OT: Precious: Based on the Novel “Push” by Sapphire (USA 2009)

Regie: Lee Daniels

Darsteller: Gabourey Sidibe, Mo’Nique, Paula Patton, Mariah Carey, Lenny Kravitz

Freigabe: FSK 12
Laufzeit: 110 Min.

Inhalt:
Harlem, 1987. Precious ist eine 200 Kilo schwere Teenagerin, die vom Leben arg gebeutelt wird. Vom Vater vergewaltigt, von der Mutter misshandelt, flüchtet sich die 16-Jährige in Tagträume, die ein besseres Leben verheißen. Das ist allerdings weit entfernt. Obwohl schon in der neunten Klasse, kann das Mädchen weder lesen noch schreiben. Als Precious von der Schule zu fliegen droht, schließt sie sich einem alternativen Lehrprogramm an und stößt auf eine verständnisvolle Lehrerin. Die entdeckt das kreative Potenzial ihrer Schülerin.

Kritik:
Das einzige, woran ich mich noch erinnern konnte, war, dass der Film damals unglaublich abgefeiert wurde. Während das für andere Menschen ein Qualitätsmerkmal ist, ist es für mich immer eher ein Grund, einen Schritt zurück zu treten und die Leute machen zu lassen. Und so sind 6 Jahre ins Land gezogen, ehe ich wieder über Precious gestolpert bin. Irgendwie war mir an diesem Abend nach Anspruch, und ich erinnerte mich wieder an den Hype. Also dachte ich bei mir, dass es einen Versuch wert wäre und hab mir Precious angesehen. Leider muss ich gestehen, dass ich das, was andere Menschen als wertvolles, sozialkritisches Drama sehen, als halbe Katastrophe empfand.

Das Leben meint es wirklich nicht gut mit Clareece „Precious“ Jones: wie eingangs schon erwähnt, wird sie von Vater und Mutter missbraucht und misshandelt, ist stark übergewichtig und deshalb auch im Maßstab der Gesellschaft keine Schönheit, sie scheint recht klug zu sein, hat aber nie schreiben und lesen gelernt. Mit ihrer tyrannischen Mutter lebt sie in einer kleinen, schäbigen Wohnung in Harlem von der Fürsorge. Precious ist bereits Mutter einer schätzungsweise 3- oder 4-jährigen Tochter mit Downsyndrom und ist erneut schwanger, beide Kinder stammen von ihrem eigenen Vater. Die Schule will die Schwangerschaft offenbar nicht dulden und verweist Precious an ein spezielles Lernprogramm. Dort nimmt sich eine engagierte Lehrerin ihrer an. So viel also zur Geschichte in meinen eigenen Worten. Klingt jetzt erstmal nicht nach der totalen Katastrophe, auch wenn der eine oder andere die Grundzüge einer solchen Geschichte sicher schon einige Male gesehen hat. So auch ich, daher war der Stoff für mich nicht neu. Das ist aber ehrlich gesagt auch schon alles, was ich der Geschichte zu Gute halten kann. Denn auf mich wirkte sie am Ende doch arg konstruiert, und das hat nichts mit mangelndem Mitgefühl zu tun. Spätestens als Precious erfährt, dass ihr Vater an Aids gestorben ist, einen Test macht und feststellt, dass sie ebenfalls HIV-positiv ist, war für mich der Ofen aus. Ich hab mir schlicht die Frage gestellt, warum man in Hollywood immer so wahnsinnig dick auftragen muss. Was ist das für eine Mode der letzten Jahre, immer noch einen oben drauf zu setzen, statt den Punkt wahrzunehmen, bis zu dem eine Geschichte recht gut erzählt ist? In diesem Fall war es für mich einfach mal wieder zu viel. Zu viel Leid, zu viel Drama, zu viel von allem. Mir ist bewusst, dass es Menschen gibt, die auf die eine oder andere Art viel Leid ertragen müssen, aber in diesem Fall wirkte es einfach wahnsinnig konstruiert und aufgestapelt. Man wurde mit immer mehr schockierenden Facetten aus Precious‘ Leben konfrontiert, und dann kam der Punkt, an dem es unglaubwürdig wurde. Positiv erwähnen möchte ich an dieser Stelle das Ende, das dem Himmel sei Dank auf Hollywood-Glitzer verzichtet (beispielsweise in einer wundersamen Transformation von Precious zur gefeierten Schönheit, dem perfekten Mann, der sie akzeptiert und der steilen Karriere, die sie am Ende hinlegt).

