alte freundeJohn Niven – Alte Freunde
OT: No Good Deeds

Hardcover: 352 Seiten
Verlag: Heyne Hardcore
Übersetzung: Stephan Glietsch

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Klappentext:

Zwei alte Schulfreunde. Craig war früher der charismatische Anführer, zu dem alle aufschauten und der zum Rockstar avancierte. Alan stand stets im Abseits, war Mitläufer. Dreißig Jahre später haben sich die Vorzeichen radikal geändert. Alan ist erfolgreicher Gourmetkritiker und Bestsellerautor, während sich Craig als Obdachloser auf Londons Straßen rumtreibt. Das Schicksal führt die beiden wieder zusammen. Alan greift seinem alten Freund unter die Arme und versucht ihn wieder auf die richtige Bahn zu bringen. Und bald ist nichts mehr so wie es war.

© Heyne Hardcore

Stammleser wissen, dass ich, was meine Lesevorlieben angeht, sehr gern rüber zur Insel blicke. Oder besser gesagt zu den Inseln, denn neben den Iren, deren Werke ich mit schöner Regelmäßigkeit feiere, habe ich auch eine Vorliebe für die Schotten, insbesondere John Niven. Das Hardcore-Label von Heyne passt gut zu ihm, und somit war ich auch auf »Alte Freunde« sehr gespannt.

Leider stellt sich schnell heraus, das in diesem Fall die Erwartungshaltung, befeuert von genialen Werken wie »Coma« oder »Old School«, wohl etwas hoch gewesen ist, denn anders als in diesen Büchern setzt Niven mit »Alte Freunde« auf eine vergleichsweise vorhersehbare Geschichte. Und das ist noch vorsichtig ausgedrückt, denn wo sich Protagonist Allen immer wieder von Pontius zu Pilatus wendet, wird dem Leser sehr schnell klar, in welche Richtung sich die Geschichte bewegen wird. Das nimmt dem Roman viel Spannung und somit auch eine Menge Reiz, wodurch die Motivation weiterzulesen an einigen Stellen doch sehr einknickt. Das ist schade, denn wer Niven kennt, weiß, dass er auch aus eigentlich nicht sonderlich gehaltreichen Storys sehr viel mehr herausholen kann. Was »Alte Freunde« fehlt, ist einfach dieser bitterböse zynische Touch, der sich durch die meisten Werke des Schotten zieht. Klar, hier und da blitzen diese Stärken durch, mitunter finden sich einige satirische Seitenhiebe, speziell auf das englische Establishment, doch insgesamt wirkte »Alte Freunde« auf mich doch recht zahnlos.

Zumindest bei den Figuren trumpft das Buch aber auf. John Niven präsentiert mit Allen und Craig zwei Typen, die aus dem gleichen Millieu stammen, jedoch zwei gänzlich unterschiedliche Entwicklungen durchgemacht haben. Das führt dazu, dass Craig, früher erfolgreicher Musiker, heute Obdachloser, und sein ehemals bester Kumpel, früher erfolgloser Möchtegern-Musiker, heute gefeierter und mit der Oberschicht verbandelter Restaurantkritiker, wunderbar ungleich wirken, obwohl sie sich doch eigentlich so ähnlich sein müssten. Das hieraus ein ziemliches Konfliktpotenzial entsteht, muss wohl nicht gesondert erwähnt werden und ja, die Entwicklung der »Alten Freunde« verhält sich zwar in einem gewissen Maß analog zur Geschichte, hat aber trotz aller Vorhersehbarkeit ihren Reiz. Damit ist das zwiespältige Verhältnis zwischen den beiden Hauptfiguren auch das, was mich als Leser in erster Linie bei der Stange gehalten hat.

Stilistisch kann ich mich nicht beschweren. John Niven fährt die gewohnt direkte und brachiale und mitunter regelrecht böse Schiene, die für viele Autoren aus dem britischen Großraum typisch zu sein scheint. Wer schon einmal eines seiner Bücher in den Händen hatte, kennt das. Wer das dann zweite ins Regal einziehen lässt, mag und will genau das. Insofern kann gesagt werden, dass »Alte Freunde« in der gelungenen Übersetzung von Stephan Glietsch Stammlesern sicherlich gefallen wird.

Fazit:

5»Alte Freunde« hat auf der einen Seite alle Trademarks, die ich an John Niven schätze. Bitterböse Ellenbogenstöße gegen das Establishment, Figuren, die zu gefallen wissen und einen Schreibstil, der mitten in die Kauleiste geht. Allerdings leidet das Buch doch sehr unter der Vorhersehbarkeit. Die Geschichte vermag nicht so richtig zu fesseln und somit bleibt am Ende nur das Verhältnis zwischen Craig und Allen als Anker, der mich im Buch gehalten hat. Sehr schade, denn von Niven bin ich wesentlich besseres gewöhnt.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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