Nachdem es in dieser Woche hier nicht viel zu lesen gab (ja, auch wir genießen lieber das Wetter, als vor dem Rechner zu sitzen) möchten wir sie nun schließlich doch noch mit einem Beitrag beenden. Nicht beendet ist hingegen, auch wenn sie eigentlich auf vier Teile ausgelegt war, diese Artikelreihe. Nachdem wir hiermit nun mittlerweile vier ausführliche Interviews veröffentlichen konnten, hat unter anderem eine Facebook-Diskussion gezeigt, dass sich noch mehr Menschen einen Kopf um dieses Thema machen, was für uns mehr als Grund genug ist, noch ein abschließendes Fazit als fünften Teil hinterher zu schießen. Das ist jetzt aber noch Zukunftsmusik, wir widmen uns nun erstmal dem abschließenden Interview.

(c) Hannelore Körber, mit frdl. Genehmigung von https://dandelionliteratur.wordpress.com/

Dafür steht uns heute ein Gesprächspartner Rede und Antwort, den man wohl ruhigen Gewissens als ein Urgestein in der Branche betrachten darf. Gerade im phantastischen Bereich führt eigentlich kaum ein Weg an den Arbeiten des seit 1979 als selbstständiger Übersetzer tätigen Joachim Körber vorbei. Zunächst vorwiegend im Science Fiction-Bereich tätig füllte sich sein Schaffensbereich nach und nach immer mehr, am bekanntesten dürfte er wohl für seine einstmalige Funktion als Stammübersetzer von Stephen King sein. Andere bekannte Namen sind Dean Koontz, Dan Simmons, Tad Williams oder Sam Millar.

Herr Körber ist jedoch nicht ausschließlich Übersetzer. Bereits 1984 gründete er mit Uli Kohnle und Thomas Bürk die „Edition Phantasia„, einen Kleinverlag, der sich mit seinen üppig ausgestatteten, qualitativ hochwertigen, limitierten und signierten Ausgaben vorwiegend an Sammler besonderer Auflagen richtet. Den Genretiteln ist Körber auch in dieser Hinsicht jedoch treu geblieben. Ebenso hat er selbst einen Roman veröffentlicht („Wolf„, 1998), seine Kurzgeschichte „Der Untergang des Abendlandes“ wurde mit dem Deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet. Mehrere seiner Übersetzungen wurden für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert.

Für mich persönlich ist Herr Körber einer der besten deutschen Übersetzer, anders als bei einigen Kollegen (von denen aber niemand hier interviewt wurde) hatte ich bei seinen Arbeiten  nie den Eindruck, dass sie nicht stimmig wären, auch lesen sie sich grundsätzlich sehr unterschiedlich, sodass man wohl reinen Gewissens behaupten kann, dass er sein Handwerk versteht. Ich freue mich über die Zusage und möchte mich noch einmal für die Zeit bedanken, die sich Herr Körber für die Beantwortung unserer Fragen genommen hat.

Nun aber genug von der Theorie, lassen wir Joachim Körber selbst zu  Wort kommen.

1) Viele Leser werden sich bestimmt fragen, wie man überhaupt Übersetzer wird, manche werden vielleicht sogar den Gedanken haben „Ich spreche gut Englisch, ich mache das jetzt auch.“ Welche Ausbildung sollte man mitbringen, um in Ihrem Metier erfolgreich und gut arbeiten zu können? Sollte man als Quereinsteiger überhaupt darüber nachdenken, haupt- oder nebenberuflich Literaturübersetzungen anzufertigen?

Das fragen Sie genau den Richtigen – ich selbst habe ja gar keine formale Ausbildung zum Übersetzer. Außer einer Begabung für Sprachen – eine eins in Deutsch in der Mittleren Reife, eine 2 in Englisch- habe ich nichts vorzuweisen. Bei mir war es so ähnlich, wie Sie das in Ihrer Frage formulieren: Als ich in meinem erlernten Beruf damals keinen Job fand, dachte ich mir: „Ich mache das auch.“ Ich habe dann versucht, mich weiterzubilden, habe Seminare besucht, das Europäische Übersetzerkolleg in Straelen, mich mit Kollegen ausgetauscht. Meine allerersten Übersetzungen will ich heute nicht mehr sehen, aber ich denke, inzwischen mache ich das ganz gut. Was die Frage nach dem hauptberuflichen Übersetzen angeht, kann ich aber nur abraten – die ganze Verlagsbranche hat sich sehr verändert, der Anteil an Übersetzungen – zumindest aus dem Englischen – ist drastisch gesunken. Ich denke, wer heute in den Job einsteigen will, dürfte es sehr viel schwerer haben als ich damals – vor unglaublichen sechsunddreißig Jahren!

