Taschenbuch: 252 Seiten
Verlag: Begedia Verlag

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Klappentext:

»Das Spiel ist zu Ende, wenn ich sage, dass es zu Ende ist!«

Die Entführung des Multimillionärs Karl Grothner soll Marius Kleinhans zu einem reichen Mann machen. Trotz aller schützenden Sicherheitssysteme gelingt ihm der große Coup, doch um welchen Preis! Hätte er über die Persönlichkeit seines Opfers mehr gewusst, wäre er Einbrecher geblieben, statt zum Kidnapper zu werden. Aber zur Umkehr ist es schon lange zu spät, denn eine tödliche Maschinerie aus Mord, Lügen und Intrigen gerät unaufhaltsam in Gang. Der Strudel aus Machtgier und morbider Liebe reißt alle Betroffenen mit sich, und schon bald verwischen die Grenzen zwischen Gut und Böse. Es beginnt ein tödliches Spiel, dessen Ausgang unvorhersehbar ist.

Kritik:

Gut, ich gestehe: der Titel lässt nun so manches vermuten. Entwarnung vorab: “Karl – Ausgeliefert” hat weder etwas mit Kurierdiensten noch mit irgendwelchen seltsamen BDSM-Praktiken zu tun. Tatsächlich handelt es sich hier um einen Thriller aus der Feder Bernhard Giersches, dessen Erstling “Das letzte Sandkorn” schon sehr gut bei mir angekommen ist. Keine Frage also, dass ich trotz der grundlegend anderen Thematik einen Blick auf das Buch werfen musste, schon alleine um zu sehen, ob der Autor auch abseits der phantastischen Stoffe zu unterhalten weiß.

Generell sollte man schon vom Start weg sagen, dass es sich bei diesem Roman nicht unbedingt um einen Thriller im klassischen Sinn handelt. Bei “Karl – Ausgeliefert” stehen nicht die Verbrecher beziehungsweise die Jagd nach ihnen im Vordergrund, sondern vielmehr die Tat an sich und die Auswirkungen, die sie auf die unmittelbar Betroffenen sowie deren gesamtes Umfeld hat. Giersche gelingt es hierbei vom Start weg, den Leser in ein morbides Spiel rund um Macht und Geld hinein zu ziehen, ihm immer wieder mit einem lässigen Fingerzeig in eine bestimmte Richtung zu schicken – und ihn dann kurz darauf feststellen zu lassen, dass er in eine gänzlich falsche Richtung gedacht hat. Das Ergebnis sind diverse spannende und unvorhersehbare Wendungen, die auch tatsächlich bis zum Schluss hin dafür sorgen, dass man immer wieder auf Glatteis wandert, sich in falschen Ideen verrennt und letztlich wieder überrascht wird. Das lässt den Kniff des Autoren, den Ausgang der Entführung schon im Prolog vorweg zu nehmen noch einmal in einem ganz speziellen Licht erscheinen, da der Leser ja eigentlich schon weiß, was passieren wird. Die Atmosphäre des Romans ist von Anfang bis Ende bitterböse und sehr dicht.

Die wahre Stärke des Buches sind aber die Figuren. Giersche präsentiert uns in “Karl – Ausgeliefert” Psychopathen jeglicher Couleur. Er sorgt dafür, dass man die Charaktere, vor allem den Titel”helden” zu hassen beginnt, ihn verachtet und ihn dabei dennoch irgendwie für sein abgebrühtes und absolut kalkuliertes Verhalten bewundern muss. Sympathien kommen dabei natürlich keine auf, aber ich denke auch nicht, dass das die Intention des Autoren gewesen ist. Auch die weibliche Hauptfigur, zunächst als mausgraue Sekretärin eingeführt, zeigt dabei immer mehr und immer düstere Facetten aus ihrem Charakter, die auf der einen Seite absolut erschreckend sind, auf der anderen aber auch für ein sehr gut funktionierendes Wechselspiel zwischen ihr und Karl sorgt. Beide werden mit einem glaubwürdigen und nachvollziehbaren Hintergrund ausgestattet, was sie nur noch tiefgründiger wirken lässt und diese Gratwanderung zwischen Abscheu und Bewunderung überhaupt erst ermöglicht. Die Nebenfiguren sind dagegen recht blass, erfüllen aber ihren Zweck: die Story voran zu treiben. Und natürlich auch, den Leser immer wieder in die unterschiedlichen gedanklichen Sackgassen zu lotsten.

Stilistisch kann man sich über Bernhard Giersche ebenfalls nicht beschweren. Man merkt “Karl – Ausgeliefert” deutlich an, dass auf der einen Seite ein gesundes Hintergrundwissen um die menschliche Psyche vorhanden ist, auf der anderen aber auch einiges an Recherche investiert wurde. Gekonnt werden so zum Beispiel historische Fakten aufgegriffen und für die Geschichte mit einem fiktiven Ereignis verwoben. Dazu kommt ein sehr eingängiger Schreibstil, der gut lesbar ist, ein sehr angenehmes und zum Roman passendes Tempo anschlägt – und auch, anders als noch bei der Erstauflage des “Sandkorns”, nicht durch die Veröffentlichung eines teillektorierten Manuskripts mit häufigen Fehlern den Lesefluss stört.

Fazit:

“Karl – Ausgeliefert” ist ein deutliches Zeichen dafür, dass gute Thriller nicht zwangsläufig aus dem englischen Sprachraum kommen müssen. Bernhard Giersche präsentiert mit seiner zweiten Veröffentlichung einen Roman, der tiefschürfend ist, Fragen aufwirft und den Leser mit starken Figuren und einer unvorhersehbaren, wendungsreichen Geschichte dauerhaft bei der Stange hält. Ja, “Karl” ist mit Sicherheit ungewöhnlich, keine leichte Kost und auf keinen Fall ein herkömmlicher Thriller. Dennoch ist das Buch von Anfang bis Ende absolut unterhaltsam und lässt mich nach dem ebenfalls sehr lesenswerten Debüt Giersches zu der Erkenntnis kommen, dass wir es hier mit einem der interessantesten deutschen Jungautoren zu tun haben, von dem man sicherlich noch mehr erwarten darf.

Mehr von Bernhard Giersche auf Stuffed-Shelves.de:

Das letzte Sandkorn

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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