Matthias Oden – Junktown

Taschenbuch: 400 Seiten
Verlag: Heyne

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Klappentext:

Abstinenz ist Hochverrat!

Diese Zukunft ist ein Schlaraffenland: Konsum ist Pflicht, Rauschmittel werden vom Staat verabreicht, und Beamte achten darauf, dass ja keine Langeweile aufkommt. Die Wirklichkeit in »Junktown«, wie die Hauptstadt nur noch genannt wird, sieht anders aus. Eine eiserne Diktatur hält die Menschen im kollektiven Drogenwahn, dem sich niemand entziehen darf, und Biotech-Maschinen beherrschen den Alltag. Als Solomon Cain, Inspektor der Geheimen Maschinenpolizei, zum Tatort eines Mordes gerufen wird, ahnt er noch nicht, dass dieser Fall ihn in die Abgründe von Junktown und an die Grenzen seines Gewissens führen wird. Denn was bleibt vom Menschen, wenn der Tod nur der letzte große Kick ist?

© Heyne

Kritik:

Dystopien gibt es wie Sand am Meer. Wirklich frische Ideen hingegen findet man in diesem Genre eher selten. Das war einer der Gründe, warum mich Matthias Odens’ »Junktown« direkt angesprungen hat. Das Setting ist ungewöhnlich aber auf eine gewisse Art doch erschreckend greifbar. Beides Dinge, die interessant klangen und das Buch sofort auf die vorderen Plätze der »Muss ich lesen«-Liste geschoben haben.

Vom Start weg wird klar, dass Oden nicht darauf erpicht ist, Gefangene zu machen. Er wirft den Leser in die ziemlich kaputte Welt seines Romanerstlings und lässt ihn anfangs auch recht ratlos durch sie wandern. Keine großen Erklärungen sondern direkt nach vorn also. Das Zurechtfinden braucht einige Zeit, aber schließlich entfaltet die drogenschwangere Atmosphäre ihre volle Wirkung. Die Zusammenhänge und Geschehnisse, die zu diesem Setting geführt haben, entfalten sich ganz von allein. Als Leser bewegt man sich in einer Welt, die irgendwo zwischen einer kommunistischen und faschistischen Weltanschauung liegt. Man wird immer wieder mit eindeutig zweideutigen Begriffen wie dem ›Rauschparteitag‹ oder der ›Antikonsumistischen Armee Fraktion‹ konfrontiert. Sorgt hier und da mal für das Schlucken eines ziemlich bitteren Brockens, funktioniert aber ausnehmend gut. Genau auf diese Effekte baut »Junktown«, während öfters die Frage nach dem »Darf der das« auftaucht. Und klar, er darf. Der Roman entwickelt schnell ein hohes Tempo, der eingebundene Kriminalfall sorgt für Spannung und ist weitestgehend verwinkelt und undurchsichtig. Zum Ende hin kommt es dann zur einen oder anderen handfesten Überraschung, die absolut nicht vorhersehbar gewesen ist. Anders das Ende selbst. Es zeichnete sich bereits vergleichsweise früh ab, was zwangsläufig mit Hauptfigur Cain passieren wird. Das ist aber nicht weiter schlimm, sondern ein konsequenter Abschluss der Marschlinie, welche die Geschichte vorgibt.

Besagte Marschline zeichnet sich auch in den Figuren ab. Bedingt durch den staatlich verordneten Drogenkonsum (in welchem die sogenannten ›Goldenen Schützen‹ als Krone des Systems gelten) hat man es mit Charakteren zu tun, die fertig sind. Durch die Bank. Einigen gelingt es besser, das parteikonforme Verhalten mit Zufriedenheit zu kaschieren. Anderen, wie Hauptakteur Cain, fällt es schon zu Beginn schwer. Mit Voranschreiten der Geschichte und den damit einhergehenden Offenbarungen wird es ihm nur noch schwerer gemacht. Auch hier ist »Junktown« konsequent und die Figurenzeichnung wird, trotz der unvorstellbaren Grundsituation, immer realistischer und nachvollziehbarer. Matthias Oden ist eine Gratwanderung gelungen, vor der ich nur meinen Hut ziehen kann. Sympathieträger sucht man übrigens vergebens, aber auch das ist zwangsläufig ein Teil des Konzepts hinter dem Roman.

Auch der Schreibstil wusste gut zu gefallen und passt zur Story und dem Hintergrund wie die Faust aufs Auge. Bereits der erste Satz macht klar, was den Leser erwartet:

Die Sonne hievte sich über den Horizont und schien nieder auf ein Junktown, das den Morgen so teilnahmslos über sich ergehen ließ wie eine Cracknutte den letzten Freier nach einer viel zu geschäftigen Nacht.

Noch Fragen? Dachte ich mir. Diese Einleitung ist wegweisend für den Erzählstil des Romans. Jung, direkt und schmutzig geht es zu; analog zur Handlung und dem, was dem Leser auf den knapp 400 Seiten vor die Augen geballert wird. »Junktown« ist also nicht nur Name und Handlungsort zugleich, sondern insgesamt betrachtet genau das, für welches das Buch steht.

Fazit:

Mit »Junktown« hat Matthias Oden ein Romandebüt veröffentlicht, welches auf ganzer Linie zu überzeugen weiß. Eben weil es eine klare Linie bietet. Erzählstil, Atmosphäre und Figuren sind kaputt, fertig und schmutzig. Genau das, was eine gelungene Dystopie ausmacht. Das Buch wirft Fragen auf, die auch nach dem Lesen des Finales noch weiter im Kopf des Lesers umherschwirren. Auf der einen Seite ist das für Genrefans also leicht verdaulich und gern genommene Kost, auf der anderen Seite bleibt aber ein Nachhallen, welches dafür sorgt, dass das Buch eben mehr ist als nur einfache, leichte Unterhaltung. Runde Sache, runde Punktzahl!

Dystopie hin oder her, was denkt ihr darüber, einen Roman in einem solchen Setting zu schreiben? Darf der das? Lasst uns doch einen Kommentar da.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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