Es ist immer wieder schön zu sehen, dass es noch neue Ideen gibt – besonders, wenn diese dann auch noch so toll umgesetzt werden, dass man ein bis dato völlig unbekanntes Buch von einem bis dato völlig unbekannten Autoren aus dem Stand heraus als eines der bisherigen Jahreshighlights betiteln kann.

So ist es mir mit „Jogginghosen-Henry“ von Hannes Finkbeiner gegangen. Er kam, sah, strapazierte meine Lachmuskeln und erinnerte mich an so manches Ereignis aus der eigenen Jugend – ohne dabei jedoch ein Werk zu veröffentlichen, dass nur in die Metal-Szene passen würde. Grund genug für uns, uns etwas mehr mit der Person hinter dem Buch zu beschäftigen. Hannes hat sich im Facebook-Gespräch einen kleinen, interessanten und spaßigen Schlagabtausch zur Rezension mit mir geliefert, kam dabei überaus sympathisch rüber und frech wie ich bin musste da zwangsläufig die Frage nach dem Interview kommen – die glücklicherweise mit einer Zusage beantwortet wurde.

(c) Jasper Ehrich

Hannes Finkbeiner, geboren 1977 in Freudenstadt, ist gelernter Restaurantfachmann und studierter Journalist. Nach dem Studium orientierte er sich noch einmal in Richtung seines Lehrberufes und war als Restaurant- und Bankettleiter bei der Deutschen Messe AG tätig, bevor er sich im Jahr 2008 als Journalist und Autor selbstständig machte. Seitdem sind 3 Sach- und Kochbücher und Artikel in unterschiedlichen Publikationen erschienen. Seit 2011 ist Finkbeiner Dozent an der FH-Hannover in den Studiengängen Journalistik und Public Relations. 2016 erschien sein erster Roman.

Mehr Infos findet ihr auf Hannes‘ Homepage hannes-finkbeiner.de. Lediglich den Hinweis auf die Lesungen möchte ich noch loswerden, wobei eine davon etwas ganz besonderes ist. Passend zur Geschichte wird es dieses Jahr in Wacken nicht nur eine Menge geile Musik auf die Ohren geben, nein, man kann sich auch eine kleine Ruhepause gönnen und sich auf den Lesungen aus Jogginghosen-Henry, die Finkbeiner auf dem Festival halten wird, selbst davon überzeugen, wie realitätsnah das Buch ist ;-).

Nun aber genug von den Fakten, kommen wir jetzt zum spaßigen (und das ist wörtlich zu nehmen!) Teil dieses Artikels,  unserem Interview mit Hannes Finkbeiner. Wir wünschen viel Vergnügen!

Hallo Hannes,

zunächst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, uns ein paar Fragen zu beantworten. Ganz obligatorisch möchte ich dich zunächst bitten, dich einfach mal kurz selbst vorzustellen.

Man möchte fast sagen, dass du bereits eine ziemlich bewegte Karriere hinter dir hast. Deiner Ausbildung zum Restaurantfachmann folgte ein Journalistikstudium, anschließend warst du als Restaurant- und Bankettleiter bei der Deutschen Messe in Hannover tätig. Dem Journalismus widmest du dich dann ab 2008 wieder, 2009 erscheint dein erstes Sachbuch, du bist mittlerweile Dozent für Journalistik und Foodblogger und hast mal ganz nebenbei mit „Jogginghosen-Henry“ deinen ersten Roman veröffentlicht. Wie passt das alles zusammen?

