Leigh Bardugo – Das Lied der Krähen

OT: Six of Crows
Taschenbuch: 592 Seiten
Verlag: Droemer-Knaur
Übersetzung: Michelle Gyo

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Glory or Grave, Band 1

Klappentext:

Ein Dieb mit der Begabung, aus jeder Falle zu entkommen.
Eine Spionin, die nur „Das Phantom“ genannt wird.
Ein Verurteilter mit einem unstillbaren Verlangen nach Rache.
Eine Magierin, die ihre Kräfte nutzt, um in den Slums zu überleben.
Ein Scharfschütze, der keiner Wette widerstehen kann.
Ein Ausreißer aus gutem Hause mit einem Händchen für Sprengstoff.
Höchst unterschiedliche Motive treiben die sechs Außenseiter an, die einen gefährlichen Magier aus dem bestgesicherten Gefängnis der Welt befreien sollen. Kaz Brekker, Meisterdieb und Mastermind, ist nicht der Einzige, der Geheimnisse vor den anderen verbirgt – und natürlich steckt weitaus mehr hinter dem Auftrag, als die sechs „Krähen“ ahnen können…

© Droemer-Knaur

Kritik:

Ich habe von „Das Lied der Krähen“ das erste Mal erfahren, als uns von Knaur das Programm für 2017 vorgestellt wurde. Die Leseprobe, in der man Kaz Brekker direkt kennengelernt, hab ich verschlungen, und als ich fertig war, wusste ich, ich muss dieses Buch lesen. Es galt einen ganzen Sommer lang zu warten, aber am Ende hat es sich mehr als gelohnt. Als der Postbote endlich das Buch brachte und ich es auspackte, war ich positiv überrascht. Der Roman ist wunderschön aufgemacht. Nicht nur das Cover ist hübsch und vor allem passend gestaltet, der Rest des Buches ist außen herum schwarz (inklusive der Seiten), während sich in beiden Innenklappen Karten verstecken – eine von der Welt selbst, eine vom Eistribunal. Das ist in jedem Fall ein Buch, das Bücherregale schmückt.

Aber darum geht es ja nicht in erster Linie, also komme ich mal zum Wichtigstem: dem Inhalt. Bereits die Leseprobe vermittelte den Hauch eines Gaslight Empire, und sie hielt was sie versprach. Ich habe immer größten Respekt vor Autoren, die sich ganze Welten ausdenken, wie beispielsweise Tolkien oder Rowling, und Leigh Bardugo gehört definitiv dazu. Sie nimmt den Leser mit in die Welt von Ketterdam, Rawka, Novij Sem, Fjerda und Shu-Han und lässt ihn eintauchen, in die harte und raue Stadt Kerch, in der das schlimmste Viertel das sogenannte Barrel mit seinen zahlreichen Spielhallen ist. Hier regieren Gangs, bestehend aus Dieben, Gaunern und Betrügern. Der scheinbar schlimmste unter ihnen ist Kaz Brekker, auch genannt Dirtyhands, der die Dregs und die Krähen unter sich vereint. Und ausgerechnet Brekker ist es, der von einem reichen Krämer angeheuert wird, um einen Magier aus dem sichersten Gefängnis der Welt zu befreien, dem Eistribunal in Fjerda, bewacht von Elitesoldaten, den Drüskelle. Getrieben von Gier und der Aussicht auf Rache nimmt Kaz den Deal an. Ein Plan nimmt Gestalt an, und schon bald stechen die sechs Außenseiter, die Brekker angeheuert hat, in See, einer unmöglichen Mission und dem Eistribunal entgegen.

