1984George Orwell – 1984
OT: 1984

Taschenbuch: 544 Seiten
Verlag: Ullstein
Übersetzung: Michael Walter

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Klappentext:

»Freiheit bedeutet die Freiheit, zu sagen, daß zwei und zwei vier ist. Gilt dies, ergibt sich alles übrige von selbst.«

Der Klassiker über einen allmächtigen Überwachungsstaat ist und bleibt beklemmend aktuell: Mit 1984 schuf George Orwell eines der einflußreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts.

Mit einem Nachwort von Daniel Kehlmann

© Ullstein

George Orwells »1984« zählt für viele zu den Klassikern der Literatur. Außerdem ist es eines der wenigen Bücher, die ich nun tatsächlich mehr als einmal gelesen habe. Neben dem Status als Klassiker stellt sich nun die Frage: Wie wichtig und bedeutsam ist der Roman in der heutigen Zeit noch? Und kann er tatsächlich den hohen Erwartungen gerecht werden, die man an einen solchen Titel hat?

Widmen wir uns zunächst der ersten Frage. Orwells 1984 mag uns heute, mit den Kenntnissen um die tatsächlichen Geschehnisse und die mitterweile seit 30 Jahren vergangenen 80er ziemlich altbacken und wenig modern erscheinen. Nun muss man sich hierzu klarmachen, dass es nicht das Ansinnen des Autors gewesen ist, einen Science-Fiction-Roman zu schreiben, weswegen er die Erde eine Weiterentwicklung durchmachen ließ, die ihm nach den damaligen Maßstäben realistisch erschien. In manchen Punkten hat er dabei durchaus zu weit gegriffen, in anderen wiederum nicht weit genug, was aber letztendlich nicht dazu führt, dass »1984« zu einem schlechten Buch wird. Die Kernaussage um die totale Überwachung ist aktueller denn je, ebenso wie die von ihm als wesentlicher Handlungsbestandteil angesprochene revisionistische Geschichtsschreibung in Zeiten von alternativen Fakten und Fake News fast schon visionär erscheint. Soll heißen: Das Buch ist auch nach mittlerweile 70 Jahren immer noch aktuell und sollte, zumindest mit klarem Menschenverstand betrachtet, eine Warnung sein, die nicht vernachlässigt werden sollte. Oder, wie Daniel Kehlmann es in seinem Nachwort in der mir vorliegenden Ausgabe schrieb: »[…] dass der Roman zu einer sich selbst verhindernden Prophezeiung geworden ist; er leistet einen entscheidenden Beitrag zu verhindern, dass das, was er beschreibt, über uns kommen kann.« Und unter diesem Aspekt sollte man das Buch tatsächlich sehen, denn …

… die von Orwell erdachte Geschichte als solches ist, um es ganz offen zu sagen, keine sonderlich spannende. Im Grunde genommen ist es eine Liebesgeschichte, geprägt von Verzweiflung und dem allgegenwärtigen Wissen um das eigene Schicksal. Es dreht sich um ein Gedankenverbrechen, dessen unvermeidliches Ende der Tod zu sein scheint. Dieser wird von den Protagonisten dann auch immer wieder und mit einer solchen Selbstverständlichkeit vorausgesehen, dass es dem Leser schon nach wenigen Seiten sehr leicht fällt, das unvermeidliche zu akzeptieren und auch nur mit eben jenem Ende zu rechnen. »1984« zeichnet sich aus diesem Grund nicht durch einen sonderlich gelungenen Spannungsaufbau aus, denn um spannend zu werden, müsste tatsächlich etwas passieren. Ein Bruch mit den sich selbst auferlegten Konventionen und dem Schema der Vorhersehung bleibt jedoch weitestgehend aus, weswegen man den Begriff »Vorhersehbar« mit einem dicken Stempel auf den Roman prägen könnte. Neben dem Anspruch bleibt der Roman dementsprechend vergleichsweise langatmig und vorhersehbar.

Mit starken Figuren könnte »1984« ebenfalls nicht punkten. Letztlich stehen mit Winston und Julia zwei Jedermänner im Mittelpunkt des Geschehens, die auch klar als solche gezeichnet werden. Hauptakteur Winston wird zumindest noch mit einem rudimentären Hintergrund ausgestattet, über die Vergangenheit der anderen Figuren erfährt man in den meisten Fällen wenig bis gar nichts. Charakterliche Tiefe muss mit der Lupe gesucht werden, neben den heimlichen Gedanken an Rebellion und der Verzweiflung über die eigene Situation auf der einen Seite und den heimlichen Gedanken an Rebellion und die nach außen getragene Regimebesessenheit auf der anderen Seite sucht man vergebens nach etwas, was die Figuren zu etwas Besonderem macht. Wie gesagt, Jedermänner halt, die man vermutlich gut und gerne gegen einen Großteil der anderen Bewohner von Orwells »1984« machen könnte. Das ist etwas schade, denn auch wenn dem Autor natürlich die Botschaft mehr am Herzen gelegen haben dürfte, wäre hier doch noch einiges an Luft nach oben gewesen.

Was den Stil angeht, darf man nicht vergessen, dass Orwell »1984« im Jahr 1948 geschrieben hat. So mag für den modernen Leser die eine oder andere Formulierung und mitunter auch die Wortwahl ziemlich altmodisch erscheinen, allerdings nie in einem Rahmen, der wirklich störend oder schwer verständlich wäre. Trotz des Alters ist das Buch somit auch für den modernen Leser immer noch zugänglich – zumindest, wenn man sich denn wieder mit der alten deutschen Rechtschreibung anfreunden kann, ich muss zugeben, dass das »dass« mit »ß« sich zu Beginn schon etwas komisch gelesen hat.

Fazit:

7Man sollte sich genau überlegen, mit welchen Erwartungen man an »1984« herangeht. Wer einen modernen Klassiker lesen und auf sich wirken lassen möchte, kann beruhigt zuschlagen. Wer sich ein Bild davon machen möchte, wie man unsere Zeit mit einem Abstand von 40 Jahren betrachtet hat, muss sogar zuschlagen. Wer hingegen auf einen spannenden Dystopie-Thriller hofft, wird weitestgehend vom Roman enttäuscht sein. Ich persönlich hätte mir etwas mehr Spannung gewünscht, denn so wäre aus einem visionären Roman ein großartiger geworden.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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