Wirkt auf den ersten Blick wirklich ein wenig holterdipolter … Foodblogger schreibt Roman über Siff- und-Suff-Festival … mein Werdegang wird vielleicht erst in der Chronologie ein wenig schlüssiger: Ich wuchs in einem Hotel auf. Nach dem Abitur schloss ich eine Restaurantfachmannlehre an, damals noch mit der Intention den Betrieb zu übernehmen. Diesen Wunsch habe ich wieder über Bord geworfen. Und da ich schon damals gerne schrieb, begann ich Journalistik zu studieren. Um mir das Studentenleben zu finanzieren, jobbte ich bei der Deutschen Messe, und, um einen Fuß in die Tür der Medien zu kriegen, begann ich für Gastromagazine und –zeitungen zu arbeiten. War ja mein Fachgebiet. Als ich mich dann selbstständig machte, baute ich diesen Weg konsequent weiter aus: Kochbücher, Hoteltest, Foodblog. Ganz unabhängig davon bekam ich irgendwann das Angebot an der FH-Hannover zu lehren. Und zu Henry: Der Bursche fiel mir ein wenig in den Schoß, da ich seit meiner frühen Jugend Metal liebe und gerne auf Festivals gehe. In Wacken 2011 hatte ich die Idee zu dieser Kunstfigur, die ich sofort auf´s Papier bringen musste. Hm. Was vielleicht die rote Linie in meinem Lebenslauf sein könnte: Die Lust und Freude am Schreiben.

Wenn man den Pressestimmen und Rezensionen folgt, wurde dein Debüt sehr gut aufgenommen. Hast du damit gerechnet, dass die Geschichte um Metalhead Henry so einschlagen würde?

Die ersten Pressestimmen waren neben kleinerer Kritik wirklich ganz positiv, was mich sehr erleichtert, aber die Festivalsaison beginnt ja gerade erst, und die Berichterstattung geht hoffentlich noch ein bisschen weiter. Von daher traue ich mich noch nicht so richtig auf deine Frage näher einzugehen …

Ich habe in meiner Rezension geschrieben, dass „Henry“ ein subkulturelles Buch ist, ohne dabei jedoch auf die Subkultur, in der es angesiedelt ist, festgelegt zu sein. Hat die Intention, auch Menschen, die dieser Szene kritisch gegenüber stehen einen Einblick zu liefern, bei der Entstehung des Buches eine Rolle gespielt?

Ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, dass ich mich schützend vor die Szene stellen muss. Das braucht die Szene nicht, und die Metalheads schon gar nicht. Aber ich sehe mich im Kern immer noch als Journalist und da ist der Impetus die Informationsvermittlung, und teilweise auch die Intention, den Menschen Einblicke in fremde Teile der Gesellschaft und Kultur zu bieten. Von daher war es mir schon wichtig, dass jeder das Buch lesen kann. Dazu musste ich dann aber Vorurteile gegenüber der Szene abbauen. Einerseits. Andererseits wird abseits des ganzen Metal-Festival-Irrsinns ja auch eine Geschichte erzählt, die ebenso einem Volksmusik-Fanatiker und Lloret-Urlauber passieren könnte, was im Grunde … nein, vergiss den letzten Gedanken – der ist ja unheimlich!

Sorge bei Elend, Bad Harzburg, Goslar… ganz ehrlich, wie kommt man auf solche Orte, in denen man ja eigentlich nicht mal tot über‘m Gartenzaun hängen möchte?

Als ich nach Braunschweig zog, der Liebe wegen, habe ich mit meiner Partnerin natürlich auch mal Abstecher in die nahe Umgebung gemacht. Ich erinnere mich: Wir machten eine Sonntagstour durch den Harz und ich sagte: „Scheiße, Liebes, dass sieht hier ja aus wie in meiner Heimat!“ … Ich stamme ja aus dem Nordschwarzwald und bin in meiner Jugend als Metalhead auf dem Land versauert. Als ich die Idee zu Jogginghosen-Henry hatte, war für mich auch irgendwie klar, dass er aus der Ecke Bad Harzburg kommen muss … das ist Schwarzwald-Flair mit Freizeitpark-Elementen – da war der Lebenskonflikt des Protagonisten schon vorprogrammiert! Dann liegt auch noch Sorge bei Elend nicht weit entfernt, kurzum: Da haben die Finger gejuckt!

Der Roman vermittelt den Eindruck, dass du über einiges an Festivalerfahrung verfügst und zumindest ich habe mich in so mancher Situation wiedergefunden. Hast du eigene Erlebnisse zur Inspiration genommen?

