David Gray – Sarajavo Disco

Taschenbuch: 496 Seiten
Verlag: Pendragon

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Boyle-Reihe, Band 2

Klappentext:

In einem Hamburger Club wird ein Türsteherboss ermordet. Kurz darauf wird die Leiche eines Mitglieds der Hells Angels gefunden. Alles weist auf einen Vergeltungsschlag hin. Lewis Boyle, Leiter der Hamburger Mordkommission, will einen Kiezkrieg mit allen Mitteln verhindern. Während fieber­haft nach den Mördern gesucht wird, geht Kommissarin Jale Arslan Hinweisen auf eine neue Droge nach, die gratis an die Junkies der Stadt verteilt wird. Der Druck auf die Polizei nimmt zu, als immer mehr Konsumenten daran sterben. Haben die Kiezmorde mit der neuen Droge zu tun? Können Boyle und Arslan den Wahnsinn stoppen, bevor es zu einem brutalen Bandenkrieg kommt?

Mit „Sarajevo Disco“ ist David Gray ein rasanter Polizei­thriller vor realistischem Hintergrund gelungen.
Nach „Kanakenblues“ der zweite Band der Boyle-Reihe.

© Pendragon Verlag

Kritik:

Mit »Sarajevo Disco« lädt David Gray uns zum zweiten Mal ein, mit seinem Kommissar Lewis Boyle an einer rasanten Hatz über den Hamburger Kiez teilzunehmen. Den Vorgänger »Kanakenblues« hatte ich in guter Erinnerung und auch das unter seinem Klarnamen Ulf Torreck erschienene »Fest der Finsternis« hat mir gut gefallen. Keine Frage, auch der zweite Boyle war Pflichtprogramm.

Schon von der ersten Seite an versprüht der Roman dieses ganz spezielle Flair, welches selbst dann überzeugend ist, wenn man Sankt Pauli nur vom Hören-Sagen kennt. Wer selbst schon einmal auf der berühmten Roten Meile unterwegs gewesen ist, wird das natürlich noch etwas besser nachempfinden können, insgesamt spricht dieser Aha-Effekt aber klar für die Atmosphäre, die David Gray rund um die namensgebende »Sarajavo Disco« webt. Es gelingt ihm nicht nur, die Stimmung des berühmten Rotlichtbezirks einzufangen, auch die Geschehnisse rund um den für Boyle recht persönlichen Fall haben eine interessante Stimmung, die jederzeit zu gefallen weiß. Das Buch lebt natürlich nicht nur von der Atmosphäre. Auch der Spannungsbogen weiß zu überzeugen, vor allem da die Story den Leser bis zum Finale im Unklaren darüber lässt, was es mit der drogenverteilenden Kanzlerbande auf sich hat und wer der Drahtzieher hinter der tödlichen Droge ist. Stimmung und Spannung, die beiden wichtigsten Zutaten für einen gelungenen Krimi, sind gegeben und damit ist zumindest die halbe Miete schon eingefahren.

An der Figurenfront gibt es ebenfalls keinen Grund zur Beschwerde. Boyle selbst kann ruhigen Gewissens als ein echtes Unikum bezeichnet werden. Unabhängig davon, dass er der einzige farbige Hauptkommissar der Hamburger Polizei ist (und Autor David Gray sich deswegen den Vorwurf der ›Kulturaneignung‹ (wtf?!) machen lassen musste), ist er ein gut durchdachter und überzeugender Charakter. Stellenweise wirkt er extrem cool, doch »Sarajevo Disco« macht dem Leser immer wieder deutlich, dass der Hauptprotagonist alles andere als ein perfekter Überbulle mit weißer Weste ist. Viele Ecken und Kanten, so einiger Dreck am Stecken und ein gut ausgearbeiter Hintergrund – das ist überzeugend, bodenständig und macht eine Menge Spaß. Auch sein Sidekick Jale Arslan passt da gut ins Bild. Sie ist ebenfalls vieles, aber kein typischer Polizist, kommt mit einer Menge Stärken, Schwächen und Problemen daher und ist eine stimmige Ergänzung. Natürlich kommt ein Milieukrimi nicht gänzlich ohne die typischen Kiez-Figuren aus. Aber selbst wenn die Zuhälter, Drogendealer und Hells Angels sich nicht immer des Klischeevorwurfs erwehren können, passt die Darstellung gut. Denn sein wir doch mal ehrlich: Genau solche Typen erwartet man auf der Reeperbahn! Und nicht ganz zu Unrecht.

Stilistisch passt es ebenfalls. Gray präsentiert in »Sarajevo Disco« eine rotzige, frische und freche Sprache, die zum Handlungsort und den Figuren passt wie der Arsch auf den sprichwörtlichen Eimer. Es mag vielleicht nicht jedermanns Sache sein, wenn die Damen der Schöpfung mit schöner Regelmäßigkeit als ›Broschen‹ oder ähnliches bezeichnet werden und generell das eine oder andere Mal keine hohe Meinung von ihnen vorherrscht – aber hey, das ist der Kiez. Get used to it! So völlig ohne Kritik kann ich aber dann nicht bleiben. Gray hat eine Vorliebe dafür, bestimmte Figuren mit immer wiederkehrenden Spitznamen zu versehen. Da kommt es schon ein bisschen zum Overflow. Was im »Fest der Finsternis« das ›alte Scheusal/ Ungeheuer‹ als Bezeichnung für den Marquis de Sade gewesen ist, ist hier das ›alte Krokodil‹ für den Rotlichtpaten Premuda. Aber das ist nur ein kleines Detail in einer sonst durchweg unterhaltsamen Story.

Fazit:

»Sarajevo Disco« hat alles, was ein guter Krimi braucht. Steiler Spannungsbogen, überzeugende Kiez-Atmosphäre, interessante Figuren. Der Leser wird mitgenommen auf eine sehr temporeiche und bis zum Schluss undurchschaubare Achterbahnfahrt, die von der ersten Seite an Spaß macht. Und auch, wenn es der zweite Band der Boyle-Reihe ist: Vorkenntnisse sind nicht zwingend nötig.

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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