Edward Lee & Elizabeth Steffen – Dahmer ist nicht tot

OT: Dahmer’s Not Dead
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Festa
Übersetzung: Christian Jentzsch

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Klappentext:

Hat Dahmer seinen eigenen Tod nur vorgetäuscht?

Im Juli 1991 fasste die amerikanische Polizei einen der teuflischsten Serienmörder der Geschichte – den Kannibalen Jeffrey Dahmer. Drei Jahre später wurde er im Gefängnis von einem anderen Insassen erschlagen …
Doch kurz nach dem Begräbnis beginnt eine weitere kannibalistische Mordserie. Fingerabdrücke, DNA und modus operandi – alle Spuren führen zu Dahmer.
Die Ermittlerin Helen Closs ist sich sicher, dass es sich um einen perversen Nachahmer handelt … bis in der Nacht ihr Handy klingelt und Jeffrey Dahmer selbst mit ihr redet.

Eine fein geschliffene Geschichte. Edward Lee und die Serienkillerexpertin Elizabeth Steffen sind auf Augenhöhe mit den besten Kriminalschriftstellern. Gruselig und intelligent … so wie Jeffrey Dahmer selbst.

© Festa Verlag

Kritik:

Wenn der deutsche Leser den Namen Edward Lee hört, denkt er in erster Linie an die FESTA-Extrem-Reihe, in die der Amerikaner so gut wie kaum jemand sonst passt. Doch Lee ist weitaus mehr als »Der Besudler auf der Schwelle« oder »Bighead«. Mit »Dahmer ist nicht tot« veröffentlicht der Leipziger Verlag eines seiner eher untypischen Bücher, dem man die polizeiliche Vergangenheit Lees (und womöglich auch die erneute Zusammenarbeit mit Co-Autorin Elizabeth Steffen) deutlich anmerkt.

Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass der Roman wenig mit den blutigen Gewaltexzessen seiner bekannten Veröffentlichungen gemein hat. Im Vordergrund stehen weder Obszönitäten noch blutiges Gemetzel, vielmehr baut Lee eine Atmosphäre auf, die den Leser im Genick packt und durch die Geschichte schleift. »Dahmer ist nicht tot« könnte zwar der Titel eines abgedrehten Zombiehorrors sein, ist aber vom Genre so weit entfernt Nicholas Sparks von Stephen King. Das Buch ist durch und durch ein klassischer Polizeithriller mit vielen Krimielementen, angesiedelt Mitte der 90er Jahre und stellt eine fiktive Weiterführung der Geschehnisse nach dem Tod des Serienmörders Jeffrey Dahmer dar. Ohne viel Anlauf kreiert Edward Lee einen Spannungsbogen, der steil nach oben geht und regelmäßig durch interessante und unvorhersehbare Wendungen nachgewürzt wird. Daraus entsteht ein gelungenes Verwirrspiel, bei dem der Leser bis zum Schluss an der Nase herumgeführt wird und sich immer wieder fragen muss, was nun tatsächlich Phase ist. Und so unwahrscheinlich die Geschichte auch in einigen Passagen erscheint, so schlüssig und nachvollziehbar ist die Auflösung der offenen Fragen nach dem adrenalintreibenden und intensiven Finale. Gelungen!

Was die Protagonisten angeht, ist es schwierig, ein Urteil zu fällen. Ermittlerin Helen Closs liefert weitestgehend eine One-Woman-Show ab, in welcher sie und ihr Charakter intensiv beleuchtet werden. Sie wird dabei zwar nicht unbedingt zu einer Sympathiebombe, was aber letzten Endes auch zweitrangig ist. Wichtiger ist, dass sie bodenständig und echt daherkommt. Zwar erfährt man nicht allzu viel über ihre Vergangenheit, aber man hat dennoch den Eindruck, dass die Figur vom Autorenduo gut durchdacht wurde. Die Nebenfiguren sind weitestgehend aber tatsächlich nur schmückendes Beiwerk, welches im direkten Vergleich ziemlich oberflächlich wirkt. Die Ausnahme bildet hier Helens Lover Tom Drake, dessen Rolle in »Dahmer ist nicht tot« allerdings doch etwas umfangreicher ausfällt.

Stilistisch habe ich leider nicht viele Vergleichmöglichkeiten. Ich habe aus Lees Repertoire »Das Schwein«, »Bighead« und »The Innswitch Horror« gelesen, welche sich grundlegend von dieser Geschichte unterscheiden. Was aber für Lee spricht, denn so unterschiedlich die Thematiken der Romane sind, so unterschiedlich ist auch der jeweilige Schreibstil. »Dahmer ist nicht tot« verzichtet fast gänzlich auf detaillierte Gewaltspitzen und Porno-Elemente, die viele seiner anderen Bücher ausmachen. Trotzdem ist die Schreibe kurzweilig und knackig auf den Punkt gebracht. Das Erzähltempo ist hoch und den Geschehnissen der Geschichte absolut angemessen. Kurz gesagt: Das Buch geht flüssig von der Hand. Christian Jentzschs Übersetzung trägt ihren Teil dazu bei, allerdings lässt sie in bestimmten Passagen vermuten, dass die Lokalisierung dem Text an manchen Stellen den Wortwitz nimmt. Ohne ein Grundwissen im englischen Schimpfwörterrepertoire hätte ich vermutlich doch etwas die Stirn gerunzelt, warum der Charakter Kussler auf die Verballhornung seines Namens mit »Kuntzler« so unangemessen heftig reagiert. Das funktioniert nur, wenn man weiß, was das englische Wort »cunt« bedeutet …

Fazit:

Schon nach dem Genuss von »The Innswitch Horror« habe ich geschrieben, dass Edward Lee viel mehr kann als nur Splatter. »Dahmer ist nicht tot« ist ein weiterer Beweis dafür, denn der Roman entpuppt sich als ein spannender, flott geschriebener Thriller mit interessanten Wendungen und einem starken Hauptcharakter. Zudem wird deutlich, dass Lee und seine Co-Autorin Elizabeth Steffen sich eingehend mit der Thematik beschäftigt haben und auch berufliches Vorwissen mitbringen. Das Resultat ist eine interessante Was-wäre-wenn-Geschichte, die auch denjenigen, die mit dem ›klassischen‹ Lee nicht viel anfangen können, durchaus Spaß machen dürfte.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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