Willkommen zum mittlerweile dritten Teil dieser Reihe, mit der wir versuchen wollen, eine gerne einmal übersehene, für den deutschen Leser aber essenzielle Tätigkeit im Buchbusiness etwas in den Mittelpunkt zu stellen: die Übersetzungen. Bislang durften wir mit Andreas Brandhorst und Hannes Riffel zwei alten Hasen im Geschäft ein Loch in den Bauch fragen, heute hingegen möchte man fast sagen, dass wir einen der jungen Wilden zum Gespräch bitten konnten. Übrigens sind wir nicht die einzigen, die dieses Thema interessiert, so konnte ich vor wenigen Tagen eine sehr interessante Facebook-Diskussion auf der Seite des Atrium Verlagsleiters Tim Jung verfolgen, der sich ebenfalls darüber äußerte, dass die Übersetzung in Rezensionen und auch professionellen Kritiken gerne einmal übersehen wird. Die Ansicht der kommentierenden Blogger hierzu ist, dass es schwierig ist, etwas zu bewerten, wozu der Vergleich fehlt – etwas, was ich als Leser ausschließlich deutschsprachiger Ausgaben durchaus unterschreiben würde. Herr Jung hielt dagegen. Ja, ein Blick ins Original würde sich natürlich immer empfehlen, es sei faktisch aber falsch, dass man sich gar keinen Eindruck der Übersetzung machen könne. Es sei schließlich offensichtlich, ob ein Text in sich stimmig ist – und wenn er es ist, dann hat der Übersetzer eine gute Arbeit abgeliefert. Eine Aussage, die man so natürlich durchaus unterschreiben könnte. Ebenso wie den Teil, dass es nicht zwangsläufig am Autoren liegen muss, wenn ein Buch sich nicht gut liest. Man merkt also, es ist ein spannendes Thema, welches offensichtlich an einigen Stellen für Kontroversen sorgt.

Nun aber zu unserem heutigen Gesprächspartner. Markus Mäurer lebt in der Nähe von Koblenz und ist studierter Sozialpädagoge, außerdem hat er ein Nordamerikastudium abgeschlossen. Als freier Übersetzer war er unter anderem für Golkonda, Festa und Cross Cult tätig. In seinem Lebenslauf finden sich Romane und Kurzgeschichten sowie – und in diesem Bereich haben wir das Interview entgegen der ursprünglichen Verfahrensweise etwas erweitert – Übersetzungen von TV-Scripts. Ein interessanter Brückenschluss also für einen Blog, der medienübergreifende Rezensionen veröffentlicht.

Herr Mäurer ist zudem selbst Blogger, ihr könnt ihn gerne unter https://translateordie.wordpress.com/ besuchen, dort werdet ihr sicherlich weitaus mehr Informationen zum Thema mitnehmen können, als es im Rahmen unseres kurzen Interviews möglich ist. Zudem finden sich dort Links zu Mäurers zahlreichen Veröffentlichungen abseits seiner Arbeit als Übersetzer. Nun aber direkt weiter mit unserem Interview. Wir bedanken uns für die Zeit, die sich Herr Mäurer für seine umfangreichen und informativen Antworten genommen und natürlich auch für die freundliche Kommunikation im Vorfeld.

Viele Leser werden sich bestimmt fragen, wie man überhaupt Übersetzer wird, manche werden vielleicht sogar den Gedanken haben „Ich spreche gut Englisch, ich mache das jetzt auch.“ Welche Ausbildung sollte man mitbringen, um in Ihrem Metier erfolgreich und gut arbeiten zu können? Sollte man als Quereinsteiger überhaupt darüber nachdenken, haupt- oder nebenberuflich Literaturübersetzungen anzufertigen?

Die Frage habe ich mir 2009 auch gestellt, und ich habe sie dem Übersetzer Frank Böhmert gestellt, der sie mit diesem Blogeintrag beantwortete: https://translateordie.wordpress.com/2012/05/05/literaturubersetzer-werden-aber-wie/