Es gibt den großartigen Roman „Wassermusik“ von T.C. Boyle, der in weiten Teilen in Afrika spielt. So nah, so dicht beschrieben, dass man den Schweiß der Protagonisten förmlich riechen kann. Ich bin schier vom Stuhl gefallen, als ich erfuhr, dass der Autor nie selbst vor Ort war. Will sagen: Wäre ich nie auf einem Festival gewesen, hätte meine Vorstellungskraft sicher nicht ausgereicht, um 350 Seiten abwechslungsreich zu füllen. Aber ich kann auch nicht behaupten, dass ich Auszüge aus meinem Tagebuch verarbeitet habe, im Gegenteil: Festivals sind ja geradezu eine Spielwiese für Kreativität und Erfindungsreichtum.

Über weite Strecken ist das Buch ein gezielter Angriff auf das Zwerchfell. Dementgegen stehen dann die finalen Kapitel, die mir als Leser als ziemlicher Schlag in den Magen (wenn auch in einem positiven Sinn) vorkamen. Hast du diesen Gesamtkontext vorab geplant oder kam die Idee dazu erst während des Schreibprozesses?

Als meine Agentur an diverse Verlage herantrat, mit Exposé und Textprobe, stand der komplette Verlauf der Story schon fest. Deswegen war auch klar, dass der Humor im Laufe der Geschichte ein wenig in den Hintergrund rückt.

Du hast vor „Henry“ ja schon einige Veröffentlichungen im Fachbereich veröffentlicht. Wie und wann bist du auf die Idee gekommen, einen Roman schreiben zu wollen?

Ich habe schon während meiner Kellner-Ausbildung gerne Kurzgeschichten geschrieben. Insofern spielte Prosa schon vor meiner Laufbahn als Fach-Journalist eine Rolle. Und klar: Ich fand den Gedanken schon damals spannend, mal einen Roman zu schreiben. Was ich damals noch nicht wusste: Zum Schreiben gehört mehr als ein guter Einfall. Schreiben ist Handwerk. Das muss man lernen.

Wie sieht deine Planung für die Zukunft aus, können wir uns auf weitere belletristische Veröffentlichungen aus deiner Feder freuen?

Ich arbeite derzeit an zwei völlig unterschiedlichen Manuskripten, in denen Festivals und Heavy Metal zwar keinerlei Rolle spielen, aber ich habe echt Lust, die Dinger zu schreiben. Ist aber letztlich die Entscheidung des Verlags.

Nach den Fragen zum Buch selbst möchte ich nun noch mal ein bisschen auf den Autoren zurück kommen. Die typischen allgemeinen Fragen halt. Und da ist ein Klassiker, der in keinem unserer Interviews fehlt die Frage nach der Arbeitsweise. Wie darf man sich also bei dir die Entstehung vorstellen? Alleine am Schreibtisch oder im Café? Mit spitzem Bleistift oder an der Tastatur?

Mit allem! Ich habe ein Notizbuch, in das ich mit Bleistift und Kugelschreiber reinkritzele, was ich grade zur Hand habe, ich pappe Post-its an Türen und Bildschirme, tippe Ideen in mein Handy oder mein Notebook, schreibe im Zug oder meistens eben in meinem Home-Office. Und ja: Ich verbringe viel Zeit damit, meine ganzen Notizen zu sortieren und zu verwalten …

Wie sieht ein normaler Tag im Leben des Hannes Finkbeiner aus?

Es gibt gerade keine normalen Tage. Ich habe einen zweijährigen Sohn.

Kommst du selbst neben deiner Dozentenposition und deinen schriftstellerischen Aufgaben überhaupt noch zum Lesen? Und was liest du selbst gerne, gibt‘s da irgendwelche Empfehlungen?

Klar, ich lese immer, mal mehr, mal weniger. T.C. Boyle ist mein Lieblingsgautor (Lesenswert: Wassermusik, Grün ist die Hoffnung oder besonders Ein Freund der Erde). John Niven hat mich mit Straight White Male und Kill Your Friends voll erwischt. Klasse Bücher. Eine richtig gute Zeit hatte ich auch mit Der Brautprinzessin (William Goldman), Schneller als der Tod (Josh Bazell) oder Immer wieder Ghandi (Vikas Swarup). Jüngst hat mir auch In den Straßen die Wut (Ryan Gattis) und Düsterbusch City Lights (Alexander Kühne) gut gefallen.

