Man merkt deutlich, dass es wieder Sommer ist. Kalendarisch gesehen zumindest. Im Kino und auf dem Büchermarkt erscheinen nur wenige echte Kracher, man hebt sich die großen Titel für den Herbst auf, wenn die Leute genug Grillpartys geschmissen haben und es sie wieder nach drinnen zieht. Daraus resultiert vor allem eines: Das uns allen wohlbekannte Sommerloch breitet sich aus. Und das Feuilleton bleibt davon offenbar nicht verschont, denn in den letzten Tagen wird eine alte Debatte wieder neu aufgekocht, die zumindest ich am liebsten einfach abhaken würde. Die „Alle Blogger sind doof“-Debatte.

Den Anfang machte dieses Mal „Die Welt“-Feuilletonredakteur Marc Reichwein. Ein gar sehr sympathisches Kerlchen mit dem Durchblick. Ihr werdet schon sehen, ich schmeiße derweilen den ersten Euro in die Ironiekasse. Der feine Herr Reichwein findet sich in seiner Funktion ganz schrecklich witzig und schießt sich unter dem äußerst schmeichelhaften Titel (der nächste Euro fürs Schweinderl) „Der Tobi von lesestunden.de sucht ein N“ auf besagtes Blog ein. Um seine Wertschätzung direkt zum Ausdruck zu bringen, eröffnet unser Freund Reichwein sein Artikelchen (welches gefühlt übrigens zur Hälfte aus Zitaten besteht) mit den freundlichen Worten

„Jorge Luis Borges? Alberto Manguel? Oder Juan Villoro? Wer schrieb noch mal, dass die Buchstaben nachts ein Eigenleben führen und gern von einem Buch ins nächste tanzen? Egal. Jedenfalls leben die Buchstaben auch in Bücherblogs sympathisch wild. „Der vergleichsweise recht hohe Anteil an Sachbücher hat mich überrascht.“ – „Ich kenne und schätze den dtv Verlag insbesondere durch sein hervorragendes Angebot an Klassiker.“

Euro Nummer drei ist bereits eingeworfen. Diese Wertschätzung zieht sich dann weiter durch den Beitrag, so fällt unter anderem der im Kontext recht abfällig klingende Begriff „Softwareentwicklergeek“ (ja ja, ich weiß, Tobi hat sich selbst ebenfalls so betitelt – der Kontext war aber ein deutlich anderer) und ergießt sich dann schließlich in der Erkenntnis, dass wir als Blogger (die, so Reichwein [vermutlich mit schmierigem Grinsen im Gesicht], vom Feuilleton gern belächelt werden) nachhaltige Marketingpartner für die Verlage geworden sind. Die Welt ist doch sowas von unfair! Schließlich wird noch gegen Nutzer von Lovelybooks (finde ich auch doof, zumindest da sind wir uns ja mal einig) und Goodreads (ist mir für intensive Nutzung zu sehr auf den englischsprachigen Raum festgelegt) geschossen, schließlich sei beides konzerngesteuert. Ach ja, und die Emporlesebiografien (der nette Herr Reichwein ist sehr gut darin, einem Fantasyroman würdige Wortkreationen zu… öhm… kreieren) sind natürlich skurril.

Man fragt sich nun natürlich mit ein bisschen Abstand zum Tobi (der dafür, dass er die Hälfte von Reichweins Artikel geschrieben hat, nicht mal einen Link als Quellenangabe bei den Zitaten bekam, was ich hiermit gerne nachholen möchte) was der Mist soll. Der nette Herr Reichwein hatte anscheinend entweder eine ziemlich enge Deadline und keine Ahnung, worüber er schreiben sollte oder aber ganz dringend etwas Selbstbestätigung nötig. Nun ja, ist ja sein Ding, spricht aber, zusammen mit der Tatsache, dass die Kommentare unter dem Beitrag zensiert wurden, ganz eindeutig nicht für „Die Welt“.

