Die Leipziger Buchmesse liegt hinter uns. Ich war nicht einmal life dabei und trotzdem haben die hohen Wellen, die sie in der Nachlese aufwirft, auch mich erfasst.

Die thematische Vielfalt ist in der Literatur unerreicht. In Büchern sind Dinge möglich, die selbst Hollywood, moderne Tricktechnik und großartige Schauspieler nicht darzustellen vermögen. Für jeden Geschmack findet sich das passende Buch – unerheblich, ob man ein Freund klassischer Liebesgeschichten ist, sich vom Autor in die unendlichen Weiten des Weltalls tragen lassen oder mit einer Heldengruppe durch die Steppen eines fantastischen Welt ziehen möchte.

Damit hört die Vielfalt aber noch nicht auf. Literatur, Kunst, gibt es in den unterschiedlichsten Formen. Hierzu zähle ich unter anderem auch die immer noch von vielen belächelten Mangas. Hey, ich bin auch kein Freund von dickbrüstigen Schulmädchen, die sich mit fiesen Tentakelmonstern rumschlagen müssen. Aber selbst ich habe erkannt, dass der Begriff »Manga« für sehr viel mehr steht. Dass es in dieser Nische der Literatur gut erzählte und anspruchsvoll gestaltete Geschichten gibt, welche die gängigen Klischees hinter sich lassen. Wer es nicht glaubt, möge sich mit »Akira«, »Blade of the Immortal« oder »Vagabond« vertraut machen.

Mit der Mangakultur geht ein weiterer Trend einher, den man bis vor einigen Jahren vorwiegend in Hinsicht auf Computerspiele kannte. Cosplayer stecken eine Menge Zeit, Aufwand und Liebe in die Gestaltung von Kostümen, die den (meistens nicht) bunten Büchlein entnommen werden. Ein toller Trend! Vor der Kreativität und der Detailverliebtheit der Cosplayer kann man meiner Meinung nach nur den Hut ziehen. Außerdem bereichern sie den Messealtag mit neuen, bunten Facetten. Man könnte es auch »Fortschritt« nennen.

Der Fortschritt, oder die Vielfalt, scheinen aber immer noch nicht überall angekommen zu sein. In seiner Messenachlese lässt sich der SWR2-Literaturredakteur Carsten Otte unter dem Titel »Kein Ort für nackte Hasen« sehr geringschätzig über die Cosplayer aus, welche die LBM bevölkern. Man sollte dazu noch sagen, dass parallel die Manga-Convention in Leipzig stattfindet, sodass sich Überschneidungen in der Zielgruppe nicht vermeiden lassen. Was Otte daraus macht, will mir bis jetzt nicht so richtig in den Kopf gehen.

»Wenn sich Kinder in farbenfrohe Kostüme werfen, kann man sich freuen, wenn Teenies vor den Fotoapparaten zumeist mittelalter Herren viel Bein und viel Brust zeigen, mag man sich wundern, aber wenn minderjährige Cosplayer Gefallen an pornographischen Posen finden, sollten Erwachsene […] einschreiten.«

»Als die Schriftstellerin Asli Erdogan per Skype aus ihrem türkischen Arrest nach Leipzig zugeschaltet wurde, liefen halbnackte Hasen […] an dem Veranstaltungsort vorbei. Das zeigt vielleicht die Widersprüchlichkeit moderner Demokratien.«

»Selbst wenn Verboten etwas Autoritäres anhaftet, sollten die Kostümorgien endlich von der Messe verbannt werden. Es gibt kaum noch Berührungspunkte zwischen Buchmesse und Messefasching, […]«

Starker Tobak, den der Herr Otte da von sich gibt. Und gefährlicher Tobak noch dazu. Man mag zu den Kostümen stehen, wie man will und sich als Privatmensch auch gerne in abschätziger Form dazu äußern. Der Punkt ist aber: Otte ist in diesem Fall kein Privatmensch, sondern veröffentlicht seine Statements auf einer reichweitestarken Plattform. Zudem ist er ein Kulturredakteur eines großen Mediums. Wie mir scheint einer von denen, die sich selbst über die breite Masse erheben und Richter und Henker in Personalunion sein wollen. Darüber entscheiden möchten, was zur Kultur zählt und was nicht.

