OT: Herz aus Glas

Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Arena Verlag

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Klappentext:
Juli ist wenig begeistert, die Winterferien auf Martha’s Vineyard verbringen zu müssen. Auf der Insel trifft sie den verschlossenen David, dessen Freundin bei einem Sturz von der Klippe ums Leben kam. Bald erfährt Juli, dass ein Fluch für den Tod weiterer Mädchen verantwortlich sein soll. Nachts hört sie flüsternde Stimmen. Als sie sich in David verliebt, merkt sie nicht, welche Gefahr dies bedeutet.

Kritik:
Wie “Herz aus Glas” und ich zusammen gefunden haben? Na, ganz einfach, ich ging mit meinen Kindern in ein Spielwarenfachgeschäft, ließ die Bande los, um die neuesten Star Wars Sachen zu entdecken und verdrückte mich selbst in die Abteilung, die mich in so einem Geschäft am ehesten anspricht: die Buchabteilung. Zugegeben, es handelt sich meistens um Kinderbücher. Aber ein bisschen Jugendliteratur ist dann doch immer zu finden. Und so fiel mir Kathrin Langes Roman in die Hände. Ich gebe zu, ich bin oft nicht angetan von deutschen Autoren, erst recht nicht, wenn ihre Kulisse dann auch noch Amerika ist, deswegen hab ich es in den Händen gedreht, wieder ins Regal gestellt, doch noch einmal zur Hand genommen. Und schließlich hab ich mich auf meine Intuition verlassen. Diese magische Vorahnung, mit der ich irgendwie oft sagen kann, dies ist ein gutes Buch (dass ich das sogar für Sebastian kann, ist schon ein bisschen unheimlich, denn abgesehen von Landsdale würde ich keines seiner Bücher anfassen). Also schenkte ich mir zu Weihnachten und zum Geburtstag quasi selbst ein “Herz aus Glas” – natürlich hab ich Sebastian verkauft, er würde es tun.

Juli lebt mit ihrem Vater in Boston, Massachusetts. Sie ist Schülerin, aber Weihnachten steht vor der Tür und damit die Ferien. Die will ihr Vater überraschenderweise bei seinem Verleger auf Martha’s Vineyard verbringen. Er bittet Juli mitzukommen, um sich um den Sohn des Verlegers zu kümmern, David, der seine Freundin durch einen tragischen Unfall verloren hat und seither depressiv zu sein scheint, weil er sich die Schuld am Tod seiner Freundin gibt. Juli ist nicht begeistert von der Idee, schon gar nicht, als sie David kennenlernt und er ihr kalt und abweisend erscheint. Recht schnell gerät sie in den Bann des Hauses, dessen treffender Name “Sorrow” lautet, und seiner Geschichten, egal ob nun die übernatürlichen wie die tragische Sage der Madeline Bower, deren Geist angeblich verhindert, dass irgendjemand auf Sorrow glücklich wird, aber auch die realen Geschichten wie das Verhältnis zwischen David und seinem Vater. Dazu kommt eine Haushälterin, die sie immer wieder warnt. Juli macht sich auf die Suche, um den Dingen auf den Grund zu gehen, aber schon bald hört sie geflüsterte Stimmen und findet sich plötzlich selbst am Rand jener Klippen wieder, vor denen einst schon Madeline Bower starb und über die auch Davids Freundin stürzte. Und sie hat keine Ahnung, wie sie dorthin gekommen ist. Wie schon einige andere deutsche Autoren vor ihr, hat auch Kathrin Lange ihre Handlung in die Vereinigten Staaten verlegt. Oftmals wirkt dieses Unterfangen aber bemüht, denn anders als in einer Fantasiewelt, in der der Fantasie der Autoren keine Grenzen gesetzt sind, bewegen sich die meisten hier auf bekanntem, unbekanntem Terrain. Man merkt Deutschen die Faszination für diese Weltmacht einfach an, und es gelingt ihnen nicht, glaubhaft zu vermitteln, dass es sich um einen fürchterlich normalen Schauplatz handelt. Gelungen ist das den Hannika Schwestern mit ihrer Dark Angels Reihe, aber eine Nicole C. Vosseler ist meiner Meinung nach kläglich daran gescheitert. Kathrin Lange wiederum gelingt es mit Leichtigkeit. Keine Anspielungen darauf, dass bei Uncle Sam alles besser ist, keine Glorifizierung, Boston und Martha’s Vineyard waren eben einfach Schauplätze, und recht passende noch dazu.

Die Geschichte hebt sich alleine schon deshalb von vielem anderen ab, was die Jugendliteratur zu bieten hat, weil es einmal mehr nicht um Vampire oder Werwölfe, Hexen oder Elfen, Hobbits oder Kobolde geht. Weil es sich nicht um eine Welt handelt, die gerade am Abgrund steht und von einem totalitären System überrannt wird. Mutig ist Kathrin Lange nach vorn geschritten und hat ein viel klassischeres Thema gewählt, das leider nicht mehr allzu oft anzutreffen ist: Grusel und Thriller. Was nicht erfrischend neu, aber in der heutigen Zeit doch erfrischend anders ist. Und auf noch etwas hat die Autorin verzichtet: die fast schon zum Stilmittel gewordene Dreiecksgeschichte. Und man vermisst sie auch zu keiner Sekunde, denn von der ersten Begegnung an zwischen David und Juli ist man mitten drin in der Geschichte und will unbedingt heraus finden, was es mit David und all seinen Geheimnissen auf sich hat, was an der Legende über Madeline Bower wirklich dran ist und was tatsächlich mit Davids Freundin passiert ist. Doch es geht nicht etwa Schlag auf Schlag, nein, mit wirklich ganz hervorragendem Handwerk spinnt die Autorin ihren Spannungsbogen, aber sie tut es mit so feinen Fäden, dass der Leser gar nicht merkt, wie er an das Buch gefesselt wird. Und ehe man sich versieht, mag man den Roman überhaupt nicht mehr aus der Hand legen. Man wird auf die ein oder andere Fährte gelockt, aber dennoch bleibt die Auflösung des Twists bis zum Ende undurchschaubar. Großartig, anders kann man es nicht sagen.