Auch im Onlineangebot des Spiegel widmete man sich den Bücherblogs, allerdings im direkten Vergleich fast schon sachlich. Und trotzdem mit einer Portion Mi-Mi-Mi. Zitat gefällig?

„Seit jeher geben Verlage Literaturkritikern die Möglichkeit, Bücher als sogenannte Fahnen (Ausdrucke), Lese- oder Rezensionsexemplare kostenfrei und vorab zu beziehen, so kommt es, dass zum Erscheinen eines Buches auch gleich die Kritiken dazu zu lesen sind.

Das ist ein uralter Deal zwischen Buch- und Presseverlagen, zum beidseitigen Vorteil. Kritiker und Journalisten bekommen exklusiven Zugang und die Bücher selbst dann, wenn die Kritik negativ ausfällt, die Aufmerksamkeit der Leser. „Es gibt keine schlechte PR“, sagt man – aber es gibt aus Perspektive der Buchverlage immer viel zu wenig davon. Auch im Kulturangebot der Medien kommen nur vergleichsweise wenige Bücher zum Zuge.“

Autor Frank Patalong hat also schon mal einen ganz wichtigen Punkt erkannt: Bücher sind tatsächlich relativ selten Teil des Feuilletons und ganz allgemein dem Kulturangebot der Medien. Da verwundert es ja eigentlich nicht mehr, dass die Verlagsgruppe Random House den Bloggern ein eigenes Portal bietet, in dem sie wirklich ganz vorbildlich und transparent behandelt werden. Oder wie Patalong es ausdrückt

„Bei Random House gilt eine Akkreditierung für 39 Verlage – einmal geprüft und zugelassen wird ein Blogger dort kaum anders behandelt als ein klassischer Journalist.“

Im Gegenzug wird dann aber der Dienst NetGalley vorgestellt, der ohne an einen einzelnen Verlag gebunden zu sein anscheinend recht ähnlich wie das Random House Bloggerportal funktioniert. Danke übrigens für den Hinweis, Herr Patalong – kannte ich noch nicht. Aber ich werde es mir sicherlich mal anschauen. Ebenfalls wird klar gesagt, dass Öffentlichkeit jederzeit digital herstellbar sein. Was für mich im Umkehrschluss bedeutet, dass das klassische Feuilleton zumindest in diesem Bereich ziemlich bald komplett den Anschluss verlieren dürfte. Vielleicht von daher auch die Verzweiflungstat des Herrn Reichwein.

Beiden Artikeln ist anzumerken, dass wir als Blogger durchaus wahrgenommen werden. Auch wenn auf der einen Seite versucht wird, das ganze ins Lächerliche zu ziehen, ist doch ganz klar zu erkennen, dass wir von den Verlagen durchaus gerne genommene Multiplikatoren sind. Das ist legitim, denn ich teile die Ansicht Patalongs, dass die Zukunft der Buchbesprechung eindeutig im digitalen Bereich zu finden ist, sei es nun in Blogs oder auf Plattformen wie Lovelybooks, Goodreads oder Whatchareadin. Der Grund dafür scheint auf der Hand zu liegen. Nutzer der besagten Websites und Blogger sind das genaue Gegenteil von dem, was das Feuilleton vertritt. Die meisten von uns (zumindest trifft das auf die mir bekannten Blogger zu) sehen sich selbst nicht als Literaturkritiker oder Journalisten. Wir sehen uns vielmehr, als Leser. Leser, die Spaß daran haben, über ihr Hobby zu schreiben und dabei vielleicht noch den einen oder anderen dazu bringen können, ein Buch ebenfalls zu lesen. Blogs sind kein ausgemachter „Feind“ des Feuilletons, auch wenn sie offenbar immer noch und immer öfter als solche gesehen werden.

