OT: Bird Box

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Penhaligon

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Klappentext:

Ich sehe was, was du nicht siehst – und es ist tödlich!
Malorie ist hochschwanger, als immer mehr Menschen aus aller Welt von einem schrecklichen Wahnsinn befallen werden und sterben. Gleichzeitig häufen sich die Meldungen von etwas Unheimlichem, dessen bloßer Anblick die Raserei auslösen soll. Schon bald herrscht überall gespenstische Ruhe. Die wenigen Überlebenden haben sich in kleinen versprengten Gruppen zusammengefunden und verbarrikadieren sich in ihren Häusern. Malorie versucht alles, um die Menschen, die sie liebt, zu beschützen – in einer Welt, die von vier Wänden und verdunkelten Fenstern begrenzt wird. Und in der man den Tod erblickt, sobald man nur die Augen öffnet…

Kritik:

Normalerweise sind weder Horror noch Thriller wirklich mein Genre. Hin und wieder breche ich zwar mit Gewohnheiten (für Michael Robotham zum Beispiel), aber im Großen und Ganzen sind das, wie der geneigte Leser schon bemerkt haben dürfte, eher Sebastians Sparten. Was ich hingegen schon mag, ist ein gutes Endzeit-Setting. Und der Klappentext von „Bird Box“ klang ganz nach einem solchen Setting. Ich haderte eine ganze Weile mit mir, einfach weil mir der Autor gänzlich unbekannt ist und ich deshalb auch nicht einschätzen konnte, wie detailliert eventuelle Exzesse hier beschrieben werden. Aber das Thema reizte mich sehr, und so nahm ich das Buch schließlich doch zur Hand und sog es innerhalb eines Tages sprichwörtlich auf.

Die Geschichte von „Bird Box“ ist sogar relativ einfach gestrickt. Vier Jahre zuvor ist auf der Welt „etwas“ ausgebrochen, das die Menschen dazu treibt, verrückt zu werden und sich selbst umzubringen, mitunter erst nachdem sie einen kleinen Amoklauf hinter sich haben. Was dieses „etwas“ ist, weiß niemand. Malorie war damals schwanger und verbarrikadierte sich mit anderen Menschen in einem Haus. Jetzt – vier Jahre später – ist ein Großteil der Menschheit ausgerottet. Malorie lebt mit ihren beiden Kindern, die sie nur „Junge“ und „Mädchen“ nennt in dem kleinen Haus. Die Fenster sind verbarrikadiert, vor die Tür zu gehen ist nur mit Hilfe von Augenbinden möglich, denn recht früh und schnell waren sich die Medien damals einig, dass das, was die Menschen den Verstand verlieren lässt, etwas ist, was sie vorher gesehen haben. Aber Malorie lebt in Einsamkeit und sie träumt von einem besseren Leben, vor allem für ihre Kinder. Also macht sie sich auf die beschwerliche Reise in einem Boot flußabwärts, in der Hoffnung ein Lager zu finden, in dem sie sicherer sind und komfortabler leben können. Diese Reise kann aber nur mit verbundenen Augen stattfinden, und Malorie muss sich auf das geschulte Gehör der Kinder verlassen, die in diese Welt geboren wurden. Dennoch lauern auf dem Fluss allerlei Gefahren.

Erzählt wird Malories Geschichte abwechselnd in zwei Zeitlinien, sozusagen zwei Hauptstränge. Zum einen erzählt der erste Strang von der Reise auf dem Fluss und den Erlebnissen Malories und der Kinder. Zum anderen beschreibt der zweite Strang die Ereignisse vor der Geburt der Kinder, wie etwa den Ausbruch und Malories Einzug in das Haus. Diese Erzählweise war in keiner Weise anstrengend, im Gegenteil, sie fesselte mich extrem, denn als Leser brannte man darauf zu erfahren, was es denn mit alledem auf sich hat. Josh Malerman hat hier eine wunderbare Geschichte aufgebaut und lenkt die Gedanken des Lesers wirklich an unsichtbaren Fäden. Stellt sich also am Anfang noch die zentrale Frage WAS ist es, das die Menschen den Verstand verlieren lässt? , so lenkt er den Fokus nach und nach auf viele andere Fragen, die sich auftun: Warum haben die Kinder keine Namen? Wie ist Malorie in dem Haus gelandet? Was ist mit den anderen Bewohnern passiert? Dadurch rückt diese zentrale Frage am Ende in den Hintergrund. Desweiteren weiß der Autor auch, wie man eine wahnsinnig gute und bildgewaltige Kulisse in die Köpfe der Leser zaubert. Ich habe selten so ein lebhaftes und detailliertes Bild eines Buches vor Augen gehabt wie in diesem Fall. Glücklicherweise neigte er aber auch nicht zur Detailverliebtheit, auch nicht in expliziten Szenen (die am Ende nicht explizit sind, sondern einfach schnörkellos auf den Punkt gebracht), was ja aber bekanntermaßen Geschmackssache ist. Sebastian beispielsweise mag es detailliert, ich mag es in der Regel nur angerissen. Josh Malerman hat jedenfalls diese wunderbare Gabe, die Dinge auf den Punkt zu bringen, ohne Schmuck, einfach konkret. Großartiger Stil, toller Spannungsbogen, hier wurde meiner Meinung nach wirklich alles richtig gemacht. Denn aus der Hand legen mag man das Buch nicht mehr, wenn man einmal angefangen hat. Es gibt einige Aha-Effekte, die eine oder andere Überraschung, ein tolles Bild vom Untergang der normalen Zivilisation, einen fantastischen Spannungsbogen und einen wirklich angenehmen Schreibstil.

