lords und ladiesTerry Pratchett – Lords und Ladies

OT: Lords and Ladies
Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Goldmann
Übersetzung: Gerald Jung

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Scheibenwelt, Band 14

Klappentext:

Das kleine Königreich Lancre bereitet sich auf ein ganz besonderes Mittsommernachtsfest vor: Doch das stümperhaft ausgeführte Ritual einer Gruppe von Nachwuchs-Hexen ermöglicht boshaften Elfen den Übertritt in die Menschenwelt, wo sie die Herrschaft an sich reißen wollen. An der Seite von Oma Wetterwachs und Nanny Ogg läuft die von ihrer Prinzessinnenrolle ohnehin ziemlich gelangweilte Magrat zu großer Form auf. Und der märchenhafte Mittsommernachtstraum wird etwas turbulenter als ursprünglich geplant …

© Goldmann Verlag

Kritik:

Fantasy ist austauschbar und sich in der Thematik grundsätzlich ähnlich. So lautet zumindest ein oft zu hörendes Vorurteil. Sicherlich, über weite Strecken mag das stimmen. Auf der anderen Seite gibt es aber Autoren wie den leider 2015 verstorbenen Terry Pratchett, die so unverwechselbar sind, dass sie eine eigene Sparte belegen. »Lords und Ladies« ist der 14. Roman aus dem Scheibenweltzyklus. Und trotzdem der erste, der sich auf Stuffed Shelves wiederfindet. Das liegt nicht daran, dass ich erst jetzt in Pratchetts Schaffen eingestiegen bin, sondern daran, dass ich die meisten Bücher vor meiner Zeit als Blogger gelesen habe.

Prinzipiell ist auch Pratchetts Scheibenwelt nur ein Fantasy-Universum unter vielen. Wie kaum ein anderer verstand er sich jedoch darauf, diese Welt mit einem so eigenständigen und mitunter bizarren Leben zu füllen, dass sich der Autor und seine Kreation von einem Großteil der Genre-Konkurrenz absetzen können. Allen Büchern gemein ist ein sehr hoher Wiedererkennungsfaktor, der durch immer wieder auftauchende Orte und Figuren erreicht wird. Dadurch fühlt sich jedes Buch an, als ob man bei alten Bekannten zu Besuch wäre. So auch im Falle von »Lords und Ladies«, welches den Leser in das kleine Königreich Lancre führt. Die hier gesponnene Geschichte ist zu Beginn noch recht ruhig gehalten, entwickelt aber schnell einen angenehm verlaufenden Spannungsbogen. Zum Finale hin gibt die Story dann noch richtig Gas. Die letzten 50 Seiten fallen sehr temporeich und mit interessanten Wendungen versehen aus. Die Atmosphäre muss eigentlich nicht mehr gesondert erwähnt werden. Wie immer unwahrscheinlich dicht und für Fans der Scheibenwelt ohnehin unerreichbar.

Auch bei den Figuren handelt es sich um alte Bekannte. Wir dürfen Oma Wetterwachs und ihre Hexenkollegin Nanny Ogg auf der Jagd nach den fiesen Elfen begleiten (ja, Elfen sind böse. Wusstet ihr das noch nicht?). Die beiden Damen sind alte Bekannte, die im Verlauf ihrer Auftritte (es sei dem unkundigen Leser auf jeden Fall das vorherige Lesen von »MacBest« und »Total verhext« nahegelegt, welche eine Art Vorgeschichte zu »Lords und Ladies« darstellen) immer als dynamisches Duo auffallen, welches sich kein bisschen in den klassischen Hexen-Stereotypen quetschen lässt. Daran ändert sich auch dieses Mal nichts. Vielmehr haben sie über die verschiedenen Bücher eine Entwicklung mitgemacht, die diesem Schema sehr konsequent folgt. Mit den Zauberern der Unsichtbaren Universität inklusive Erzkanzler Ridcully und dem Bibliothekar bekommt Lancre Besuch aus Ankh-Morpork, wodurch zwei wesentliche Tragsäulen der Scheibenwelt zusammengeführt werden.

Stilistisch ist natürlich auch »Lords und Ladies« ein typischer Pratchett. Anders als noch in den Frühwerken entwickelte er im Laufe der Zeit einen sehr guten Sinn für treffenden, aber wenig brachialen Humor. Pratchett galt als Humanist, was sich in der Scheibenwelt widerspiegelt. Immer wieder werden gekonnte Pointen auf den Leser losgelassen, die Bezüge auf die gute, alte und runde Erde haben. Auch die Botschaften, die (allerdings ohne den erhobenen Moralfinger) vermittelt werden, sind absolut übertragbar und sinnvoll. Einer der Hauptgründe, die Scheibenwelt noch einmal anzufangen, war die Neuübersetzung von Gerald Jung. Ich muss gestehen, dass ich die ursprünglichen Eindeutschungen von Andreas Brandhorst absolut gelungen und großartig finde. So war es zunächst recht schwer, sich auf Jung, der auf der deutschen Scheibenwelt das »Sie« eingeführt hat, einzulassen. Doch was soll ich sagen. Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Nachdem ich meine fünf Euro ins Phrasenschwein geschmissen habe, kann ich alles in allem sagen, dass mir die Neuübersetzung gut gefällt. Ja, man merkt einen Unterschied. Es ist nicht mehr »die« deutsche Stimme Terry Pratchetts. Aber es ist eine Stimme, die zu gefallen weiß und gut neben Brandhorst existieren kann. Aller Zweifel zum Trotz.

Fazit:

8Auch im Zeitalter des Gerald Jung ist die Scheibenwelt immer noch eine Scheibe. Wer bislang nur die Übersetzungen von Andreas Brandhorst kannte, wird sich zunächst etwas umgewöhnen müssen. Letztlich gelingt es aber auch den Neuübersetzungen, das typische Scheibenwelt-Feeling zu verbreiten. Sie sind nicht besser oder schlechter. Sie sind einfach eine neue, andere Wiedergabe von Pratchetts großartigem Universum. Glaubenskriege müssen wahrlich nicht sein, denn auch wenn man wie ich Brandhorsts Arbeit ganz hoch hält, kann man mit den Jung-Übersetzungen seinen Spaß haben. »Lords und Ladies« hat mir das eindrucksvoll bewiesen. Abzüge in der B-Note muss man allerdings für das grausame Cover geben, welches meilenweit von den detailreichen und liebevoll chaotischen Buchdeckeln der alten Übersetzungen entfernt ist. Moderner und langweiliger Einheitsbrei, der den Büchern kein bisschen gerecht wird.

Sebastian

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.
Sebastian