Ich habe Franks Aufgabe ausgeführt und bin danach am Ball geblieben, was heißt, dass ich mich zunächst bei Kleinverlage aus der SF-Szene beworben habe, zu denen ich teilweise Kontakte hatte. Da gab es zwar kein hohes Honorar, aber dafür die Möglichkeit Erfahrung zu sammeln und eine Bibliografie aufzubauen. Das war 2012, damals habe ich noch neben meinem Zweitstudium (Nordamerikastudien/Lateinamerikastudien) übersetzt. Hauptberuflich mache ich es erst seit Oktober 2014. Es kann ein langer, harter Weg sein, mit einigen Rückschlägen, und man sollte sich auch keine Illusionen über den Verdienst als freiberuflicher Übersetzer machen, aber wenn man hartnäckig ist und gute Arbeit pünktlich abliefert, ist der Berufseinstieg möglich. Es gibt zwar Übersetzerstudiengänge für Literaturübersetzer, aber die sollen eher praxisfern sein. Die meisten ÜbersetzerInnen, die ich kenne, sind Quereinsteiger. Gutes Englisch ist dafür wichtig, aber noch wichtiger ist ein gutes Deutsch. Ebenfalls wichtig sind – und das ist meine Erfahrung aus unzähligen Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen – vor allem Kontakte, man muss viel Netzwerken (was nicht gerade meine Stärke ist). Klassische Bewerbungen sind äußerst selten erfolgreich, da muss man dann sehr viel Glück mit dem Timing haben.

Die wichtigste Frage ist wohl, wie viel des eigenen Stils in eine Übersetzung einfließen darf. Oder anders gefragt: kann sich ein deutschsprachiger Rezensent überhaupt ein Urteil über den Stil eines Autoren erlauben oder kann er nicht vielmehr (und ich bitte, das nicht abwertend zu verstehen) „nur“ den Stil des Übersetzers beurteilen?

Lässt man drei ÜbersetzerInnen den gleichen Text übersetzen, kommen dabei vermutlich drei unterschiedliche Übersetzungen raus, von denen aber keine unbedingt schlechter sein muss als die andere. Eine hundertprozentige Übersetzung ist gar nicht möglich. Ich sehe es eher als eine möglichst große Annäherung an das Original. Jeder Übersetzer hat sicher bestimmte Eigenheiten, wie er etwas übersetzt, aber dem Stil des Originals kann man schon treu bleiben. Am schwierigsten empfinde ich es, schlechten Stil zu übersetzen. Nicht dass ich mir anmaßen würde, ein besserer Autor zu sein, als jene, die ich bisher übersetzt habe, aber ich mach das mal an einem Beispiel deutlich.

Für den Golkonda Verlag von Hannes Riffel habe ich drei „Captain Future“-Romane von Edmond Hamilton übersetzt. Das ist Pulpliteratur aus den 1940er Jahren, für die Hamilton schlecht bezahlt wurde, weshalb er sie innerhalb kürzester Zeit an der Schreibmaschine runterschrieb. Und so ging der Text dann unlektoriert in den Druck, mit einer Flut an Adjektiven und unzähligen Wiederholungen, wenn z. B. innerhalb einer halben Seite Captain Future dreimal als der „rothaarige Zauberer der Wissenschaften“ bezeichnet wird. So etwas kürze ich dann raus, damit für den heutigen, deutschsprachigen Leser auch ein lesbarer Text dabei herauskommt. Trotzdem versuche ich, dem Pulpcharakter und Schreibstil Hamiltons treu zu bleiben, indem ich z. B. eine etwas antiquierte Sprache mit einem Schuss Pathos verwende, die auf den heutigen Leser dieselbe Wirkung erzielt, wie der ursprüngliche Text auf den damaligen Leser des Originals.

Und darum geht es: Mit der Übersetzung die gleiche Wirkung auf den deutschsprachigen Leser zu erzeugen, die der Originaltext auf seine Leser hat. Dabei versuche ich mir vorzustellen, wie der Autor den Text als deutscher Muttersprachler auf Deutsch geschrieben hätte. Ein guter Übersetzer erzeugt eine Wirkungsäquivalenz, die den Stil des Autors ins Deutsche überträgt.

Wie kann man sich die Herangehensweise an ein neues Projekt vorstellen? Arbeiten Sie alle Geschichten nach einem bestimmten Schema ab oder ist die Arbeitsweise abhängig davon, mit welcher Art von Literatur Sie es zu tun bekommen?

