OT: A Fine Dark Line

Taschenbuch: 351 Seiten
Verlag: Suhrkamp
ISBN-13: 978-3518464977

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Klappentext:

East Texas, 1958. Bis vor kurzem glaubte der dreizehnjährige Stanley noch an den Weihnachtsmann. Im Laufe eines einzigen heißen Sommers erfährt er jedoch mehr über die Welt jenseits seiner Superheldencomics und des elterlichen Autokinos, als ihm lieb ist. Stans Welt ist von Gewalt geprägt: Sein bester Freund wird zu Hause verprügelt, die Küchenhilfe lebt bei einem gewalttätigen Mann, und selbst Stans Vater wird handgreiflich, wenn es um die Familienehre geht – zum Beispiel gegen übereifrige Verehrer von Stans siebzehnjähriger Schwester. Das einzige Gegenprogramm liefern das Autokino von Stans Vater und die faszinierenden alten Geschichten um ein Spukhaus auf dem Hügel, einen kopflosen Geist am Bahndamm und zwei in ein und derselben Nacht ermordete Mädchen. Begleitet von seinem treuen Hund Nub und unterstützt von dem mürrischen schwarzen Filmvorführer und Ex-Polizisten Buster, beginnt Stan, Detektiv zu spielen – ohne zu ahnen, worauf er sich da eingelassen hat.

Kritik:

Joe R. Lansdale ist nicht unbedingt das, was man auf ein Genre festgelegt nennen würde, was mich zunächst etwas von seinen Werken abgehalten hat. Nachdem nun aber “Blutiges Echo” schon absolut überzeugend war, war es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis ein weiteres Buch des guten Herren aus dem SuB gezogen wird. Die Wahl fiel dieses Mal auf “Ein feiner dunkler Riss” und ich kann schon vorweg sagen, dass mich auch dieses Buch – obwohl die Thematik eine völlig andere ist – wieder absolut überzeugen konnte.

Lansdale versteht sich unglaublich gut darauf, auch hier wieder eine Story zu spinnen, die sehr atmosphärisch daher kommt und beim Leser ein gutes Gefühl für die Situation seiner Protagonisten erzeugt. Besonders die Menschenrechtssituation in den USA der Endfünfziger kommt gut zur Geltung und hat einen entscheidenden Anteil daran, die Geschichte so dicht und realistisch werden zu lassen und ihr nebenbei auch noch einen Touch zu geben, der sie wohltuend von den typischen Krimiromanen mit Schauplatz in der Moderne unterscheidet. Ebenfalls kommt die Erzählperspektive aus der Sicht des 13jährigen Stanley dem Roman sehr zu gute und sorgt dafür, dass die ganze Geschichte, trotz des eigentlich nicht sonderlich netten Hintergrunds, alles in allem sehr sympathisch wirkt. Die Anleihen an den klassischen Jugendroman sind nicht zu übersehen, auch wenn das Ende (und damit meine ich die Geschehnisse nach der Auflösung des eigentlichen Plots) schon an einer bestimmten Stelle schon sehr herb auf den Leser wirkt.

Und wenn wir schon gerade bei Stanley sind… “Ein feiner dunkler Riss” lebt von diesem kleinen Jungen, der in den Sommerferien 1958 eine Geschichte erlebt, die die meisten Erwachsenen wohl nur schwerlich verdauen könnten. Damit soll nun nicht gesagt werden, dass Lansdale hier die ganz schweren Geschütze auffährt, sehr wohl konfrontiert er seinen Protagonisten aber mit einer Menge außergewöhnlicher Situationen, die wohl eigentlich für ein ganzes Leben reichen dürften. Hierbei geht es allerdings nicht nur um “den Fall”, sondern in vielen Situationen auch um das Zusammenspiel zwischen den (immer glaubwürdigen) Charakteren und einen gewissen Fokus auf Freundschaften der besonderen Art. “Ein feiner dunkler Riss” ist auf seine Art ein sehr menschliches Buch geworden, welches mit vielen Vorurteilen aufräumt und auch die Rassenfrage von einem ungewöhnlichen Standpunkt aus beleuchtet. Das führt dazu, dass auch die Nebenfiguren (abgesehen von den Antagonisten natürlich) sehr sympathisch wirken, dabei aber kein Strahlemann-Image verliehen bekommen sondern ihre persönlichen Schwächen und Laster haben.

Erzählerisch kann man sich auch in diesem Roman nicht über Lansdale beschweren. Er führt den Leser gekonnt durch die Story, baut geschickt Spannung auf und verpackt diese in vielschichtige, oftmals recht emotionale, Geschehnisse, die fast schon vergessen lassen, dass man es hier eigentlich mit einem Kriminal-Roman zu tun hat. Gelungen auch wieder die Übersetzung von Heide Franck, die den lansdaletypischen Humor gut ins Deutsche übertragen hat, ohne “Ein feiner dunkler Riss” dabei zu einer Comedy-Story zu machen.

Fazit:

“Ein feiner dunkler Riss” ist eine gelungene Mischung aus Coming of age-Roman und Kriminalgeschichte, die wieder klar vom erzählerischen Talent Joe R. Lansdales lebt. Wunderbar aus der Perspektive eines 13jährigen vorgebracht, wird der Leser mit alterstypischen Problemchen (die öfters mal zum schmunzeln animieren) konfrontiert, ohne dabei jedoch das Gefühl zu bekommen, dass es nun ausschließlich darum gehen würde. Eine runde Mischung, die über die kompletten 350 Seiten Spaß macht und meiner Meinung nach für Leser ab dem Jugendalter empfehlenswert ist.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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