lovecraft countryMatt Ruff – Lovecraft Country
OT: Lovecraft Country

Hardcover: 432 Seiten
Verlag: Hanser Verlag
Übersetzung: Anna Leube, Wolf Heinrich Leube

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Klappentext:

Kultautor Matt Ruff begibt sich ins Chicago zur Zeit der Rassengesetze. Für alle denen Philip K. Dick, Pynchon und Matrix ein Begriff ist.

Atticus Turners Gefühle für seinen Vater waren schon immer zwiespältig. Doch als der verschwindet, macht Atticus sich wohl oder übel auf die Suche. Auch wenn die Spur nach „Lovecraft Country“ in Neuengland führt, Mitte der 50er Jahre ein Ort der schärfsten Rassengesetze in den USA. Mit Hilfe seines Onkels George, Herausgeber des „Safe Negro Travel Guide“, und seiner Jugendfreundin Letitia gelangt Atticus bis zum Anwesen der Braithwhites. Hier tagt eine rassistische Geheimloge, mit deren Hilfe Braithwhite junior nichts weniger als die höchste Macht anstrebt. Matt Ruff erzählt mit überbordender Phantasie und teuflischem Humor die wahnwitzigen Abenteuer einer schwarzen Familie.

© Hanser Verlag

Lovecraft gilt als einer der Mitbegründer der modernen Horrorliteratur. Alles schön und gut, allerdings – und damit oute ich mich an diesem Punkt erneut – konnte ich nie etwas mit ihm anfangen. So, jetzt isses raus und die ersten Leser sind abgesprungen. Für alle anderen folgt nun ein Einblick in meine Gedanken zu Matt Ruffs’ »Lovecraft Country«

Gleich zum Start sollte gesagt werden, dass der Roman an vielen Stellen fast wie eine Sammlung von durch einen Metaplot verbundenen Episodengeschichten wirkt. Das ist nicht zwangsläufig etwas Schlechtes, jedoch sorgt es im Fall von »Lovecraft Country« dafür, dass der Spannungsbogen mitunter wechselhaft daherkommt und über die gesamte Länge gesehen leider einige Einknicker hat. Ruff versteht sich zwar ausgezeichnet darauf, jedem seiner Akteure einen eigenen Storystrang zu verpassen, der sich grundlegend von denen der anderen Protagonisten unterscheidet, allerdings sind die Genregrenzen derart verschoben und verwinkelt gesteckt, dass sich kein konstanter Thrill einstellen möchte. Die einzelnen Episoden haben aber ihre Highlights, sodass man dennoch gut durch die Geschichte kommt. Und spätestens zum Finale hin gibt Ruff dann Gas und zeigt, dass Tempo und Spannung genau sein Ding sind. Richtig gut gefallen hat mir die Atmosphäre des Romans. »Lovecraft Country« spielt in den USA zur Zeit der Rassentrennung, was – insbesondere in den ersten Kapiteln, aber auch später immer wieder – sehr überzeugend und intensiv thematisiert wird. Aber: So gut die Atmosphäre auch sein mag, wer hinsichtlich des Klappentextes eine Story mit dem Setting eine lovecraftesken Stadt erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein, denn letztlich spielt nur die erste Episode in der mysteriösen Stadt Ardham.

Wer Matt Ruff kennt, wird schräge und skurrile Figuren erwarten. Hier gibt es keine Enttäuschungen, denn auch wenn ein Großteil der Protagonisten bodenständig daherkommt, haben sie doch alle einen gewissen schrillen Zug, der sie unverwechselbar und einzigartig macht. Das betrifft natürlich in erster Linie die Hauptakteure, denen durch die Episodenerzählweise und die immer wieder eingeflochtenen Rückblicke in die Vergangenheit auch entsprechend viel Raum zur Entfaltung geboten wird. Doch auch die Nebenfiguren wirken nicht wie Abziehbildchen sondern haben durchweg das gewisse Etwas und einen Funken Tiefgründigkeit, der sie nicht nur wie ein Mittel zum Zweck erscheinen lässt. Insbesondere der vorgebliche Antagonist Caleb Braithwhite wird zu einem undurchschaubaren und mysteriösen Charakter, dessen Loyalitäten und Motivationen man erst am Ende der Geschichte durchschaut. Das trägt dazu bei, den Metaplot über den vollen Umfang des Buches interessant und spannend zu halten.

Ruffs Stil weiß zu gefallen. Er schreibt auf eine gut zugängliche, aber nicht zu oberflächliche Art, was dazu führt, dass »Lovecraft Country« gut flutscht. Lediglich der ›teuflische Humor‹, mit dem das Buch beworben wird, bleibt nach meinem Geschmack die meiste Zeit über auf der Strecke. Das macht grundsätzlich nichts, da die Qualität insgesamt stimmt, könnte aber eine Erwartungshaltung erzeugen, die am Ende nicht erfüllt wird – ein Punkt, an dem der Klappentext im Allgemeinen sehr krankt. Wer sich dessen bewusst ist und darüber hinwegsehen kann, wird mit der deutschen Übersetzung von Anna und Wolf Heinrich Leube aber sehr zufrieden sein.

Fazit:

7Schade, dass »Lovecraft Country« auf Grund des Klappentextes Erwartungen schürt, die der Roman am Ende nicht halten kann. Der angepriesene Humor muss mit der Lupe gesucht werden und das Setting ist nur für eine Episode im namensgebenden Hinterland der USA zu finden. Wenn man diesen Umstand ausklammert, liefert Matt Ruff mit seinem aktuellen Roman aber eine starke Mischung aus verschiedenen Genres ab, die trotz kleiner Einbrüche im Spannungsbogen zumeist sehr unterhaltsam daher kommt und durch die greifbar feindselige Atmosphäre gegenüber den farbigen Hauptfiguren zudem sehr intensiv und heftig wirkt. Also immer noch eine Empfehlung wert – nur sollte man wissen, worauf man sich einlässt.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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