Andreas Brandhorst – Das Erwachen

Taschenbuch: 736 Seiten
Verlag: Piper

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Klappentext:

In »Das Erwachen« nimmt sich Bestsellerautor Andreas Brandhorst eines der brandaktuellen Themen der Wissenschaft an: Wann werden die Maschinen uns übertrumpfen und was wird das für unser Leben bedeuten? Der ehemalige Hacker Axel setzt versehentlich ein Computervirus frei, das unzählige der leistungsfähigsten Rechner auf der ganzen Welt vernetzt. Als sich daraufhin auf allen Kontinenten Störfälle häufen und die Infrastruktur zum Erliegen kommt, die Regierungen sich gegenseitig die Schuld geben und die geopolitische Lage immer gefährlicher wird, stößt Axel gemeinsam mit der undurchsichtigen Giselle auf ein Geheimnis, das unsere Welt für immer verändern wird: In den Computernetzen ist etwas erwacht, und es scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein …

© Piper Verlag

Andreas Brandhorst war mir bislang durch seine Science-Fiction-Werke und seine Tätigkeit als Pratchett-Übersetzer vertraut. Ja, ich wusste, dass er bereits früher Thriller veröffentlicht hat, aber »Das Erwachen« war der erste, den ich gelesen habe. Dementsprechend wusste ich nicht, mit welchen Erwartungen ich an das Buch herangehen sollte..

Etwas futuristisch wird es dann doch, denn auch wenn der Roman über weite Strecken in der Gegenwart fußt, ist die Handlung in der nahen Zukunft angesiedelt. Die Technologien sind somit weitestgehend bekannt und als logische Weiterentwicklungen zu sehen, das Setting ist ebenfalls noch greifbar und realistisch. Dadurch entwickelt »Das Erwachen« eine Stimmung, in der man sich wiederfindet und der man gern glaubt, dass wir in ein paar Jahren auf dieser Entwicklungsstufe leben werden. Das wird von Brandhorst Recherchen und die Hintergrundinformationen, die er auf seiner Homepage mit den Lesern teilt, noch einmal deutlich unterstrichen. Die daraus resultierende Atmosphäre, die im Verlauf der Geschichte zunehmend düsterer und verzweifelter wird, ist von ganz hoher Qualität und in der Lage, auch unabhängig des Storyverlaufs zu fesseln. Was nicht bedeutet, dass er vernachlässigt wurde. Brandhorst baut einen extrem steilen Spannungsbogen auf, der durch die unterschiedlichen Erzählebenen auf einem kontant hohen Niveau bleibt und sich trotz der über 700 Seiten des Romans keinen Einknicker erlaubt. Geschickt werden die unterschiedlichen Handlungsstränge, die jeweils ihren eigenen Drive haben, miteinander verwoben, um schließlich die unterschiedlichen Elemente zu einem hochbrisanten Metaplot zu verbinden, der die Hetzjagd auf Axel Krohn fast zu einem Nebenschauplatz der Geschichte werden lässt.

Doch auch abseits der Story ist »Das Erwachen« spannend. Spannend und erschreckend, denn wie erwähnt sind die beschriebenen Entwicklungen absolut realistisch, insbesondere was das Fortschreiten von künstlicher Intelligenz angeht. Es ist absolut vorstellbar, dass Brandhorsts Geschichte viel dichter an der Realität ist, als es zunächst den Eindruck haben mag. Dieser Umstand sorgt dafür, dass man das Buch auf mehreren Ebenen lesen kann – umso besser, dass es auf jeder von ihnen funktioniert.

Einen besonderen Reiz machen die Charaktere des Romans aus, denn in den meisten Fällen bleiben die persönlichen Motivationen lange undurchschaubar. Immer wieder lässt Brandhorst durchblicken, dass vielleicht nicht alles so ist, wie es zu Beginn scheint, um den Leser nach falschen Fährten und vielen überraschenden Wendungen in eine gänzlich andere Richtung zu schubsen. Man kann fast sagen, dass er ein Misstrauensverhältnis zwischen Leser und Figuren schafft, welches dazu führt, die Geschehnisse zusätzlich zu hinterfragen. Insbesondere Hauptakteur Axel Krohn wird durch die Geschehnisse und die von anderen Protagonisten ausgelegten Fallstricke fast zu einer tragischen Figur, da sich »Das Erwachen« ausführlich mit seinem Werdegang beschäftigt, der im späteren Handlungsverlauf noch eine spezielle Bedeutung gewinnt.

Andreas Brandhorst legt Tempo vor, anders kann man den Stil nicht beschreiben. Sein aktueller Roman ist ein lupenreiner Actionthriller, der den Leser mit Vollgas durch die Seiten jagt. Es finden sich jedoch auch viele Hintergrundinformationen im Buch, die allerdings nicht so sehr ins Detail gehen und so wissenschaftlich erklärt werden, dass sie den Lesefluss unterbrechen würden. Ein gesundes Maß, welches tief blicken lässt, aber nicht trocken und langweilig wird. Das weiß zu gefallen.

Fazit:

Andreas Brandhorst liefert für mich mit »Das Erwachen« den besten Roman des Jahres ab. Es ist eine hochspannende und temporeiche Geschichte, die zugleich aber auch als politisches Werk funktioniert und eine deutliche und eindringliche Warnung ausspricht. Es ist ein Buch, mit dessen Handlung man sich noch Tage nach dem Lesen beschäftigen kann und es ist ein Buch, welches uns unsere Technikabhängigkeit und die davon ausgehende Gefahr sehr deutlich und in einem erschreckenden Ausmaß vor Auge führt. Zusammen mit Leif Tewes’ »Alternativen« wird aus »Das Erwachen« somit auch eines der wichtigsten Bücher des Jahres.

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Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.

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