Jonas Jonasson – Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

OT: Hundraåringen som klev ut genom fönstret och försvann
Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Carl’s Books
Übersetzung: Wibke Kuhn

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Klappentext:

Allan Karlsson hat Geburtstag. Er wird 100 Jahre alt. Eigentlich ein Grund zu feiern. Doch während sich der Bürgermeister und die lokale Presse auf das große Spektakel vorbereiten, hat der Hundertjährige ganz andere Pläne: er verschwindet einfach – und schon bald steht ganz Schweden wegen seiner Flucht auf dem Kopf. Doch mit solchen Dingen hat Allan seine Erfahrung, er hat schließlich in jungen Jahren die ganze Welt durcheinander gebracht.

Jonas Jonasson erzählt in seinem Bestseller von einer urkomischen Flucht und zugleich die irrwitzige Lebensgeschichte eines eigensinnigen Mannes, der sich zwar nicht für Politik interessiert, aber trotzdem irgendwie immer in die großen historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts verwickelt war.

© Carl’s Books

Kritik:

Man sagt den Skandinaviern nach, dass ihre Bücher recht speziell sind. Im Fall der Schweden-Krimis würde ich das sogar unterschreiben, auch wenn sie mir nicht so unbedingt gefallen. Anders sieht es da bei den humoristischen Werken aus, »Ein Mann namens Ove« konnte mich zum Beispiel sofort begeistern. »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« hatte somit gute Chancen, ebenfalls ins Beuteschema zu passen.

Die Geschichte, welche schon in der Inhaltszusammenfassung vergleichsweise ungewöhnlich und abgefahren wirkt, behält diesen Eindruck auch weiterhin bei. Kaum ist Allan Karlsson mit Mühe (im wahrsten Sinn des Wortes) und Not (wie sich später herausstellt ist auch das wörtlich zu nehmen) der Feier zu seinem einhundertsten Geburtstag entkommen, überschlagen sich die Ereignisse, werden mit jeder Seite skurriler und abgefahrener. Der Zufall führt den Protagonisten in einen Kriminalfall, der – ebenso wie sein Lebensweg – von Unwahrscheinlichkeiten, Irrtümern und falschen Vermutungen vorangetrieben wird. Ein echter Krimi wird daraus zwar nicht, aber trotzdem bewegt sich die Grundspannung auf einem guten Niveau, welches zum Weiterlesen reizt. Noch mehr Anteil daran hat aber der Umstand, dass »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« sich nicht nur mit den aktuellen Geschehnissen aus Allans Leben auseinandersetzt, sondern mehr oder weniger eine Biografie darstellt. Parallel zur Flucht vor Gangstern, Polizisten und nicht zuletzt auch dem Pflegepersonal wird seine Vergangenheit bis ins kleinste Detail beleuchtet – und wer dachte, dass die Ereignisse der Gegenwart schon leicht bizarr sind, der sollte tatsächlich lesen, was Karlsson in seinem Leben schon so alles mitgemacht hat. Alles was wir über große politische Ereignisse wissen glauben – Fake News! Fragt Allan!

Logischerweise liegt der Fokus der Geschichte damit auch ganz auf unserem sympathischen Heimflüchtling. Autor Jonas Jonasson konstruiert einen Charakter, der durch die Absurdität der Geschehnisse zwar alles andere als realistisch zu sein scheint, allerdings werden die Begegnungen mit großen Persönlichkeiten wie Trueman oder Stalin dermaßen fantasievoll inszeniert, dass man sich als Leser fast schon wünscht, sie wären tatsächlich so passiert. Denn Fakt ist, dass die Welt dann ein wesentlich friedlicherer und freundlicherer Ort wäre. Allan als Handlungsträger hat eine Art und Weise an sich, die absolut liebenswert, wenn auch manchmal etwas naiv, wirkt und sehr schnell dafür sorgt, dass man ihn ins Herz schließt. Auch jeder seiner Weggefährten hat seinen ganz eigenen Charme, eine sympathische Ader – und sie alle wirken ziemlich verschroben und skurril. Das passt wie die Faust aufs Auge, sodass aus dem Figurenensemble eine Bande von abgefahrenen Charakteren mit einem sehr hohen Unterhaltungsfaktor wird.

Stilistisch war Jonasson zunächst etwas gewöhnungsbedürftig für mich. Eingangs wirkte »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« ziemlich trocken auf mich, denn Dialoge, die dem Text mehr Lebendigkeit verleihen würde, findet man nur selten. Außerdem beschränken sie sich auf vergleichsweise kurze Passagen, die nicht immer zu einer dynamischen Unterhaltung führen. Betrachtet man aber das Gesamtkonzept des Buches, ist diese Art der Gesprächsführung nur konsequent und passend. Zudem ist es der Humor, der mich schnell an das Buch gefesselt hat. Der Roman ist nicht für Freunde des brachialen Humors geschrieben sein, sondern richtet sich eher an Liebhaber der leisen, aber oftmals sehr treffenden Töne. Die Pointen sind gut auf den Punkt gebracht und die Spitzen treffen da, wo es angemessen ist. Das überzeugt und trifft genau ins Schwarze.

Fazit:

»Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« stellt die Geschichtsschreibung auf den Kopf. Autor Jonas Jonasson greift sich große Ereignisse der Weltgeschichte heraus und dichtet sie auf seinen Helden gemünzt um. Das funktioniert wunderbar und ist über weite Strecken Unterhaltung pur. Die sympathischen Figuren schließt der Leser schnell ins Herz und der mitunter bissige Humor war genau mein Ding. Mitunter dachte ich mir, dass so wohl ein Terry Pratchett geklungen hätte, wenn er seine Leser mit Alternativen Fakten aus unserer Welt versorgt hätte. Rundum empfehlenswert!

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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