Jordi Llobregat – Die Anatomie des Teufels

OT: El secreto de Vesalio
Klappenbroschur: 608 Seiten
Verlag: Blanvalet
Übersetzung: Stephanie Karg

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Klappentext:

Ein actionreicher historischer Thriller, so spannend wie Dan Brown und so atmosphärisch wie Carlos Ruiz Zafón.

Barcelona, 1888: Als der junge Gelehrte Daniel Amat die Nachricht vom Tod seines Vaters erhält, kehrt er nur widerwillig in seine Heimat zurück. Am Grab begegnet er dem Journalisten Bernat Fleixa, der glaubt, dass es Mord war. Doch die Polizei will nicht ermitteln. Als Daniel dann noch das mysteriöse Tagebuch seines Vaters in die Hände fällt, das auf ein geheimes Manuskript verweist, und immer öfter schrecklich zugerichtete Frauenleichen in den Altstadtgassen entdeckt werden, fragt sich Daniel: War sein Vater einem grausamen Verbrechen auf der Spur?

© Blanvalet

Kritik:

Schon der Einleitung des Klappentextes merkt man es an: Die Werbung nimmt den Mund ziemlich voll. Ich habe zwar noch nichts von Carlos Ruiz Zafón gelesen, Dan Brown ist mir allerdings ein Begriff. Und zumindest bis zum „Verlorenen Symbol“ habe ich seine Veröffentlichungen verschlungen. Die Messlatte wird also schon einmal sehr hoch gelegt, aber die Story selbst verspricht tatsächlich, dass es interessant werden könnte.

Zu Beginn wird der Leser dann jedoch erst einmal mit einer gehörigen Portion Verwirrung bedacht. „Die Anatomie des Teufels“ haut eine Menge verschiedene Figuren heraus, die auf den ersten Blick nicht übermäßig viel miteinander zu tun haben und bei denen auch zunächst nicht unbedingt klar ist, inwieweit sie mit der Geschichte zu tun haben. Das wirkt anfangs doch etwas unübersichtlich und macht es recht schwer, sich gut in den Roman einzufinden. Nach und nach werden die Fäden jedoch miteinander versponnen, sodass nach etwa einem Viertel ein recht gutes Gesamtbild entsteht, dem man auch ohne Schwierigkeiten folgen kann. Glücklicherweise überrollt Llobregat in seinem Erstling die Leser nicht noch zusätzlich mit einem übermäßig hohen Tempo. Action wird eher sparsam eingesetzt, der Autor konzentriert sich auf die Konstruktion eines ansprechenden Spannungsbogen, der vor allem im späteren Verlauf des Buchs durch immer wieder eingewobene Cliffhanger an den Kapitelenden getragen wird. Richtig Fahrt nimmt „Die Anatomie des Teufels“ dann zum Mittelteil hin auf. Hier kommt es dann auch immer wieder zu unvorhersehbaren und stimmig eingebauten Wendungen in der Geschichte. Bis dahin lebt das Buch in erster Linie von der durch Llobregat sehr schön eingefangenen und transportierten Atmosphäre des Barcelona im späten 19. Jahrhundert. Das Ende konnte mich allerdings nicht überzeugen. Der finale Twist ist nicht so überraschend, wie er wohl sein sollte. Auch wenn mir nicht klar war, was passieren würde, so war es doch logisch, dass das vorgebliche Ende noch nicht alles sein würde. Was allerdings noch folgte wirkte auf mich sehr aufgesetzt und gezwungen. Da habe ich mir fast schon gewünscht, dass man es doch beim offensichtlichen Ende belassen hätte.

Wie eingangs bereits erwähnt war der Roman vor allem zu Beginn durch einen Figurenoverflow geprägt. So viele Namen, und nicht alle von ihnen waren dauerhaft in der Geschichte präsent. Daraus resultierte, dass ich immer wieder einmal überlegen musste, wer nun Figur XYZ gewesen ist. Das ist schon ärgerlich, besonders da „Die Anatomie des Teufels“ mit einem tollen Hauptfiguren-Trio daher kommt, welches – zumindest aus charakterlicher Sicht – kaum unterschiedlicher sein könnte. Da wäre an erster Stelle natürlich Amat selbst. Schon zu Beginn zerrissen in seinen Gedanken und seiner Motivation steigert sich das mit Voranschreiten der Story zunehmend. Allerdings in einem Maß, welches durchaus glaubwürdig ist. Auch Sidekick Fleixa ist deutlich vielschichtiger, als es zu Beginn den Eindruck macht. Dann wäre da noch Pau, der … nein, das solltet ihr wirklich selbst lesen, denn besonders dieser Teil der Story ist sehr gelungen.

Dass „Die Anatomie des Teufels“ der erste Roman Llobregats ist, merkt man seiner Schreibe nicht an. Die sehr plastischen und greifbaren Beschreibungen von Örtlichkeiten und vor allem Personen sorgten dafür, dass das Kopfkino bei mir meistens auf Hochtouren lief. Sie sind ein wesentliches Qualitätsmerkmal und wussten die Geschichte an den Punkten, an denen der Spannungsbogen doch einmal etwas einknickte, ohne Schwierigkeiten zu tragen. Gekonnt! Stephanie Karg scheint bei ihrer Übersetzung also ganze Arbeit geleistet zu haben.

Fazit:

Die Anatomie des Teufels“ ist ein starker Roman, der gekonnt Thriller mit historischem Roman verbindet. Ganz deutlich muss man sagen, dass Jordi Llobregats größte Stärke in der Ausgestaltung und Beschreibung seiner Charaktere und Örtlichkeiten liegt, auch wenn sich die Spannungskurve zumeist auf einem zumindest guten Niveau bewegt. Am finalen Twist arbeiten wir allerdings noch etwas, damit er beim nächsten Mal nicht so aufgesetzt wirkt, gell? Denn das war tatsächlich ziemlich ärgerlich. Wem allerdings Ulf Torrecks „Fest der Finsternis“ gefallen hat, der dürfte auch hier seinen Spaß haben.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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