Der Schreibstil von Kathrin Lange ist angenehm und flüssig zu lesen. Sehr genau malt sie uns auf die leere Leinwand in unserem Kopf ein Bild von der Kulisse und den Figuren. Sie verliert sich glücklicherweise nicht in Beschreibungen, die den Leser am Ende nur ermüden, sondern bringt relativ schnell und detailliert auf den Punkt, worauf sie hinaus will. Was mir besonders gefallen hat, war, dass sie in der Lage ist, dem Leser das richtige Gefühl mitzugeben. Das vermögen ebenfalls nicht viele Autoren. Sie führt den Leser sensibel an genau die Emotion heran, die sie auslösen will, ob es nun Mitgefühl oder Panik ist, ob es Angst ist, Wut oder gar Liebe. Sie trifft es auf den Punkt genau. Oftmals will sich das richtige Gefühl nicht einstellen und man bleibt als ratloser Leser zurück, weil man mangels Verständnis natürlich auch nicht nachvollziehen kann, warum dieses oder jenes gerade passiert. Nicht so in “Herz aus Glas”. Die Figuren sind beinahe schon normal, aber doch jede auf ihre Art individuell, ohne überzogen zu wirken. Juli ist ein normales Mädchen. Ich hab es schon bei “Obsidian” gelobt, und ich mach es hier gern wieder: keine Protagonistin, die blass und farblos ist, aber aus einem für den Leser absolut unbegreiflichen Grund etwas furchtbar besonderes ist. Danke dafür. David spricht unser Herz an. Er ist einmal nicht der typische Bad Boy, der die Protagonistin nicht ausstehen kann – was am Besten noch auf Gegenseitigkeit beruht. Im Gegenteil, er vermittelt zu keiner Sekunde das Gefühl, dass sein Verhalten an Julis Person liegt, sondern an den Umständen. Besonders sympathisch war auch Julis Vater, der zerstreute Autor. Aber auch alle anderen Nebenfiguren waren mit genug Tiefe ausgestattet, um sie kennenzulernen. Aber es gibt ein kleines und doch feines Manko. Zum einen hat mir die nähere Beleuchtung des Verhältnisses zwischen David und seinem Vater gefehlt. Es wurde durchaus angerissen, aber wirklich nahe gebracht wurde es dem Leser nicht. Da hätte ich mir einfach ein bisschen mehr gewünscht. Ich brauche kein Happy End in dieser Beziehung, aber ich brauche klare, nachvollziehbare Gründe, warum Menschen denken und handeln, wie sie es eben tun. Aber vielleicht wird das ja noch genauer in einem der Nachfolger ausgeleuchtet. Desweiteren war mir das Ende dann doch etwas zu rasant. Vergleichen kann man das mit einer gemütlichen Fahrt durch eine Geisterbahn, bei der man schaudert und eine Gänsehaut bekommt, und am Ende findet man sich plötzlich in einer Wildwasserbahn wieder. Allzu schnell und überstürzt wurden die Ereignisse abgehandelt. Dass die Handlung zum Ende hin Fahrt aufnimmt, ist ja durchaus gewünscht, aber manchmal ist weniger eben doch ein bisschen mehr.

Fazit:
“Herz aus Glas” war durch und durch eine positive Überraschung. Eine von der Sorte, die ich gerne mehr in die Finger kriegen würde. Kathrin Langes Stil und Erzählweise wissen wirklich zu schmeicheln und zu gefallen. Der Roman liest sich leicht und flüssig weg, die Handlung ist wunderbar aufgebaut, wobei hier der Spannungsbogen wirklich positiv hervor zu heben ist. Die Figuren sind mit Liebe zum Detail gestaltet und wahnsinnig sympathisch, aber das wichtigste war für mich, dass die Autorin es geschafft hat, einem immer das richtige Gefühl zu vermitteln. Ich kann es kaum erwarten, die Fortsetzung “Herz in Scherben” zu lesen und hoffe, dass es der Autorin gelingt, das großartige Niveau zu halten.

Ela

Ich bin quasi das Gegengewicht zu Sebastian. Ich schreibe über all das, was an ihm vorbei geht. Jugendromane, Frauenromane, auch mal der ein oder andere Thriller, Komödien, Filme, in denen es um Freundschaft und Liebe geht, Comic- und Buchverfilmungen....sowas eben. In meiner Freizeit befasse ich mich vorwiegend mit dem Lesen und Schreiben, mit Filmen und Büchern, mit meiner Familie und Freunden und natürlich mit meinen Tieren. Ich koche und backe gern und bin vermutlich das schlimmste Assassin's Creed Fangirl, dem du je begegnet bist. Und ich liebe Musik! Immer und überall.