James Lee Burke – Sturm über New Orleans

OT: The Tin Roof Blowdown
Gebundene Ausgabe: 576 Seiten
Verlag: Heyne Hardcore
Übersetzung: Georg Schmidt

Dave-Robicheaux-Reihe

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Klappentext:

Hurrikan Katrina trifft New Orleans mit voller Wucht. In der überfluteten Stadt treiben Leichen umher, und die Menschen versuchen panisch, ihr Hab und Gut zu retten. Die Häuser sind verlassen, der Strom ist weg und keine Spur mehr von Recht und Ordnung. Ein tiefer Graben des Misstrauens trennt die weiße und die schwarze Bevölkerung, während Hilfe der Behörden auf sich warten lässt. Inmitten dieses Szenarios soll Dave Robicheaux die Vergewaltigung an einem jungen Mädchen aufklären und einen verschwundenen Priester finden. Dabei müsste er sich viel dringender um den Gründer einer Bürgerwehr kümmern, der wesentlich gefährlicher ist als die vielen Verbrecher, die damit beschäftigt sind, die Stadt zu plündern.

© Heyne Verlag

Kritik:

James Lee Burke zählt zu jenen Schriftstellern, um die ich shon seit einer ganzen Weile herumschleiche. Zugeschlagen hatte ich bislang aber noch nicht. »Sturm über New Orleans« war nach dem Lesen des Klappentextes aber ein Roman, der in allen Punkten geschrien hat »Lies mich! Na los!« Tja, was soll ich sagen. Ich bin schwach.

Von der ersten Seite an wird eines klar: Ich hätte mich viel früher mit Burke beschäftigen sollen. Das Buch hat mich sofort gefangen genommen. Die Stimmung, die heraufbeschworen wird, die latente Bedrohung und die Gewissheit, dass man es wortwörtlich mit der Ruhe vor dem Sturm zu tun hat, sorgen dafür, dass nicht nur die Stimmung großartig eingefangen ist. Auch der Spannungsbogen geht früh steil nach oben, ohne dass man sich bereits in die eigentliche Krimihandlung eingebunden fühlte. Allein das Damoklesschwert Katrina und das Wissen um die realen Ereignisse nach dem Hurrikan sind eine Geschichte für sich wert. »Sturm über New Orleans« gibt diese Geschichte wunderbar wieder. James Lee Burke spart nicht mit offensichtlicher und harscher Kritik am Vorgehen der amerikanischen Regierung. Dieser Umstand hat mir den Schriftsteller wie auch seine Veröffentlichung sehr sympathisch werden lassen. Man merkt, ich bin begeistert – und dabei noch nicht einmal auf die eigentliche Handlung eingegangen. Die hat es in sich und ist unglaublich facettenreich ausgefallen. Burke führt den Leser an der Nase herum, lässt ihn über die genauen Zusammenhänge dauerhaft im Unklaren und gibt Raum für eigene Spekulationen. So muss ein guter Krimi aussehen. Hier und da fließen leichte Thriller-Elemente mit ein, die besonders dem temporeichen Finale einen besonderen, zusätzlichen Kick geben.

»Sturm über New Orleans« ist der 16. Fall des Polizisten Dave Robicheaux, welcher im Film »Mississippi Delta« übrigens von Alec Baldwin verkörpert wurde. Wer die Befürchtung hat, deswegen nicht in das Buch hineinzufinden, kann beruhigt sein. Der Roman ist komplett eigenständig und erfordert kein Vorwissen. Interessant wäre dieses aber dennoch. Burke zeichnet seinen Hauptakteur detailliert und nachvollziehbar. Nur hier und da wir ein leichter Bezug auf Robicheaux’ Vergangenheit genommen, der aber ohne Probleme zu verstehen ist. Dave ist, wie auch sein Kumpel Clete, sehr ›echt‹. Beide präsentieren sich als völlig normale Menschen, die ihre eigenen Probleme und vor allem auch ihre eigenen Ansichten zum Thema Kriminalität und Polizeiarbeit mitbringen. Ihnen stehen gleich diverse Gegner gegenüber. Bei ihnen bleibt lange unklar, welche Rolle sie in den Geschehnissen nun tatsächlich spielen. Das ist reizvoll, denn auch wenn schon früh klar ist, in welche Richtung sich die Geschichte bewegen wird, sorgt die interessante Dynamik zwischen den Figuren dafür, dass man eben nicht schon nach einem Drittel weiß, was Sache ist. Das macht einen guten Krimi für mich aus.

Burkes Fähigkeit zu schreiben hat mich geplättet. Anders kann ich es nicht umschreiben. Der Text sitzt von vorn bis hinten perfekt. Man hat den Eindruck, den »Sturm über New Orleans« hautnah mitzuerleben. Man riecht das modrige Wasser, der Leichengestank liegt in der Luft. Man fühlt den Verlust der Menschen und schmeckt das Blut im Mund, nachdem man Katrina überlebt hat. Oder in drei Worten gesagt: Einfach wahnsinnig gut. Die deutsche Übersetzung von Georg Schmidt trägt natürlich ihren Teil dazu bei.

Fazit:

Ich könnte mich ärgern, nicht schon früher zu Burke gegriffen zu haben. »Sturm über New Orleans« ist ein Meisterwerk. Bodenständige, nachvollziehbare Figurengestaltung trifft auf ein fast schon apokalyptisches Setting. Das zerstörte New Orleans ist jederzeit so greifbar, als ob man nur das Fenster öffnen müsste, um einen tiefen Atemzug voller Brackwasser und Todeshauch einatmen zu können. Der Fall selbst ist so facettenreich und zieht auch noch das letzte bisschen Drive aus seinem Umfeld. Schlicht und einfach: Großartig!

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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