Zwei Dinge haben mich wesentlich gestört und machen natürlich auch einen guten Teil der Bewertung aus. Der Streifen möchte also sozialkritisch sein. Ernsthaft? Dann kann ich nur hoffen, dass sich der geneigte Zuschauer bewusst macht, dass er sich beim Anschauen im Jahr 1987 befindet. Das ist mal eben fast schlappe 30 Jahre her und war quasi Hochsaison der Crack-Epidemie in den amerikanischen Großstädten. Ich will damit nicht sagen, dass heute alles eitel Sonnenschein ist in den amerikanischen Ghettos (tatsächlich ist es immer noch weit davon entfernt), aber dennoch haben sich die Zustände zum Teil erheblich geändert, und das wiederum nimmt dem Film meiner Meinung nach das Argument „sozialkritisch“ zu sein, zumindest wenn man sich nicht bewusst macht, zu welcher Zeit er spielt. Was mich an dieser Sozialkritik außerdem stört, ist das Bild, das hier immer noch vom „typischen“ Afro-Amerikaner gezeichnet wird und in dem der immer wieder kehrende Brei verwendet wird: Ghetto, Drogen, Gewalt, Missbrauch, Inzest, Arbeitslosigkeit, Aussichtslosigkeit, Dummheit. Das macht mich wütend. Weil es so viele Klischees bedient, dass ich brechen möchte. Nicht jeder Mensch, der keine Bildung erhält, ist zwangsläufig dumm (Wenn ich mir die Mädchen aus Precious‘ Klasse so ansehe, frage ich mich, ob die Welt das wirklich so sieht). Nicht jede sozial schwache Familie misshandelt oder missbraucht ihre Kinder. Nicht jeder Mensch im Ghetto nimmt Drogen. Und schon gar nicht sind die Familien, in denen es passiert, immer nur afro-amerikanisch oder von einer anderen ethnischen Minderheit. Was zur Hölle soll das? Mal ganz davon abgesehen, dass die Ritter in buchstäblich strahlender Rüstung mal wieder die hellhäutigen Vertreter der Nation sind, wie beispielsweise die Rektorin der alten Schule, die Lehrerin der neuen Schule, die Sozialarbeiterin und der Krankenpfleger. Sorry, das ist alles, aber nicht sozialkritisch. Wenn ich mir Geschichten über Ritter in strahlender Rüstung zu Gemüte führen will, dann lese ich über Menschen wie Pee Wee Reese von den Los Angeles Dodgers, der sich damit nicht profiliert hat, der keinen Roman drüber geschrieben hat (Es gibt einen kleinen Roman über die Freundschaft von Pee Wee Reese und Jackie Robinson, den aber kaum jemand heute noch kennt, er heißt „The Boys of Summer“), der keine großartige, heldenhafte Rolle in Hollywood gespielt hat, sondern das getan hat, was für ihn normal und menschlich war („I get a lot of credit and I appreciate it, but after a while, I thought of Jackie Robinson as I would or Duke Snider or Gil Hodges or anyone else. We never thought of this as a big deal. We were just playing ball and having fun.“). Beispielsweise.
Der zweite große Punkt, der mich unglaublich gestört hat, war der Untertitel, den viele Menschen missverstehen. Zumindest meiner bescheidenen Meinung nach. In vielen Berichten und Rezensionen habe ich im Laufe der Jahre gelesen, dass Precious einem bewusst machen soll, wie wertvoll das eigene Leben ist und dass wir uns in Erinnerung rufen sollen, dass es Menschen gibt, denen es schlechter geht als uns und die mehr Leid ertragen müssen/mussten als wir. Das ist so nicht grundsätzlich falsch. Es gibt immer jemanden, dem es schlechter geht. In Zusammenhang mit der Bezeichnung „Feel-Good-Movie“ bekommt diese Erklärung aber einen unfassbar bitteren Geschmack. Ich soll mich also darüber freuen und mich gut fühlen, dass es Menschen gibt, denen es schlechter geht als mir? Das würde bedeuten, dass ich das Unglück anderer als etwas gutes empfinde, weil es dazu führt, dass mein Leben nicht mehr ganz so grausam aussieht. Sorry, but no! Ich bin mir allerdings sicher, dass es sich hier nur um einen Interpretationsfehler handelt. Ich möchte gerne glauben, dass die Macher des Films viel mehr darauf aufmerksam machen wollten, dass wir in vielen Fällen die Schmiede unseres eigenen Glückes sind und die Schöpfer unserer eigenen Welt. Dass es an uns liegt, aus einer Hölle auszubrechen. Die Welt ist kein Regenbogen-Lala-Land, aber oft ist es wirklich an uns selbst den Weg, den wir gehen, zu ändern und zu erkennen, dass das Leben kostbar ist, dass es immer noch Momente gibt, für die es sich zu leben lohnt. Komplett außen vorgelassen wird übrigens auch die Frage, was ein Leben, wie Precious es führt, aus einem Menschen und seiner Psyche macht, zumal die Einwirkungen in diesem Fall nicht unerheblich sind, im Gegenteil. Und dennoch scheint sie am Ende ein geistig völlig gesundes Mädchen zu sein (von ihrer Unsicherheit einmal abgesehen).