Zu Beginn seines Artikels konnte ich noch darüber lachen. Irgendwie zumindest, spätestens bei den pornografischen Posen und seiner Aussage über die Widersprüchlichkeit moderner Demokratien und dem Aufruf zum Verbot der Kostümorgien ist mir das Lachen aber im Hals steckengeblieben. Sofort kam mir der Begriff »entartete Kunst« in den Kopf – und was in der Vergangenheit mit entarteter Kunst passiert ist. Sorry, das mag nun vielleicht sehr weit ausgeholt sein, war aber mein erster Gedanke, als sich Otte (im übrigen unterlegt mit Bildern dieser leichtbekleideten Damen – riecht das nicht etwas nach Clickbaiting und Doppelmoralismus?) zwar zum Thema nackte Haut und politischer Aufbruchsstimmung äußerte, dabei aber mit keinem Wort erwähnte, dass auch das Compact-Magazin, eines der Aushängeschilder der neuen Rechten, mit einem gut besuchten Stand auf der Messe vertreten gewesen ist. Hier gilt also das Prinzip der Meinungs- und Kunstfreiheit? Und wie ist es, wenn wir einen Schritt weiterdenken? Was wird aus der Vielfalt der »herkömmlichen Literatur«, wenn die sogenannte »neue Ernsthaftigkeit« das ist, für was die Buchmessen stehen sollten? Sollen in einigen Jahren die Phantastik-Verlage kein Präsentationsrecht mehr haben, weil die Veröffentlichungen nicht mehr in den (von einigen Wenigen gewünschten) Kontext der Veranstaltungen passen?

Ottes Artikel rief nicht nur Reaktionen von empörten Cosplayern hervor, die – das sei zugestanden – in vielen Fällen unterhalb der Gürtellinie platziert waren. Das war natürlich vorauszusehen und ist zu einem Teil verständlich. Aber auch an anderer Stelle wurde sich ausführlich dazu geäußert. Sowohl die Leipziger wie auch die Frankfurter Buchmesse haben verlautbaren lassen, dass die Vielfalt gewünscht ist und auch weiterhin unterstützt werden wird. Lena Falkenhagen hat sich gleich zwei Mal mit dem Thema beschäftigt und nicht nur ihre eigene Reichweite, sondern sich auch auf der Plattform von Fischer-Tor, dem unter der Regie von Hannes Riffel entstandenen Phantastik-Imprint der Fischer Verlage, zum Thema geäußert. Spiegel Online geht unter dem Titel »Auch nackte Hasen sind politisch« und der (mir sehr sympathischen) Botschaft »Get over it, Feuilleton« auf die Statments von Otte und Falkenhagen ein.

Ich bin der festen Überzeugung, dass eine Veranstaltung wie die Leipziger Buchmesse das widerspiegelt, wofür die große Welt der Literatur in allen ihren Facetten schon seit Ewigkeiten steht: Vielfalt und Toleranz. Und ich bin der festen Überzeugung, dass sie das auch in Zukunft tun sollte. Ich will weiterhin Bilder von Cosplayern sehen, die gut gelaunt ihre Kreativität und ihr Hobby ausleben und den stellenweise so ernsten Messealltag mit ein paar farbigen Akzenten bunter machen. Denn ganz ehrlich: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich eine Asli Erdogan, die per Stream aus dem Arrest in der Türkei über Meinungsfreiheit sprach, sich an dem Anblick gestört hätte. Das wäre ja auch widersinnig, nicht wahr? Aber zumindest eines muss man Otte lassen: Mit seinem stellenweise ans populistische grenzenden Artikel hat er die Grundlage für einen Diskurs geschaffen, der offenbar dringend nötig ist. Seiner Meinung nach.

Wie steht ihr dazu? Wart ihr in Leipzig und haben euch die Cosplayer gestört? Oder seit ihr auch der Meinung, dass die Vielfalt, für welche Literatur im Allgemeinen und die LBM im Speziellen stehen, genau so erhalten bleiben sollte wie bisher?

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

Letzte Artikel von Sebastian (Alle anzeigen)