Bei Romanen werfe ich erst mal einen Blick in den Text, bevor ich den Auftrag annehmen, damit ich abschätzen kann, wie schwer er zu übersetzen ist und wie lange ich dafür brauchen werde. In der Regel lese ich mir das Buch vorher nicht komplett durch (höchsten quer), sondern legen direkt los. Erst einmal relativ langsam, mit ein paar Seiten pro Tag, bis ich ein Gefühl für den Text und den Stil des Autors bekommen habe. Manche ÜbersetzerInnen machen zunächst eine schnell Rohübersetzung und überarbeiten den Text dann massiv. Ich versuche direkt so zu übersetzen, dass man es drucken könnte. Am nächsten Tag gehe ich den übersetzten Text vom Vortag durch, korrigiere Fehler und baue Sätze oder Formulierungen um, die mir noch nicht gefallen, dann geht es mit dem Übersetzen weiter. Wenn der Text komplett übersetzt ist, gibt es einen letzten Korrekturgang, um übersehene Fehler zu verbessern und sicherzugehen, ob alles stimmig ist, Begriffe einheitlich verwendet werden und es sich flüssig liest. Das hat sich für mich als idealer Arbeitsprozess herausgestellt, den ich auch bei Kurzgeschichten einhalte. TV-Dokus sind da anders, aber dazu später mehr. Art und Genre des Textes haben für diesen Arbeitsprozess bisher keine Rolle gespielt. Für manche Bücher betreibe ich auch Recherche und lese thematisch passende Bücher, wie zum Beispiel Sachbücher über den Ersten Weltkrieg zur Übersetzung von „Das Blut der Helden“ von Joseph Nassise.

Oftmals wechselt der Übersetzer eines Schriftstellers im Laufe der Zeit. Waren Sie schon einmal in der Situation, die Arbeit eines Kollegen fortsetzen zu müssen? Wie kann man solche Arbeiten stemmen, ohne die Fans der älteren Übersetzungen zu verprellen oder den Werken eines Autoren plötzlich ein ganz anderes Gesicht zu verleihen?

Bei „Captain Future“ habe ich mich mit Frauke Lengermann abgewechselt, wobei sie schon drei Bände übersetzt hatte, bevor ich eingestiegen bin. Die habe ich dann gelesen und mich an die dortige Wortwahl und den Stil gehalten. Der von ihr geführte Glossar war auch sehr hilfreich. Und im Idealfall achtet auch der Lektor noch darauf, dass die Texte stimmig bleiben. Im letzten Jahr habe ich mit „Die Maschine erwacht“ den zweiten Band der „Spider Wars“-Reihe von Adam Christopher übersetzt. Da bin ich für Claudia Kern eingesprungen, die Band 1 übersetzt hatte. Auch hier habe ich mich auf ihre Übersetzung und den Glossar gestützt, wobei die beiden Bände inhaltlich kaum etwas miteinander zu tun haben. Das sind abgeschlossene Geschichten mit anderen Figuren, die nur im selben Universum spielen. Da dürfte der Übersetzerwechsel nicht aufgefallen sein.

Das waren jetzt auch zwei Beispiele, bei denen sich keine Leserschaft und Fangemeinde über Jahre an einen bestimmten Übersetzer gewöhnt an. Als Leser bin ich zum Beispiel mit den Terry-Pratchett-Übersetzungen von Andreas Brandhorst aufgewachsen und habe die Scheibenwelt durch sie lieben gelernt. Da ist der Wechsel zu Geralt Jung – auch wenn er tolle Arbeit leistet und teilweise vielleicht sogar näher am Original ist – schon ein krasser Wechsel, der mich dazu gebracht hat, aufs Original umzusteigen, weil ich die Scheibenwelt auf Deutsch einfach mit den Begriffen und Übersetzungen von Brandhorst verbinde. Hat auch was mit Nostalgie und bestimmten Emotionen zu tun, die beim Lesen erzeugt werden.

Was für mich gar nicht geht, ist, wenn sich durch einen Übersetzerwechsel, wie z. B. bei „Das Rad der Zeit“, in einer fortlaufenden Serie plötzlich feste Begrifflichkeiten ändern, und die neue Übersetzerin nicht das Vokabular der bisherigen Bände übernimmt. Das ist eine Inkonsistenz die ich persönlich als Übersetzer gegenüber den Lesern nicht tragen könnte. Aber es ist auch mit zusätzlicher Arbeit für die Übersetzer verbunden, die in den meisten Fällen sicher nicht extra bezahlt wird.

Ich habe durch die Übersetzung meiner Interviews lernen müssen, dass es mitunter schwierig, wenn nicht sogar unmöglich ist, bestimmte Phrasen und Aussagen ins Deutsche zu übertragen. Ich kann mir vorstellen, dass es bei Literatur-Übersetzungen noch einmal schwieriger ist, den Worten des Autoren treu zu bleiben, besonders wenn es zum Beispiel um Humor oder Wortspiele geht. Wie gehen Sie als professionelle Übersetzer mit solchen Situationen um?