2) Die wichtigste Frage ist wohl, wie viel des eigenen Stils in eine Übersetzung einfließen darf. Oder anders gefragt: kann sich ein deutschsprachiger Rezensent überhaupt ein Urteil über den Stil eines Autoren erlauben oder kann er nicht vielmehr (und ich bitte, das nicht abwertend zu verstehen) „nur“ den Stil des Übersetzers beurteilen?

In eine Übersetzung sollte keinesfalls der eigene Stil einfließen, sondern man sollte stets versuchen, die Sprache des Autors nachzuempfinden. Ich kenne den einen oder anderen Kollegen, der stets gleich übersetzt – egal, ob einen märchenhaften Fantasy-Roman oder einen Hightech-SF-Thriller, die Sprache klingt stets gleich. Das sollte nach meinem Dafürhalten nicht sein. Jeder Autor hat seine eigene Stimme; Aufgabe des Übersetzers ist es, dem deutschen Leser die Stimme zu vermitteln und nahe zu bringen. Stephen King zum Beispiel schreibt – oder hat es früher zumindest – in einer sehr schnodderigen Umgangssprache; beim Übersetzen sollte man versuchen, möglichst nahe am Original zu bleiben, dem deutschen Leser aber eine entsprechende deutsche Umgangssprache zu geben. Autoren wie Cormac McCarthy schreiben dagegen ausgesprochen stilbewusst. Ich hatte das Vergnügen, dass ich Stephen King selbst übersetzen durfte, aber auch einen Schriftsteller wie William Gay, dessen Stil mit dem von McCarthy verglichen wurde. Legen Sie eine King-Übersetzung und eine Gay-Übersetzung nebeneinander, und Sie werden – hoffentlich! – feststellen, dass hier durchaus zwei ganz unterschiedliche Stimmen zu hören sind.

Was die Beurteilung von Übersetzungen angeht, ist das natürlich schwierig. Der Übersetzer ist immer eine Art Filter, durch den der deutsche Leser einen Autor sieht. Ich habe mich vor Jahren einmal mit einem Kollegen gestritten, der englischen Übersetzungen oft bescheinigt hat, wie grottenschlecht sie seien, andererseits Übersetzungen aus dem Italienischen, Chinesischen oder Japanischen über den grünen Klee gelobt hat. Auf meine Nachfrage erklärte er mir, dass er keine der genannten Sprachen spricht, was aber auch nicht nötig sei, denn ob eine Übersetzung gut sei, würde er erkennen. Das ist natürlich ausgemachter Blödsinn. Wenn man einen glatten und gut lesbaren deutschen Text hat, heißt das nicht zwangsläufig, dass der auch etwas mit dem Original zu tun haben muss. Das kann man nur beurteilen, wenn man das Original kennt.

3) Wie kann man sich die Herangehensweise an ein neues Projekt vorstellen? Arbeiten Sie alle Geschichten nach einem bestimmten Schema ab oder ist die Arbeitsweise abhängig davon, mit welcher Art von Literatur Sie es zu tun bekommen?

Ich persönlich lese ein Buch an und versuche, mir ein Bild vom Stil des Autors zu machen, damit ich den dann im Deutschen so gut es geht nachempfinden kann. So etwas wie das berühmte „Schema F“ gibt es beim Übersetzen nicht. Ein sehr prominenter Kollege, heute ein angesehener Literaturkritiker, hat einmal zu mir gesagt: „Von Übersetzern verlangt man, dass sie jeden Tag das Rad neu erfinden.“ So ist es wohl. Jedes Übersetzungsprojekt erfordert eine andere Herangehensweise.

4) Oftmals wechselt der Übersetzer eines Schriftstellers im Laufe der Zeit. Waren Sie schon einmal in der Situation, die Arbeit eines Kollegen fortsetzen zu müssen? Wie kann man solche Arbeiten stemmen, ohne die Fans der älteren Übersetzungen zu verprellen oder den Werken eines Autoren plötzlich ein ganz anderes Gesicht zu verleihen?

