krankheit erst im Lauf der Zeit deutlich, um was für Charaktere es sich tatsächlich handelt, was ihre Intentionen sind. Und dabei gibt es auch noch die eine oder andere handfeste Überraschung zu entdecken.

Paul Cleave hat einen kurzen und knackigen Schreibstil. Auch wenn die Geschichte von „Zerschnitten“ sehr verworren ist, habe ich an keiner Stelle die Übersicht verloren. Man hat es hier zwar nicht mit einem übermäßig actionlastigen Buch zu tun, aber die Art und Weise, in der die Ereignisse hier erzählt werden, war trotzdem sehr kurzweilig, temporeich und unterhaltsam. Besonders gelungen fand ich dabei das Zusammenspiel der im Präsens erzählten aktuellen Ereignisse und Jerrys Protokoll, in welchem er in der Vergangenheitsform quasi einen Monolog an sich selbst hält, der nur ab und an mal von den Einwürfen seines Alter Egos Henry Cutter unterbrochen wird. Die Übersetzung von Frank Dabrock lässt keine Wünsche offen, liest sich flüssig und ohne auch nur einmal die Frage aufkommen zu lassen, ob Cleave dieses oder jenes tatsächlich auch so geschrieben hat.

Fazit:

Mit „Zerschnitten“ hat mich Paul Cleave absolut in seinen Bann ziehen können. Das Buch unterscheidet sich, schon alleine durch die Wahl der Hauptfigur, sehr von einem Großteil der durchschnittlichen Thrillerkost. Bis zum Schluss wird nicht klar, was nun tatsächlich passiert ist, wer Jerry Grey wirklich ist und wie er in all die Ereignisse verwickelt ist, die sich ebenfalls erst im Lauf der Geschichte gänzlich offenbaren. Nachvollziehbar wird dabei, fast schon im Vorbeigehen, ein Protokoll einer Krankheit gezeichnet, die man nach dem Genuss des Romans nicht einmal mehr im Spaß (ihr wisst, schon, Hausaufgabenalzheimer und so weiter) verwenden möchte. Für ein Buch, dass so untypisch ist, dass genial gezeichnete Figuren hat, dass bis zur letzten Seite spannend ist, kann natürlich nur die Höchstpunktzahl gezogen werden. Mein einziger Kritikpunkt wäre allenfalls die ungewöhnliche Haptik des Buches mit der stellenweise aufgerauten Oberfläche, die am Anfang doch sehr gewöhnungsbedürftig war.

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Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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