Irvine Welsh – Kurzer Abstecher

OT: The Blade Artist
Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: Heyne Hardcore
Übersetzung: Stephan Glietsch

Mehr zum Buch auf der Verlagshomepage

Klappentext:

Alte Messer schneiden gut

Jim Francis hat endlich seinen Frieden gefunden. Zusammen mit seiner Frau und den beiden Töchtern führt er ein beschauliches Leben unter der Sonne Kaliforniens. Nichts mehr deutet darauf hin, dass er einst ein berüchtigter Straftäter war. Doch dann wird sein Sohn aus erster Ehe ermordet. Um der Beerdigung beizuwohnen, reist Jim noch einmal in die Stadt, die er nie wieder betreten wollte. Und auf Edinburghs Straßen flüstern die Leute: Franco Begbie ist zurück …

© Heyne Hardcore

Kritik:

Die Verfilmung zu Irvine Welsh’ Erstling »Trainspotting« brachte es innerhalb kürzester Zeit zum Kultfilm. Von vielen geliebt, von einigen auf Grund seiner drogenverherrlichenden Machweise verflucht, muss man dem Titel eines auf jeden Fall lassen: Er ist noch heute Kult und noch immer im Gespräch. Die Vorlage kenne ich nicht und auch der Film ist so lange her, dass ich mich kaum noch an ihn erinnern kann. Von daher war es vielleicht etwas gewagt, mir »Kurzer Abstecher« zuzulegen, welches die Weiterentwicklung des Vorzeigepsychos Francis Begbie aus besagtem Vorgänger erzählt.

Auf den ersten Blick hat der Roman mit der Vorlage dann aber gar nicht so viel zu tun. Begbie, mittlerweile unter dem Namen Jim Francis ein anerkannter Künstler, scheint zum treusorgenden Familienvater geworden zu sein. Doch schon nach einigen Seiten sieht man immer wieder die soziopathische Ader des guten Herrn durchschimmern, die mit seiner Ankunft in Schottland immer mehr an die Oberfläche tritt. Welsh ist es gut gelungen, eine vorgebliche Weiterentwicklung zu beschreiben, die unter der Vergangenheit und den geänderten Umständen leidet und das schlechteste im Menschen wieder zum Vorschein bringt. Diese tatsächliche Rückentwicklung hat einen morbiden Reiz, der sich in der nach und nach immer bedrohlicher und (man möge mir die Wortwahl verzeihen) abgefuckteren Atmosphäre niederschlägt. »Kurzer Abstecher« mag zwar kein klassischer Thriller sein, doch die Spannung ist auf einem hohen Niveau, insbesondere da die beiden unterschiedlichen Persönlichkeiten des Francis Begbie so interessant beschrieben und handwerklich gut umgesetzt sind, dass man unbedingt wissen möchte, welche von ihnen die Oberhand behält und ob die Rückkehr ins bürgerliche Künsterleben gelingt.

Die Charaktere des Buchs sind dabei vermutlich eine Verneigung vor den Fans des Vorgängers, denn viele von ihnen sind bereits in »Trainspotting« aufgetaucht. Für mich nun nicht gar so reizvoll. Lange her, kaum noch präsent, wir erinnern uns. Gelungen ist jedoch die nachvollziehbare Entwicklung des Hauptakteurs, der, trotz einiger auch sehr gut beleuchteter Nebencharaktere, in »Kurzer Abstecher« eine ziemliche One-Man-Show abliefert. Welsh gelingt es, dem Leser diese brutale und durchgeknallte Seite seiner Hauptfigur nahezubringen und ihn, trotz der sich später häufenden Gewaltexzesse, immer noch irgendwie sympathisch zu finden, ohne ihn dabei zu einem Antihelden der Marke Punisher werden zu lassen. Insgesamt also gut gelöst und dank der vielen psychologischen Ansätze immer noch mit einem gewissen Niveau verbunden.

Stilistisch kann ich »Kurzer Abstecher« nicht sonderlich gut einschätzen, wenn ich ehrlich sein soll. Eines von Welsh’ Markenzeichen ist die intensive Verwendung von schottischem Dialekt und Slang in den Dialogen. Das mag in der Originalfassung durchaus gut funktionieren und authentisch wirken, in der deutschen Übersetzung leidet der Aha-Effekt aber deutlich. Ich denke, dass Stephan Glietsch eine undankbare Aufgabe zuteilwurde, die zu lösen eine echte Gratwanderung gewesen ist. Überzeugen kann mich das Endergebnis nur bedingt. Wo die normalen Handlungspassagen schmissig und mit ordentlich Drive auch auf Deutsch gut wirken, sind die Dialoge nach einer gewissen Zeit nervig. Der Dialekt ist in erster Linie damit gelöst, letzte Buchstaben wegzulassen, aus einem ›nicht‹ wird also beispielsweise ein ›nich‹. Wie gesagt, ich will Glietsch keinen Vorwurf machen, insbesondere da ich unlängst selbst feststellen musste, wie schwer es ist, mit Slang umzugehen, wenn man die Wirkung nicht verfälschen will. Somit würde ich also sagen, dass es akzeptabel gelöst ist, der Reiz sich für mich aber schnell abgeschliffen und eine nervige Penetranz hinterlassen hat.

Fazit:

Ich bin unentschlossen. »Kurzer Abstecher« ist grundsätzlich kein schlechter Roman, die Story ist überzeugend und gut erzählt. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und die Folgen daraus wissen zu gefallen und sind, trotz aller Unwahrscheinlichkeiten bis zum überraschenden Ende, auch glaubhaft umgesetzt. Wenn da nur nicht die nach kurzer Zeit nervtötenden und nicht mehr stimmig wirkenden Dialoge gewesen wären, die den guten Gesamteindruck deutlich nach unten ziehen und definitiv verhindern, dass ich mir mehr von Welsh zu Gemüte führen werde.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

Letzte Artikel von Sebastian (Alle anzeigen)