Wortspiele sind eine heikle Angelegenheit, die einen Übersetzer schnell ins Schwitzen bringen können. Ich mache es das wie der Kollege Hannes Riffel, bei dem ich ja sozusagen in die Lehre gegangen bin – ich versuche, nicht dicht am Original kleben zu bleiben, sondern lasse mir etwas einfallen. Das ist einer der Teile, bei dem man als Übersetzer kreativ werden muss. Ob ich allerdings in der Lage wäre, einen humoristischen Roman zu übersetzen? Ich weiß es nicht. Das wird sich noch herausstellen müssen. Aber da geht es nicht nur um Humor, je mehr Bedeutungsebenen ein Text besitz, in dem es vor mehrdeutigen Formulierungen nur so wimmelt, desto schwieriger wird die Aufgabe für den Übersetzer. Da kann er dann unter Beweis stellen, dass er Sachen zu leisten mag, zu denen ein Übersetzungsprogramm nicht in der Lage ist.

Liest man als Übersetzer überhaupt noch deutsche Ausgaben oder setzt man ausschließlich auf die Originale?

Seit ich übersetze lese ich wieder mehr deutschsprachige Bücher, darunter auch viele Übersetzungen. Zum einen, um zu lesen, was die KollegInnen so machen, zum anderen auch, um mir nicht zu sehr englische Satzstrukturen anzugewöhnen, die im Deutschen häufig nicht funktionieren. Übersetzungen zu lesen, hilft mir auch dabei, Wörter und Begriffe zu sammeln, die ich vielleicht mal gut gebrauchen kann. Manchmal stoße ich auch auf eine Übersetzung, bei der ich denke: super, die passt doch an dieser einen Stelle in meiner eigenen Übersetzung hervorragend. Ich halte es für wichtig, dass deutsche Sprachgefühl zu pflegen.

Sie übersetzen nicht nur Literatur, sondern haben auch Übersetzungen von Scripts für TV-Dokumentationen erstellt. Ist die Arbeitsweise hier eine andere oder vom Prinzip her identisch? Und welche Art von Projekt ist für Sie die interessantere?

Bei TV-Dokumentationen gehe ich ganz anders heran. Da erhalte ich eine Word-Datei mit dem Transkript der Sprechertexte, die in Reihen und Zellen angelegt und mit Timecodes versehen sind. Hier übersetze ich direkt unter dem Originaltext, der auch noch darüber stehen bleibt. Das ist eine Rohübersetzung, die danach noch von einer Redakteurin mal mehr, mal weniger stark bearbeitet wird. Wenn ich einmal mit der Übersetzung durch bin, lasse ich das Bild- und Tonmaterial der Doku laufen und gleiche es mit dem Text ab. Oft gibt es Fehler oder Abweichungen in der Skriptvorlage, mancher Text erschließt sich einem auch erst, wenn man das Bildmaterial dazu sieht.

Bücher und Literatur sind meine Leidenschaft, lesen meine absolute Lieblingsbeschäftigung – also ist das Übersetzen von Büchern eine Art Traumberuf für mich, der mir richtig viel Spaß macht. TV-Dokus sehe ich mir gelegentlich mal ganz gerne an, aber da gibt es keine Leidenschaft. Trotzdem sind diese kleineren TV-Übersetzungen eine willkommene Abwechslung. An einer Romanübersetzung sitze ich oft zwei oder mehr Monate, das kann auf Dauer ganz schön anstrengend werden und sich in die Länge ziehen. Für eine TV Doku von 45 Minuten brauche ich zwei bis drei Tage für die Übersetzung. Solche Aufträge kann ich also gut kurzfristig dazwischen schieben, was ganz angenehm ist, wenn man wochenlang am gleichen Text arbeitet. Die Dokus sind insofern interessant, weil ich da noch eine Menge lerne, egal ob es über den Zweiten Weltkrieg geht, hawaiianische Krieger, das Hubble-Weltraumteleskop oder Rohrlegerschiffe in der Nordsee.

Generell kann man wohl sagen, dass die deutsche Ausgabe eines Buches mit der Übersetzung steht und fällt. Kommen Sie sich unter diesem Aspekt mitunter nicht übergangen vor, wenn es in einer Kritik heißt „Autor XYZ ist ein Meister des geschriebenen Wortes“?

Wobei eine gute oder schlechte Übersetzung noch nichts über den Erfolg eines Buches aussagt. Es gibt auch Bestseller mit schwachen Übersetzungen.

Natürlich ist es schön, wenn man in einer Rezension erwähnt wird und ich freue mich darüber, aber mir macht es nichts aus, wenn es nicht der Fall ist. Hauptsache den LeserInnen gefällt das Buch. Ohne die Übersetzung mit dem Originaltext zu vergleichen, kann man ja auch nur schwer beurteilen, ob es sich um eine wirklich gelungene Übersetzung handelt.

Vielen Dank für die Fragen!

Weitere Beiträge aus dieser Reihe:

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.