Ja, das ist mir auch schon passiert, und eine Garantie, dass man einem Autor ein etwas anderes Gesicht gibt, gibt es natürlich nicht. Jeder Übersetzer hat seine Eigenheiten, seine Vorbildung, seinen Hintergrund, und das alles fließt zwangsläufig mit in eine Übersetzung ein. Ich habe vor Jahren eine Neuübersetzung des Romans „Slob“ von Rex Miller für meine Edition Phantasia gemacht – die deutsche Erstausgabe war gekürzt und nach meinem Dafürhalten viel zu glatt geschliffen. „Slob“ ist ein Buch, das stilistisch völlig außer Rand und Band ist, davon hat man in der alten Übersetzung leider nichts gemerkt. In einer Rezension schrieb dann ein Kritiker, dass der Übersetzer der alten Ausgabe auf das kernige Vokabular des Western setzt, ich in meiner Neuübersetzung dagegen auf das Vokabular des Unheimlichen und Makabren. So hätte ich selbst das wohl nie gesehen, ich hatte lediglich versucht, eine deutsche Ausgabe zu machen, die dem stilistischen Wahnsinn des Originals gerecht wird – bis hin zu der Tatsache, dass ich einige Wort- und Satzfetzen deutscher Schlager usw. verwendet habe, wenn ich mir dachte, dass die Zitate des Originals hierzulande keiner nachvollziehen kann. Es scheint mir gelungen zu sein, denn die Neuübersetzung hat viel Lob geerntet.

5) Ich habe durch die Übersetzung meiner Interviews lernen müssen, dass es mitunter schwierig, wenn nicht sogar unmöglich ist, bestimmte Phrasen und Aussagen ins Deutsche zu übertragen. Ich kann mir vorstellen, dass es bei Literatur-Übersetzungen noch einmal schwieriger ist, den Worten des Autoren treu zu bleiben, besonders wenn es zum Beispiel um Humor oder Wortspiele geht. Wie gehen Sie als professionelle Übersetzer mit solchen Situationen um?

Da muss man kreativ sein, das ist schon richtig. Ich versuche eben, wie schon gesagt, im Deutschen Formulierungen zu finden, die dem Original gerecht werden. Wenn die Autoren noch leben, mache ich das in Absprache mit ihnen. In „Move Under Ground“ von Nick Mamatas zum Beispiel wimmelt es von solchen Wortspielen; an einer Stelle bekommt jemand einen Schlag auf sein „chinny-chin-chin“. Ich habe dem Autor geschrieben, dass ich das im Deutschen nicht hinkriege, aber im nächsten Satz eine wunderbare Anspielung auf ein deutsches Lied einbauen könnte, und dem hat er zugestimmt. Denis Scheck hat in meinen Anfangsjahren als Übersetzer einmal zu mir gesagt, dass in einer Übersetzung nicht für jedes englische Wort ein deutsches stehen muss, aber wenn der amerikanische Leser an einer Stelle lacht, muss es der deutsche Leser auch tun. Und wenn der amerikanische Witz zu unverständlich wäre, muss man sich eben einen deutschen einfallen lassen.

6) Liest man als Übersetzer überhaupt noch deutsche Ausgaben oder setzt man ausschließlich auf die Originale?

Ich lese schon sehr viele Bücher in deutschen Übersetzungen, aber man liest sie natürlich immer ein bisschen mit dem Auge des Kritikers und denkt sich an bestimmten stellen: Oh, das hat der Kollege/die Kollegin aber gut gelöst, oder: Da hat er/sie aber schwer gepatzt. Was die Bücher russischer, japanischer, französischer Schriftsteller angeht, muss ich zwangsläufig die Übersetzungen lesen, da ich die Sprachen nicht beherrsche.

7) Generell kann man wohl sagen, dass die deutsche Ausgabe eines Buches mit der Übersetzung steht und fällt. Kommen Sie sich unter diesem Aspekt mitunter nicht übergangen vor, wenn es in einer Kritik heißt „Autor XYZ ist ein Meister des geschriebenen Wortes“?

Eigentlich nicht. Es ist sicher richtig, die Arbeit von Übersetzern wird nicht immer in dem Maße gewürdigt, wie sie es verdient hätte. Man kann nur mit dem Material arbeiten das man hat. Kann sein, dass man einen Autor übersetzt, der ausgesprochen hölzern und fade schreibt, und dann wieder einen, der einen herausragenden, lyrischen Stil hat. Wenn ich dann in einer Rezension meiner Übersetzung lese: „Autor A schreibt ausgesprochen hölzern und fade“ oder „Autor B hat einen herausragenden, lyrischen Stil“, dann denke ich mir, dass ich alles richtig gemacht habe.

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Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.