Genug sinniert, kommen wir zu den darstellerischen Leistungen. Skandiert wurde, dass Gabourey Sidibe den Oscar nicht gewonnen hat. Ich kann das verstehen. Versteht mich nicht falsch, ich mochte es sehr, dass man hier ganz untypisch ein übergewichtiges Mädchen gewählt hat, das eben nicht dem Hollywood-Klischee entspricht. Aber eine gute Schauspielerin ist sie nicht. Ohne ihre Off-Kommentare und die geschickt eingesetzten Tränen transportierten das Gesicht, die Mimik und der Blick dieser jungen Frau ungefähr so viel Emotionen wie ein toter Fisch. Das wäre eindeutig besser gegangen. Aber – und jetzt kommt es – im Gegenzug dazu hat Mo’Nique den Oscar, den sie für ihre Darstellung von Precious‘ Mutter Mary bekommen hat, mehr als nur verdient. Die Frau ist das tragende Element dieses Films. Selten hat ein Darsteller es geschafft, so viel Abscheu zu wecken, so viele Momente hervorzurufen, in denen man sprach- und fassungslos vor dem Bildschirm sitzt. Wo die Figur von Precious es missen lässt, Mitgefühl zu erregen, holt Mary die maximale Abneigung, die ein Zuschauer entwickeln kann, aus einem heraus. Das war ganz, ganz großes Kino. Leider konnte mich die Lehrerin nicht überzeugen, ein bisschen zu viel Glamour erinnerte mehr an eine Disney-Prinzessin als an eine wirklich engagierte Lehrerin. Dafür hat mich Mariah Carey überrascht (die ich übrigens nicht mal erkannt hab, bis ich ihren Namen im Abspann gelesen habe, ebenso wie Lenny Kravitz). Das war eine tolle schauspielerische Leistung für die wenigen Momente, in denen es etwas raus zu holen gab. Es war ziemlich interessant, mal diese andere Seite an ihr zu sehen als die der Diva. Auch Lenny Kravitz hat eine gute und solide Leistung geliefert und es geschafft, seiner Figur die Sympathie zu verleihen, auf die man so sicher auch aus war.
Noch eine letzte Anmerkung in eigener Sache, ehe ich zum Fazit komme: ich bin Mutter von Kindern. Ich muss ehrlich gestehen, dass mir die FSK-12 etwas lasch erscheint, wenn man bedenkt, wieviele fabulöse F-Wörter (unter anderem) in dem Film fallen und welche Themen er behandelt. Ich möchte meinen 12-jährigen Sohn nicht mit Drogen, sexuellem Missbrauch und Inzest konfrontieren müssen, und ich bin wirklich keine Mutter, die ihren Kindern die Welt als ein Regenbogen-Lala-Land malt.

Fazit:
Precious ist harter Tobak, alleine schon wegen der Themen, die der Film behandelt, vor allem aber wegen der menschlichen Abgründe, die Mo’Nique uns mit ihrer Darbietung wirklich krass vor Augen führt. Leider versäumt es die Hauptdarstellerin aber im Gegensatz dazu, ihr ganzes, eventuell vorhandenes Repertoire auszupacken. Dadurch weckt der Film wenig Emotionen. Desweiteren gedenke ich dann doch weiterhin, „sozialkritisch“ etwas anders zu sehen als hier dargestellt. Ich würde mir den Film kein zweites Mal ansehen und auch nur bedingt weiter empfehlen. Die Punktzahl ist letztlich der Oscargewinnerin und ihrer Leistung zu verdanken, die in diesem Fall ausnahmsweise einen Löwenanteil ausmacht, und der Tatsache, dass der Film eben doch dazu anregt, ihn im Nachhinein genauer zu betrachten und zu hinterfragen, was zwangsläufig dazu führt, dass die Meinungen polarisieren.

(c) des Bild- und Tonmaterials: EuroVideo Medien GmbH

Ela

Ich bin quasi das Gegengewicht zu Sebastian. Ich schreibe über all das, was an ihm vorbei geht. Jugendromane, Frauenromane, auch mal der ein oder andere Thriller, Komödien, Filme, in denen es um Freundschaft und Liebe geht, Comic- und Buchverfilmungen....sowas eben. In meiner Freizeit befasse ich mich vorwiegend mit dem Lesen und Schreiben, mit Filmen und Büchern, mit meiner Familie und Freunden und natürlich mit meinen Tieren. Ich koche und backe gern und bin vermutlich das schlimmste Assassin's Creed Fangirl, dem du je begegnet bist. Und ich liebe Musik! Immer und überall.