James Lee Burke – Zeit der Ernte

OT: Lay Down my Sword and Shield
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Heyne Hardcore
Übersetzung: Daniel Müller

Hackberry-Holland-Reihe, Band 1

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Klappentext:

Eine texanische Kleinstadt an der Grenze zu Mexiko. Als Hackberry Holland im Jahr 1967 aus dem Koreakrieg zurückkehrt, wird er von vielen Seiten zu einer politischen Karriere gedrängt. Doch der Anwalt setzt sich stattdessen für einen mexikanischstämmigen Landarbeiter ein, der kurz vor seiner Freilassung im Gefängnis ermordet wird. Bald kommt es zu handfesten Auseinandersetzungen mit der Polizei und gewaltbereiten Rednecks.

© Heyne Hardcore

Kritik:

Als ich mit »Zeit der Ernte« begann, war ich mir zunächst unsicher, ob es tatsächlich so eine gute Idee ist. Zwar konnte mich James Lee Burke mit »Sturm über New Orleans« mehr als überzeugen, doch das zuletzt bei Heyne Hardcore veröffentlichte Buch stellt (zumindest der VÖ-Reihenfolge in Deutschland nach) bereits den vierten Band der Hackberry-Holland-Reihe dar. Dachte ich jedenfalls, tatsächlich ist es aber die Vorgeschichte des texanischen Anwalts, die von Burke bereits im Jahr 1971 geschrieben wurde. Puh, Glück gehabt!

Hinsichtlich des Alters dieses Romans hätte man nun erwarten können, dass der Autor sich noch an einem relativ frühen Punkt seines Schaffens befand und die Erzählweise, die mich in »Sturm über New Orleans« so begeistert hat, noch roh und ungeschliffen wirkt. Falsch gedacht. Auch »Zeit der Ernte« schaffte es bereits nach wenigen Seiten, mich in die Geschichte hineinzuziehen. Zunächst einmal durch die mehr als nur gelungene Atmosphäre, die Burke hier schafft. Eine Atmosphäre, die den damaligen Zeitgeist versprüht und ihn absolut greifbar macht. Allerdings, und das ist schon irgendwie erschreckend, lässt sich dieser Zeitgeist auch wunderbar auf die Gegenwart übertragen. Stand die Gesellschaft im amerikanischen Süden damals oft noch stramm rechts der Mitte, so tut sie das heute wieder – und das nicht nur in den Vereinigten Staaten. Dadurch wird »Zeit der Ernte« zu einem Roman, der mehr ist als nur ein belletristisches Werk, man könnte fast schon sagen, dass er politisch ist und Burkes Weltbild sehr gut transportiert. Das wird besonders im Nachwort sehr deutlich. Die klassische Spannung bleibt dabei jedoch nicht auf der Strecke, denn der Fall, mit dem sich Holland selbst betraut, hat ebenfalls einiges an explosivem Potenzial, insgesamt ist es aber nicht dieser Aspekt, der dem Buch diese tolle Gesamtwirkung verleiht.

Die Charaktere sind für einen Thriller vergleichsweise untypisch. Ja, Holland mag ein Anwalt sein. Damit hört es dann aber auch schon auf. James Lee Burke präsentiert einen alkoholkranken, fremdvögelnden Arsch vor dem Herrn als Handlungsträger. »Zeit der Ernte« legt nicht viel Wert darauf, aus seinem Protagonisten einen Sympathieträger zu machen, auch wenn an vielen Stellen deutlich wird, dass mehr hinter Hackberry steckt, als diese Person, auf die man ihn zunächst beschränken möchte. Die Vielschichtigkeit des Charakters offenbart sich mit steigender Seitenzahl, wenn der Autor nicht nur die Gegenwart ins Auge fasst, sondern auch sehr intensiv die Vergangenheit seiner Hauptfigur beleuchtet. Zudem wird auch nach und nach deutlich, wie sehr sich deren Ansichten doch vom Zeitgeist unterscheiden – und da wird er dann, aller Arschlochattitüde zum Trotz, fast schon wieder sympathisch. Alles in allem also ungewöhnlich, aber extrem wirkungsvoll.

Stilistisch war Burke bereits zu dieser frühen Zeit über alle Zweifel erhaben. »Zeit der Ernte« ist extrem bildhaft beschrieben, es ermöglicht es dem Leser, den Tequilageruch zu atmen, den Staub von Texas auf der Haut zu spüren und durch die Gitter des verkommenen Kleinstadtgefängnisses zu sehen. Hohe Erzählkunst also, die durch Daniel Müllers Übersetzung super ins Deutsche übertragen wird.

Fazit:

»Zeit der Ernte« ist entgegen der Veröffentlichungsreihenfolge bei uns der erste Band von James Lee Burkes’ Hackberry-Holland-Reihe. Auch wenn der Roman mittlerweile 46 Jahre alt ist (!), hat die Geschichte nichts von ihrer Wirkung verloren. Im Gegenteil, sie erscheint so aktuell wie schon lange nicht mehr, weswegen man durchaus sagen kann, dass das Buch dem Leser schwer im Magen liegt. Die Atmosphäre ist klasse, der bildliche Schreibstil für eine Menge Kopfkino verantwortlich und gerade diese sehr spezielle Hauptfigur hat den Begriff ›Charakter‹ mehr als verdient.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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