Leigh Bardugo ist eine ganz besondere Autorin. Von der ersten Seite an versetzt sie den Leser in eine schmutzige, fremdartige Welt und erzeugt lebendige Bilder von den Straßen Kerchs: von spitzgiebligen Dächern, windschiefen Bauten, nassem, schmutzigem Kopfsteinpflaster, Gaslaternen, bunten Freudenhäusern und Spielhallen, florierendem Tourismus. Von reichen Krämersvillen und geschäftigem Handel mit Waren und Aktien. Und kleinen Gaunern, die sich mit Betrug und Taschendiebstahl an den sogenannten „Täubchen“ bereichern. Alles vor der Kulisse der rauen See und einer auf den ersten Blick komplizierten, aber dann doch recht einfachen Politik. Leigh Bardugo schafft eine völlig neue Welt mit spielerischer Leichtigkeit und gebraucht dafür einen Stil, der intelligent und verschnörkelt ist, sich aber doch nie im Detail verliert, sondern immer noch kurz und knackig den genauen Punkt trifft. Eine ganz große Leistung, denn besonders diese Tatsache machte das Lesen zu einem echten Genuss. Die Geschichte nahm langsam an Fahrt auf, wurde immer rasanter, schoss aber zu keinem Zeitpunkt über das Ziel hinaus. Auch den Spannungsbogen gestaltete die Autorin in einer Art und Weise, die den Roman zu einem echten Pageturner machte.

Das Buch erzählt die Geschichte einer Mission, allerdings wird ganz leichtfüßig auch auf die Geschichte der Charaktere eingegangen, und zwar auf jede einzelne von ihnen. Hauptsächlich liegt der Fokus auf den sechs Krähen und ihren Geheimnissen: Kaz, das Mastermind; das Phantom Inej; der Scharfschütze Jesper, der Krämerssohn Wylan, die Grischa Nina und der Drüskelle Matthias. Jeder von ihnen hat eine Hintergrundgeschichte, jeder von ihnen trägt Geheimnisse mit sich. Geheimnisse, die auch der Leser unbedingt ergründen will. Und er wird nicht enttäuscht, denn nach und nach bringt die Autorin Licht ins Dunkel um ihre Charaktere. Und nicht zuletzt schafft Leigh Bardugo es ganz wunderbar, eine Linie zu fahren, die sowohl männliches als auch weibliches Klientel ansprechen dürfte, denn sie geht gar nicht zimperlich mit Gewalt um, ohne dabei unnötig abzudriften oder zu übertreiben, ebenso wenig wie sie es an Romantik fehlen lässt, ohne dabei kitschig zu werden, eher in kleinen, leisen Tönen.   Und so lernt man jeden Charakter kennen und lieben, sieht die Dinge aus ihren Augen und lernt ganz nebenbei, dass nicht alles schwarz und weiß ist, dass jede Wahrheit mehrere Seiten hat, dass Gerechtigkeit viele Gesichter hat.

Fazit:

Wie man schon an der Kritik bemerkt haben dürfte, gab es keine Kritik, was schlicht daran liegt, dass ich nichts gefunden habe, was ich hätte aussetzen können. Für mich persönlich ist „Das Lied der Krähen“ ein neues Lieblingsbuch und definitiv das Highlight 2017. Der Roman bringt einfach alles mit, was den Leser fesselt: einen spannenden Metaplot, sympathische Charaktere, mit denen man fiebert und in deren Geschichten man eintauchen will, eine zu entdeckende, neue Welt, einen wunderschönen Schreibstil und nicht zuletzt eine wirklich hübsche Aufmachung. So ansprechend, dass ich mir den zweiten von insgesamt zwei Bänden der Glory or Grave Duologie „Crooked Kingdom“ bereits bestellt hab, weil ich einfach nicht auf die Übersetzung warten kann, um zu erfahren, wie es weiter geht. Ganz große Literatur! Und ganz sicher wird jetzt auch die Grischa-Trilogie von Leigh Bardugo in mein Regal wandern, die zwar unabhängig von der Glory or Grave Duologie läuft, aber dennoch miteinander verbunden ist.

Ela

Ich bin quasi das Gegengewicht zu Sebastian. Ich schreibe über all das, was an ihm vorbei geht. Jugendromane, Frauenromane, auch mal der ein oder andere Thriller, Komödien, Filme, in denen es um Freundschaft und Liebe geht, Comic- und Buchverfilmungen....sowas eben. In meiner Freizeit befasse ich mich vorwiegend mit dem Lesen und Schreiben, mit Filmen und Büchern, mit meiner Familie und Freunden und natürlich mit meinen Tieren. Ich koche und backe gern und bin vermutlich das schlimmste Assassin's Creed Fangirl, dem du je begegnet bist. Und ich liebe Musik! Immer und überall.