Hier nun die Frage, die über Wohl und Wehe deiner (hoffentlich folgenden) Veröffentlichungen hier im Blog entscheiden wird ;-). HAHA, got‘cha! Ich würde gerne ein kleines Spiel mit dir spielen. Ich nenne ein paar Bands, du gibst ein kurzes Statement dazu ab.

– Fear Factory

Ich kenne nur die Platten „Genexus“, „Archetype“ und „Obsolete“, alles hörbar und richtig klasse, aber an „Demanufacture“ aus dem Jahr 1995 kommt keines der neueren Alben ran.

– Motörhead

Hab mir dreißig Lemmy-Sonderbriefmarken bestellt und mich dafür zwangsweise bei BILD-Plus angemeldet … reicht als Statement, oder?

– Hammerfall

Mit Hammerfall habe ich versucht die Lücke zu schließen, die Helloween´s Keeper Of The Seven Keys bei mir hinterlassen haben. Hat nicht geklappt, aber ich höre es trotzdem gerne.

– Marduk

Es gibt diesen unfassbaren Live-Mitschnitt bei YouTube von Baptism Of Fire, drei Minuten ist die Kamera auf den Drummer gerichtet. Leck – mich – am – Arsch! Mit Lars Broddesson will ich nicht Fingerhakeln!

– Pantera

Es gibt so ein paar Platten, die stoisch die Ewigkeit überdauern. Queen´s „Sheer Heart Attack“ beispielsweise, AC/DC mit „Back In Black“ oder Metallica mit „Master Of Puppets“. Ich glaube ja auch, dass dazu in zwanzig Jahren Machine Head mit „Unto The Locust“ oder At The Gates mit „At War With Reality“ gehören. Wird die Zeit weisen, jedenfalls: Pantera´s „Vulgar Display Of Power“! Was für ein Album!

– AC/DC

Mit Bon Scott legendär, mit Brian Johnson legendär. Ob jetzt die Konzerte mit Axl Rose sein müssen? Ich weiß es nicht. Ich finde ja Axl Rose klasse, keine Frage, war auf zwei G´N´R-Konzerten. Use Your Illusions-Tour. Aber für AC/DC finde ich ihn ein bisschen zu hysterisch.

Gibt es Tipps und Hinweise, die du angehenden Autoren mit auf den Weg geben würdest?

Ehrlich gesagt nicht, ich bin ja selbst ein angehender Autor. Aber es gibt ein Zitat von William Zinsser, das ich meinen Erstsemestlern immer mit auf den Weg gebe: „Schreiben ist harte Arbeit. Ein klarer Satz ist kein Zufall. Sehr wenige Sätze stimmen schon bei der ersten Niederschrift, oder auch nur bei der dritten. Nehmen sie das als Trost in Augenblicken der Verzweiflung. Wenn Sie finden, dass Schreiben schwer ist, so hat das einen einfachen Grund: Es ist schwer!“

Könntest du dir vorstellen, auch als Selfpublisher zu veröffentlichen?

Derzeit nicht. Ganz abgesehen von den Möglichkeiten der Vermarktung, darf man den Input von Agentur und Verlag nicht unterschätzen. Wenn man nicht jede Anregung wie ein Tritt gegen das Denkmal auffasst, erhält man wertvolles Feedback, aus dem man lernen und besser werden kann.

Wir leben im digitalen Zeitalter, wie man immer so schön sagt. Voll mit Technik und so. Wie zum Beispiel eBooks. Welchem Medium würdest du den Vorzug geben. Dem klassischen Buch oder der digitalen Version?

Ich finde beides okay. Klar, aber am Ende wird die digitale Version obsiegen. Und das ist auch nicht schlimm. Am Ende geht es um tolle Bücher, und die sind auch digital toll.

Damit geht nun eines unserer bislang spaßigsten Interviews zu Ende (mit der Antwort zu Fear Factory hast du dich übrigens definitiv gerettet), wir bedanken uns noch einmal ganz herzlich für die Zeit, die du dir zur Beantwortung der Fragen genommen hast. 

Und ihr? Habt ihr Henry schon gelesen? Was haltet ihr von der Idee hinter dem Buch?

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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