OT: Evil

Taschenbuch: 336 Seiten
Verlag: Heyne Hardcore

Mehr zum Buch auf der Verlagshomepage

Klappentext:

Die USA in den 50er-Jahren. Nach außen hin eine heile Welt, doch inmitten der amerikanischen Vorstadtidylle wird ein Junge mit unvorstellbaren Grausamkeiten konfrontiert. Jack Ketchum zeigt in seinem beunruhigenden, grenzüberschreitenden Horrorthriller die Abgründe der menschlichen Seele auf.

Kritik:
Der Klappentext lässt nicht viel über den eigentlichen Inhalt des Buches verlautbaren, darum nehme ich mir hier die Freiheit, ein bisschen weiter ins Detail zu gehen. Ketchum beschreibt in diesem Roman, was Menschen anderen Menschen antun können. Schutzbefohlenen, deren Freunden – und nicht zuletzt auch, was für Auswirkungen das Handeln eines Einzelnen auf das Leben von vielen anderen, nicht zuletzt auch von Unbeteiligten, haben kann. Ketchum gilt als einer der härtesten Autoren der modernen Horrorgeschichte – und Evil, so zumindest eine häufig gehörte Meinung, ist hierbei das Kronjuwel in seinem Repertoire. Große Worte, welche sich teilweise durchaus bestätigt haben. Auch wenn der Roman (wie eigentlich alles, was ich in letzter Zeit gelesen habe) mal wieder aus der Sicht der Hauptfigur erzählt wird. Ebenfalls erwähnenswert ist, dass diese Geschichte, so traurig wie es klingt, sich tatsächlich in den 50er Jahren abgespielt hat – was sie noch etwas grausamer werden lässt, als es bei reiner Fiktion ohnehin schon der Fall wäre.

Die Geschichte an sich ist dabei nicht einmal sonderlich ungewöhnlich. Eine Kleinstadt, in der jeder jeden kennt – insbesondere in der kleinen Einbahnstraße direkt am Waldrand. David, eines der Kinder aus dieser Straße, trifft beim spielen am Fluss ein Mädchen welches er noch nie gesehen hat – es stellt sich heraus, dass es die Ziehtochter seiner Nachbarin ist. Die beiden beginnen, sich anzufreunden. So weit, so normal. Das erste Drittel des Buches beschäftigt sich zum Großteil damit, die Beziehung zwischen Meg und David aufzubauen – um sie dann ganz schnell zu zerstören und ins Gegenteil umzukehren. Ketchum versteht es sehr gut, von einer durchaus “liebenswerten” Geschichte innerhalb weniger Seiten zu etwas umzuschlagen, was zwar durchaus als brutal, aber immer noch als irgendwie nachvollziehbar bezeichnet werden kann. Die Strafen, welche Megs Stiefmutter an den Tag legt sind hart – aber traurigerweise auch in manchen Haushalten wohl alltäglich. Die Steigerung erfolgt ab diesem Punkt aber schnell und konstant, so dass der Autor seine Protagonisten schließlich in eine Situation stößt, die – vor allem für Meg, welche sich als Gefangene im Keller den Grausamkeiten ihrer Stiefmutter und jedem Kind, welches gerade Interesse an ihr hat – ausgesetzt wird. Ketchum schafft es hierbei, den Leser auf einem Grad zwischen Faszination und Ekel schreiten zu lassen, der zum Ende des Buches hin immer dünner wird. Tatsächlich dürfte es ihm gelungen sein, dem einen oder anderen Leser die Frage einzupflanzen, was wohl hinter den geschlossenen Türen seiner Nachbarn vorgehen mag. Die Härte hierbei liegt nicht in den expliziten Schilderungen – obwohl diese teilweise nicht ohne sind, auch wenn Ketchum bei einer der härtesten Stellen seinen Hauptcharakter diese “einfach nicht schildern lassen” will. Muss auch nicht sein, denn die eigentliche Brutalität des Buches liegt mehr auf der psychologischen denn auf der grafischen Ebene.
Die Charakterzeichnung ist dabei gut gelungen, auch wenn sie sich in erster Linie auf David und seinen Freundeskreis beschäftigt. Tiefgehend wird schließlich nur die Hauptfigur auseinander genommen, der Autor schafft es hierbei jedoch, auch die Nebenakteure nicht langweilig oder oberflächlich wirken zu lassen. Vor allem aber gelingt es ihm, Davids Gedankengänge und seinen Werdegang im Laufe der kompletten Geschichte zu verstehen – und sich mit ihm zu schämen, teilweise sogar, ihn für sein Nichtstun zu verachten. Etwas, was später direkt wieder revidiert wird. Ein gelungenes Spiel mit Emotionen, nicht nur im Rahmen der Handlung des Romans.
Der größte Schwachpunkt hingegen ist das Vorwort von Stephen King. Ja, es ist sehr informativ und hat mir persönlich den einen oder anderen Autoren näher gebracht, beziehungsweise dafür gesorgt, dass ich mich näher mit ihm auseinander setzen möchte. Das ganz große “Aber” bei der Sache ist jedoch, dass King mit seinen Zeilen viel von dem vorweg nimmt, was den Leser erwartet – teilweise mit recht detaillierten Beschreibungen. Hier hätte ich mir weniger gewünscht, denn es ist schon recht schade, direkt zu Beginn – und vor allem aus der Feder von jemandem, der es eigentlich besser wissen sollte – solch umfangreiche Spoiler zu lesen.
Fazit:
“Evil” ist sicherlich harter Stoff. Aber ein durchaus lesenswertes, sehr gut geschriebenes Buch. Man sollte jedoch nicht erwarten, dass hier die Blutkeule gezückt wird, sondern muss sich auf einen eher psychologischen Horrortrip einstellen. Der Vergleich mit dem französischen Film “Martyrs” liegt hier – nicht ganz unberechtigterweise – sehr nahe.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

Letzte Artikel von Sebastian (Alle anzeigen)