OT: Bighead

Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Festa Verlag

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Klappentext:

Ein brutaler, obszöner Thriller!
Nachdem sein Großvater gestorben ist, sitzt Bighead ganz alleine in der Hütte irgendwo im tiefen Wald von Virginia. Als das letzte Fleisch verzehrt ist, treibt ihn der Hunger hinaus in die »Welt da draußen«, von der er bisher nur von seinem Opa gehört hat …
Wer oder was ist der Bighead? Wieso hat er einen Kopf so groß wie eine Wassermelone? Ist er ein mutierter Psychopath? Was er auch immer ist, Bighead ist unterwegs und hinterlässt eine Spur aus Blut und Grauen.
THE BIGHEAD gilt als das »most disturbing book«, das jemals veröffentlicht wurde. Mancher Schriftsteller wäre über solch eine Einordnung todunglücklich, doch nicht Edward Lee – er ist stolz darauf.

Kritik:

Wer nur den Klappentext liest, mag sich vielleicht denken, dass er ein wenig dick aufgetragen ist – so viel möchte ich vorweg nehmen: er ist es nur bedingt, denn in der Tat ist “Bighead” ein sehr krankes Buch, in vielerlei Hinsicht. Und auch wenn ich nun einen Teil meiner Glaubwürdigkeit einbüßen werde, muss ich auch gleich vorweg sagen, dass Edward Lees Werk das erste in diesem Blog ist, welches ich rezensiere, ohne es beendet zu haben. Der Grund hierfür ist aber nicht, dass ich zu zart besaitet gewesen wäre.

Zunächst einmal muss man sagen, dass Mr. Lee hier in der Tat einen sehr bizarren Roman abgeliefert hat, welcher auf der einen Seite sehr wohl zeigt, dass er ein Autor ist, von dem man eigentlich einiges erwarten könnte. Er vermag es, auf der einen Seite sehr spannend zu schreiben, verbindet das auf der anderen Seite mit einem sehr krassen Humor und fügt dem auch noch sehr explizite Gewaltdarstellungen bei. Es gelingt ihm, einen stetig ansteigenden und permanenten Spannungsbogen aufzubauen und er zwingt dem Leser förmlich die Frage auf, wie es nun mit seinen Protagonisten weiter geht. Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Welt für den Horrorfreund – auch den des derberen Umgangs – noch in Ordnung. Die Tatsache, dass die Geschichte aus der Perspektive mehrerer Figuren erzählt wird und sich in Form eines Sternenmarsches aufeinander zu bewegt ist nicht unbedingt neu, auch hier wurden bereits ähnliche Werke besprochen. Innovativ hingegen finde ich den Umstand, dass Lee bei einem Teil seines Schaffens nicht nur die gesprochenen Sätze, sondern die kompletten Kapitelabschnitte in einer Art “Südstaatendialekt” (oder dem, was man sich als Deutscher darunter vorstellt – mein Respekt an den Übersetzer) schreibt. Anfangs noch gewöhnungsbedürftig, flutscht es bereits nach einigen Seiten sehr gut. Man kann also sagen, dass sowohl stilistisch als auch von der atmosphärischen beziehungsweise spannungsbildenden Seite nicht viel verkehrt gemacht wurde.
Auch die Figuren seines Romans sind nicht zwangsläufig dazu angetan, das Buch zur Seite zu legen. Speziell die “guten” Charaktere (wobei man ganz klar sagen muss, dass es bei Lee kein “Gut” im eigentlichen Sinn gibt, jede Figur hat auch ihre Schattenseiten. Ein einfaches Schwarz/weiß-Prinzip kann man also nicht ausmachen) sind gut ausgearbeitet und ermöglichen es dem Leser, zumindest eine gewisse Identifikation aufzubauen. Die Antagonisten hingegen sind eindeutig das: böse, gewalttätig und… bumsgeil. Dazu aber später mehr. Ich denke, dass im weiteren Verlauf des Buches noch etwas tiefgehender auf sie eingegangen wird, allerdings fehlen mir, wie einleitend erwähnt, die letzten 120 Seiten des Titels.
Warum? Das ist leicht beantwortet. Denn die Umschreibung “Obzön” trifft den Nagel nicht ganz auf den Kopf. Pornographisch ist meines Erachtens nach passender – und zwar in allen möglichen Variationen. Sex mit Männern und Frauen jeder Altersklasse und jedes Körperumfangs, Toten, Teilen von Toten, künstlichen Darmausgängen. Hillbillies, die wildwichsend durch die Gegend laufen, Reporterinnen, die es möglichst hart in jede erdenkliche Körperöffnung haben wollen… und das ebenfalls sehr detailliert beschrieben. Mich störten im Buch nicht die sehr expliziten Schilderungen der Morde und auch der sexuelle Kontext an sich wirkte auf mich nicht abstoßend (nun ja, abstoßend schon, aber nicht so sehr, dass es mir schlaflose Nächte bereitet oder ein Eimer neben meinem Bett gestanden hätte). Viel mehr hat mich die immer wiederkehrende Abfolge von “Beute suchen – Beute erniedrigen/ verstümmeln – Beute auf möglichst harte, perverse Art ran nehmen – Beute abmurksen – Überreste der Beute noch einmal in allen möglichen Variationen rannehmen – Schädel knacken und Gehirn aufessen (letzteres nur im Fall der Titelfigur)” irgendwann einfach gelangweilt. Ab einem gewissen Zeitpunkt hatte ich den Eindruck, dass Lee versucht hat, die Brutalität immer weiter zu steigern und dabei das wesentliche eines Buches – die Spannung und die Handlung – irgendwann aus dem Auge verloren hat. Streckenweise wirkte es auf mich, als ob er versucht hat, die (Gore-)Filme eines Lucio Fulci in Literaturform zu bannen und sie dabei noch ins Quadrat zu setzen. Und auch auf die Gefahr hin, dass ich diese Phrase bald totgenudelt habe (wobei mir “totgenudelt” im Zusammenhang mit “Bighead” sehr passend vorkommt): weniger wäre mehr gewesen. Ich sehe nichts falsches daran, den Lesefluss von Zeit zu Zeit mit einigen gerne auch extremen Gewaltspitzen zu unterbrechen, hier ist aber die Regelmäßigkeit und Vorhersehbarkeit dermaßen störend, dass die eigentliche Geschichte zur Nebensächlichkeit gerät, was den Roman schließlich auch seinen Platz auf meinem Nachttisch gekostet hat.
Fazit:
“Bighead” hätte ein guter Horrorthriller mit einem besonderen Touch sein können, wenn er nich durch das ständig wiederkehrende Prinzip irgendwann nur noch langweilen würde. Ich kann verstehen, dass das Buch bei Hardcore-Freunden seinen Stellenwert hat, denn die Schauwerte, die geboten werden suchen tatsächlich ihresgleichen, auch der teils abartige Humor ist nicht unsympathisch. Dennoch hätte ich mir eindeutig eine stärkere Fixierung auf die eigentliche Geschichte gewünscht und weniger auf die gewalttätigen oder pornografischen Ausbrüche – oder die Vermischung von beidem. So bleibt allenfalls ein Film von Andreas Bethmann auf Papier. Mehr leider nicht.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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