Joe Hill – Fireman

OT: The Fireman
Taschenbuch: 960 Seiten
Verlag: Heyne
Übersetzung: Ronald Gutberlet

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Klappentext:

Eine weltweite Pandemie ist ausgebrochen, und keiner ist davor gefeit: Alle Infizierten zeigen zunächst Markierungen auf der Haut, bevor sie urplötzlich in Flammen aufgehen. Die USA liegt in Schutt und Asche, und inmitten des Chaos versucht die Krankenschwester Harper Grayson, sich und ihr ungeborenes Kind zu schützen. Doch dann zeigt auch sie die ersten Symptome. Jetzt kann sie nur noch der »Fireman« retten – ein geheimnisvoller Fremder, der wie ein Racheengel durch die Straßen New Hampshires wandelt und scheinbar das Feuer kontrollieren kann.

© Heyne Verlag

Kritik:

Joe Hill ist mittlerweile ein offenes Pseudonym, jeder, der sich etwas genauer mit ihm beschäftigt wird wissen, dass es sich um einen der Söhne Stephen Kings handelt. Erfreulich dabei ist, dass es sich trotz der Verwandtschaft nicht um eine einfache Kopie des berühmten Vaters handelt, sondern der Leser es mit einer eigenständigen Schreibweise und kreativen Ideen zu tun bekommt. Und das, so viel sei verraten, ändert sich auch in Hills aktuellstem Roman »Fireman« nicht.

Anders als seine mir bisher bekannten Veröffentlichungen ist das Tempo hier jedoch eher verhalten. Wo er in seinen älteren Büchern früh das Gaspedal durchgetreten hat, entwickelt sich die Geschichte von »Fireman« langsam und verhalten. Hill verwendet viel Zeit (und sehr viel Umfang) darauf, seiner Dystopie eine dichte und bedrückende Atmosphäre zu verpassen. Das ist natürlich super, denn so entsteht schnell das vielbeschriene ›Mittendrin statt nur dabei‹, auf der anderen Seite bleibt aber die klassische Spannung mitunter auf der Strecke. Nicht falsch verstehen, mir gefällt gut, wie intensiv sich der Autor um den Aufbau der Gruppendynamik im Camp der Infizierten bemüht – und dabei auch absolut erfolgreich ist. Aber für die knapp 1000 Seiten Umfang des Buches passiert insgesamt gesehen doch relativ wenig – und das, was tatsächlich für etwas Tempo sorgt, findet sich vorwiegend im letzten Viertel des Romans. Davor gibt es nur wenige Passagen, die für ein bisschen zusätzlichen Drive sorgen. Besagtes Finale hat es jedoch ins sich, denn zu den interessanten Wendungen, die sich immer wieder in der Story finden, kommt hier auch noch ein bitterböser Schlusstwist – oder vielleicht doch ein Happy End? Das kann vermutlich nur jeder für sich selbst beurteilen. Ärgerlich fand ich allerdings den übersinnlichen Einfluss, der sich zwar früh andeutet, am Ende dann ziemlich geballt daherkommt und, trotz einer pseudowissenschaftlichen Erklärung, einen leicht faden Beigeschmack behält, da er nicht so recht in die Geschichte passen will.

Was die Figuren angeht, kann man ruhigen Gewissens behaupten: Das ist der Sohn seines Vaters. Über sein gesamtes Schaffen hin hat sich King dahingehend entwickelt, dass er mittlerweile über die Fähigkeit verfügt, sehr glaubwürdige Charaktere zu erschaffen, die dem Leser am Ende der Geschichte so bekannt sind, als ob es sich um alte Freunde mit so manchem gemeinsamen Erlebnis handelt. Hill ist jetzt ebenfalls an diesem Punkt angekommen, denn nachdem ich »Fireman« wieder ins Regal stellen konnte, war ich tatsächlich der Meinung, Hauptakteurin Harper schon ewig und drei Tage zu kennen. Ihrem persönlichen Werdegang wird eine Menge Raum gegeben, was der Bodenständigkeit und der Glaubwürdigkeit gut tut. Ähnliches gilt für den Fireman John Rookwood, der zwar lange Zeit einen mysteriösen Touch hat, schließlich und endlich aber einen ordentlichen Background verliehen bekommt und dadurch rund wirkt. Die Nebenfiguren bleiben dabei jedoch stellenweise ein wenig blass, auch wenn Hill sich hier um einen gut unterfütterten Lebenslauf bemüht. Fast möchte man darüber ein bisschen froh sein, denn noch mehr Informationen hätten den Roman nur weiter aufgeblasen.

Stilistisch scheint sich eine kleine Wandlung bei Joe Hill einzustellen. Wo seine früheren Werke streckenweise sehr rotzig und frisch daherkamen, stellt sich mittlerweile ein gehobener Anspruch an sich selbst ein. Zumindest wirkt es so. Ja, es finden sich immer noch viele rohe und freche Elemente, insgesamt ist »Fireman« jedoch deutlich polierter als »Teufelszeug« oder »Christmasland«. Das ist auf der einen Seite eine konsequente Entwicklung, nimmt dem Buch auf der anderen aber etwas von der Eigenständigkeit, die ich Hill bis dato zugeschrieben habe, und seinem ganz eigenen Charme. Das mag zu einem Teil daran liegen, dass nicht wie bisher Hannes Riffel als Übersetzer verantwortlich zeichnet. Die Eindeutschung übernahm in diesem Fall Ronald Gutberlet. Insgesamt gefällt mir seine Version des »Fireman« gut, aber ich denke, dass sie mit Riffel noch dichter an den alten Übersetzungen Hills (und damit an dessen deutscher Stimme) gewesen wäre. Speziell zum Ende zeigen sich häufiger kleine Rechtschreibfehler (speziell Allie wird dann gern mal mit drei ›l‹ geschrieben), aber das stört den Lesefluss nur minimal.

Fazit:

»Fireman« spricht wieder für Joe Hills Fähigkeit, bekannten Genres neue Zutaten zu verpassen. Die Dragonscale-Krankheit als Auslöser für den nahenden Weltuntergang unterscheidet sich von so ziemlich allem, was mir in der Hinsicht bislang untergekommen ist. Das gibt einen enthusiastisch erhobenen Daumen. Auch die dichte Atmosphäre weiß zu gefallen, ebenso Hills Händchen für Charaktere. Über die 1000 Seiten hätte ich mir insgesamt aber etwas mehr Tempo (oder alternativ eine Straffung) gewünscht, selbst wenn das zu Lasten der Figuren gegangen wäre. Dem Buch als solches hätte es meiner Meinung nach dennoch gut getan.

Wie steht ihr zu so umfangreichen Werken? Lasst uns doch einfach einen Kommentar da!

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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