So begeistert ich von Bird Box auch war, es gab dann doch zwei winzige Wehmutstropfen. Kommen wir erst einmal zu den Figuren. Malorie ist hier natürlich die Protagonistin, aber leider bleibt sie ein bisschen farblos. Ich hab ihr die Rolle als liebende Mutter abgekauft, denn ich weiß, wie sehr die Geburt eines Kindes einen Menschen verändern kann. Ich konnte – und ich bin selber Mutter  – nicht einmal verurteilen, wie sie die Kinder abgerichtet hat, denn ich kann mir gut vorstellen, dass die moralischen Regeln, die wir in unserer Gesellschaft haben, sich ändern, wenn so eine Ausnahmesituation eintritt. Und es wurde zumindest glaubwürdig rüber gebracht, dass sie getan hat, was sie getan hat, um ihre Kinder zu schützen und weil sie sie liebt. Aber leider bleibt Malorie davon abgesehen relativ blass, denn der Leser erfährt wenig darüber, was für ein Mensch sie eigentlich war. Die Nebencharaktere sind genau das: Nebendarsteller. Nicht mehr und nicht weniger. Und während der eine oder andere ein wenig mehr Tiefe und Persönlichkeit auf den Leib geschneidert bekam, blieben andere leider völlig auf der Strecke, und man erfuhr überhaupt nichts über sie. Das tut der Begeisterung für das Buch aber kaum Abbruch, denn ehrlich gesagt, fällt es einem während des Lesens nur rudimentär auf (deswegen gibt es auch nur einen halben Punkt Abzug), dafür aber hinterher, wenn man die Ereignisse und Personen noch einmal im Kopf Revue passieren lässt. Der zweite Kritikpunkt ist ein Spoiler, also Achtung. Wie eingangs erwähnt, ist anfangs die große Frage, was die Menschheit so dezimiert hat. Nun, das wird nicht aufgeklärt. Obwohl ich kein Freund von offenen Enden bin und mich die Antwort schon interessiert hätte, gibt es aber auch hier nur einen halben Punkt Abzug, denn – wie auch schon erwähnt – Josh Malerman ist geschickt darin, den Leser von dieser Frage abzulenken und den Fokus auf andere Dinge zu legen.

Fazit:

Mit „Bird Box“ hat Josh Malerman einen Endzeit-Thriller geschaffen, der nicht mit Zombie-Gemetzel oder Splatter punktet, sondern ganz bewusst auf die Psyche des Lesers setzt und die Dinge, die sonst vielleicht eher außen vorgelassen werden: Einsamkeit, Isolation, Angst, ein Leben in Dunkelheit. Dafür gibt es die volle Punktzahl, denn das hat der Autor so brillant gemacht, dass man das Buch gar nicht aus der Hand legen mag. Einen kleinen Wehmutspunkt Abzug gibt es jedoch für die eine große, offene Frage am Ende und die fehlende Tiefe einiger Figuren. Dennoch ist der Roman eine Leistung, die sich absolut sehen lassen kann. Und ausnahmsweise wurde ein Buch mal zurecht mit einem ganz großen Klassiker verglichen, nämlich mit Hitchcock’s „Die Vögel“.

Ela

Ich bin quasi das Gegengewicht zu Sebastian. Ich schreibe über all das, was an ihm vorbei geht. Jugendromane, Frauenromane, auch mal der ein oder andere Thriller, Komödien, Filme, in denen es um Freundschaft und Liebe geht, Comic- und Buchverfilmungen....sowas eben. In meiner Freizeit befasse ich mich vorwiegend mit dem Lesen und Schreiben, mit Filmen und Büchern, mit meiner Familie und Freunden und natürlich mit meinen Tieren. Ich koche und backe gern und bin vermutlich das schlimmste Assassin's Creed Fangirl, dem du je begegnet bist. Und ich liebe Musik! Immer und überall.