der kreidemannC. J. Tudor – Der Kreidemann
OT: The Chalk Man

Hardcover: 384 Seiten
Verlag: Goldmann
Übersetzung: Werner Schmitz

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Klappentext:

Alles begann an dem Tag, an dem sie auf den Jahrmarkt gingen. Als der zwölfjährige Eddie den Kreidemann zum ersten Mal traf. Der Kreidemann war es auch, der Eddie auf die Idee mit den Zeichnungen brachte: eine Möglichkeit für ihn und seine Freunde, sich geheime Botschaften zukommen zu lassen. Und erst einmal hat es Spaß gemacht – bis die Figuren sie zur Leiche eines jungen Mädchens führten. Das ist dreißig Jahre her, und Eddie dachte, die Vergangenheit liegt hinter ihm. Dann bekommt er einen Brief, der nur zwei Dinge enthält: ein Stück Kreide und die Zeichnung eines Strichmännchens. Und als die Geschichte beginnt, sich zu wiederholen, begreift Eddie, dass das Spiel nie zu Ende war …

© Goldmann Verlag

Alle paar Jahre scheint es in der Belletristik diese Ausnahmeerscheinungen zu geben, die mit ihren Romanen aus dem Nichts auftauchen und einen Durchmarsch an die Spitzen der Bestsellerlisten hinlegen. Stephenie Meyer, Gillian Flynn und natürlich J. K. Rowling sind solche Beispiele. Allen scheint aber auch eines gemein: Abseits ihrer großen Erfolge passiert nicht viel. C. J. Tudor legt nun mit »Der Kreidemann« einen Roman vor, der ebenfalls aus dem Nichts zu kommen scheint und, völlig spontan, in mittlerweile 39 Ländern erschienen ist.

Nun richten sich die Veröffentlichungen der vorgenannten Autorinnen vorwiegend an ein eher junges Publikum, sind zum Teil mit ihrer Zielgruppe erwachsen geworden. »Der Kreidemann« steht nur bedingt in dieser Tradition, denn auch wenn Tudor ihre Geschichte abwechselnd auf zwei Zeitschienen anlegt (1986 und 2016), werden ihre Protagonisten nicht allmählich älter, sondern sind entweder Erwachsene oder Kinder. Damit steht das Buch eher in der Tradition von Werken wie Brian Keenes »Leichenfresser« oder Stephen Kings »ES«. Und ähnlich wie diese beiden Romane ist auch »Der Kreidemann« eine gelungene Mischung aus mehreren Genres, die auf den ersten Blick nicht so recht zusammenpassen wollen. Krimi-/ Thriller-Elemente treffen auf Coming of Age. Und gerade diese Verquickung ist es, die dem Buch einen besonderen Touch gibt, denn wie auch bei King gelingt es C. J. Tudor hervorragend, nicht nur die Genres, sondern auch die Erzählebenen absolut stimmig und stimmungsvoll miteinander zu verbinden. Oft hat man den Eindruck, dass die Rahmenhandlung nur dazu dient, zwei Geschichten, die ihr zur gleichen Zeit im Kopf herumgespukt sind, miteinander zu verbinden. Die Spannung bleibt dabei aber nicht auf der Strecke, denn beide Teile der Story haben ihre ganz eigenen Spannungsbögen, die bis zum Schluss auf hohem Niveau gehalten werden. Dazu kommt der Umstand, dass bis zur buchstäblich letzten Seite nicht alle offenen Fragen und Geheimnisse aufgelöst werden. Und der finale Twist hat dann noch einen drauf gesetzt und dafür gesorgt, dass mir die Kinnlade endgültig nach unten klappte und auch einige Zeit in dieser Position verharrte. Großartig!

Interessant sind natürlich bei einem Roman dieser Machart die Figuren. Und hier kann man eigentlich nur eines sagen: C. J. Tudor hat alles richtig gemacht. Es gelingt ihr, ihre Protagonisten nicht nur zu glaubwürdigen Figuren zu machen, sondern ihnen tatsächlich Leben einzuhauchen und, trotz des großen Zeitsprungs von 30 Jahren, ihre Entwicklung realistisch und bodenständig wirken zu lassen. Hauptakteur Ed besticht dabei durch eine extrem gelungene Auseinandersetzung mit seinen eigenen Ängsten, Gedanken und Gefühlen. Jenen, die ein 12-jähriges Kind beschäftigen und jenen, die einen Erwachsenen durchströmen. Die zentrale Frage nach dem Richtig oder Falsch wird immer wieder gestellt und die mit den persönlichen Entscheidungen dahergehenden Konsequenzen sorgen dafür, dass sämtliche Charaktere tatsächlich echt wirken.

Gut gefallen hat mir auch Tudors Stil. Ihre Schreibweise ist extrem zugänglich und der Erzählperspektive aus Eddies Sicht angepasst. Das lässt »Der Kreidemann« wirken, als ob es sich tatsächlich um eine Retrospektive der Ereignisse im Jahre 1986 handelt – und eine Betrachtung der Auswirkungen, die sie auch 30 Jahre später noch haben. Und das nicht nur auf die einzelnen Protagonisten bezogen, sondern sehr viel weitumfassender daherkommen. Die deutsche Übersetzung von Werner Schmitz wirkt rund und schlüssig, sodass für Lesespaß auf hohem Niveau gesorgt ist.

Fazit:

10Wow! So könnte man »Der Kreidemann« mit nur drei Buchstaben beschreiben. C. J. Tudor liefert ein Debüt ab, das sofort ganz vorn in der ersten Liga mitspielen kann. Die Auseinandersetzung mit den Charakteren, die runde, atmosphärische und spannende Geschichte und das Finale, welches einem die Gedanken nur so um die Ohren knallt, lassen letztendlich nur die Höchstwertung zu. Tudor legt mit ihrem Erstling die Messlatte für Folgeveröffentlichungen sehr hoch an!

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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