Warum eigentlich? Auch das erschließt sich mir nicht so richtig. Wenn ich mir die Inhalte von Stuffed-Shelves so anschaue, wage ich zu behaupten, dass die meisten Titel, die wir hier besprochen haben, keine Chance hätten, im Feuilleton Erwähnung zu finden. Edward Lee im Spiegel? Joe R. Lansdale in der Welt? Unwahrscheinlich. Von Voodoo Press oder Festa hat man im Redaktionsbüro der SZ vermutlich auch noch nichts gehört. Und genau deswegen werden Blogger vermutlich sowohl von Verlagen und noch viel mehr von Selbstverlegern, die weder in den Medien noch in den Buchhandlungen stattfinden, gerne als Ansprechpartner und, da gebe ich beiden Artikeln recht, natürlich auch als Teil der Marketingstrategie gesehen. In Blogs haben auch Veröffentlichungen eine Chance, die man in den großen Redaktionen nicht mal mit einer Kneifzange anfassen würde. Veröffentlichungen, die man allenfalls noch in Genremagazinen wie der Deadline oder dem Virus findet (von denen ich allerdings bezeichnenderweise nicht wüsste, dass sie schon auf den Blogger-sind-doof-Zug aufgesprungen wären, obwohl so manches Blog dort sicherlich viel eher als Konkurrent erkannt werden könnte, als es seitens des Feuilletons der „Renommierten“ der Fall sein dürfte).

Man sieht, diese ganze Diskussion wäre im Grundsatz schon hinfällig und mir erschließt sich weiterhin nicht, warum sie immer wieder hochgekocht wird. Das Feuilleton hat sich überholen lassen, ist nicht auf den Zug „neue Medien“ aufgesprungen und nun ist das Gejammer groß, weil es andere Medien, also die Blogs, gibt, die über ähnliche Themen schreiben. Ähnlich. Nicht die selben. Darum wage ich zu bezweifeln, dass sich ein Großteil unserer Leserschaft für das interessieren dürfte, was im Feuilleton besprochen wird. Und das ist auch völlig in Ordnung so, genauso wie es in Ordnung ist, dass sich die Leser der Welt, des Spiegels oder der FAZ nicht für das Geschreibsel interessieren dürfte, was wir hier fabrizieren. Es mag die eine oder andere Überschneidung in den Zielgruppen geben, diese sind aber so gering, dass ein Konkurrenzdenken mir absolut unpassend erscheint. Aber das wird vermutlich gerne übersehen.

Und warum überhaupt Konkurrenzdenken? Ist es nicht vielmehr so, dass die Inhalte der Blogs, welche ich wie bereits gesagt in erster Linie als Leseeindrücke für andere Leser sehe, eher die Kritiken der Literaturexperten der großen Zeitschriften ergänzen – so es denn Titel gibt, die in beiden Medien stattfinden? Das eine journalistisch korrekte, fachliche Expertise, das andere eher eine Bewertung des Spaßfaktors? Denn das muss sich das Feuilleton tatsächlich vorwerfen lassen: Die Sprache, die dort mitunter gesprochen wird, ist nicht für junge Leute geeignet, die sich nur darüber informieren möchten, ob ein Buch für sie geeignet wäre. Da sind wir als Blogger dann doch eher am Puls des Lesers. Ob nun als Teil einer Marketingstrategie oder nicht, das ist erstmal nebensächlich. Auch stelle ich mir die Frage, ob man nicht vielleicht mal genauer schaut, was wir richtig machen, wenn wir doch offensichtlich so eine Gefahr darstellen (zumindest kann ich mir die Seitenhiebe und die Aufmerksamkeit, die uns gerade wieder zuteil wird, nicht anders erklären). Oder vielleicht sogar überlegt, ob es nicht manchmal ganz interessant wäre – auch im Sinne der Leser – einen Redakteur im Boot zu haben, der sich zugleich auch als Blogger sieht. Der Titel bespricht, die sich von dem unterscheiden, was man normalerweise im Feuilleton findet. Der sich vielleicht auch dem Dialog mit den Lesern des Artikels und mit den weniger bekannten Autoren und Verlagen öffnet. Denn das machen wir definitiv besser als die Platzhirsche, die ihre Felle langsam davonschwimmen sehen.

Sebastian

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.
Sebastian

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