chemie des todesOT: The Chemistry of Death
Taschenbuch: 430 Seiten
Verlag: Rowohlt
Übersetzung: Andree Hesse

David Hunter-Reihe, Band 1

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Klappentext:

STERBEN KANN EWIG DAUERN …

… aber der menschliche Körper beginnt kaum fünf Minuten nach dem Tod zu verwesen – und wird dann zu einem gigantischen Festschmaus für andere Organismen. Zuerst für Bakterien, dann für Insekten. Fliegen. Die Larven verlassen die Leiche in Reih und Glied, in einer Schlangenlinie, die sich immer nach Süden bewegt. Ein Anblick, der jeden dazu veranlassen würde, das Phänomen zu seinem Ursprungzurückzuverfolgen. Und so entdecken die Yates-Brüder, was von Sally Palmer übrig geblieben war …

Die Tote war Schriftstellerin, eine Außenseiterin in Devonshire. Verdächtiger Nummer eins ist der schweigsame Fremde im Dorf, ein Dr. David Hunter. Doch es stellt sich heraus, dass er früher Englands berühmtester Rechtsmediziner war, und die Polizei bittet ihn um Unterstützung. Gerade als seine Analysen zeigen, dass die Ermordete vor ihrem Tod tagelang gefoltert wurde, verschwindet eine weitere junge Frau. Eine fieberhafte Suche  beginnt. Gleichzeitig bricht im Dorf eine Hexenjagd los. Der Pfarrer, ein knöcherner Fanatiker, hetzt die Leute auf, und David ist Zielscheibe seiner Hasspredigten …

Kritik:

Mit Simon Beckett habe ich bislang keine guten Erfahrungen gemacht. Ich habe mich vor einiger Zeit an seinen Roman „Obsession“ heran getraut, der nicht Teil der David Hunter-Reihe ist – und habe das Buch nach nicht einmal 100 Seiten wieder ins Regal gestellt. Seitdem war meine Antwort auf die Frage nach seinen Büchern „Lass die Finger davon“. Nun verbreiten sich die offenen Bücherregale ja immer mehr und aus genau so einem habe ich „Die Chemie des Todes“ gezogen, nachdem mir von mehreren Seiten gesagt wurde, dass die Hunter-Reihe absolut lesenswert ist. Na gut, also eine zweite Chance für Herrn Beckett.

Ich kann sagen, dass mir dieses Buch dann auch vom Start weg deutlich besser gefallen hat. Beckett nimmt sich zunächst nur wenig Zeit, den Leser mit seinem Hauptprotagonisten vertraut zu machen und beschränkt sich darauf, nur einige wenige Eckpunkte zu beschreiben. Stattdessen wird Hunter schnell in einen bestialischen Mordfall hineingezogen, der sich mit steigender Seitenzahl immer mehr zu einer Hetzjagd um Leben und Tod entwickelt. Die Spannungskurve springt schnell in die Höhe und bleibt auch bis zum temporeichen Finale mit einer unvorhersehbaren Auflösung des Plots auf einem sehr angenehmen Niveau. Zudem hatte der Autor ein Händchen dafür, bei mir ein Feeling für das Leben im Dörfchen entstehen zu lassen. Vor allem ist es ihm dabei auch sehr gut gelungen, in „Die Chemie des Todes“ ein sehr glaubwürdiges und realitätsnahes Bild solch einer kleinen Gemeinschaft und der sozialen Entwicklungen nach dem ersten Mordfall zu zeichnen (glaubt mir, Dorfleute sind mitunter wirklich so – ich muss es wissen!). Die dadurch entstehende Atmosphäre ist bodenständig und wirkt einfach „echt“. Leider muss man aber auch sagen, dass der Roman in vielen Punkten vorhersehbar ist. So wird dem Leser schnell bewusst, wer das nächste Opfer ist, auch eine Zuspitzung der Situation durch eine Erkrankung ist ein gerne genommenes und wenig innovatives Mittel zum Zweck. Alles in allem liest man aber trotzdem gerne weiter, auch wenn es letztlich nur noch darum geht, wer denn nun der Killer ist und ob er schnell genug aufgespürt werden kann.

Sehr angetan bin ich von den Figuren. David Hunter selbst entfaltet seine Persönlichkeit im Verlauf des ganzen Buches immer mehr, Beckett versorgt den Leser stückchenweise mit einem ordentlich ausgearbeiteten, glaubwürdigen Hintergrund für seinen Protagonisten. Da übersieht man dann auch gerne mal, dass manches davon schon ziemlich klischeehaft wirkt und in ähnlicher Form in gefühlt etwa jedem dritten Kriminalroman auftaucht. Hier und da handelt er dann auch mal etwas unglaubwürdig (ganz ehrlich, zwei Mal an einem Tag Informationen zu den Ermittlungen rausgeben? Sollte einem Profi eigentlich nicht passieren). „Die Chemie des Todes“ legt den Fokus also ganz eindeutig auf Hunter, was aber nicht bedeutet, dass die Nebenfiguren uninteressant wären. Zwar konnte ich mich für den weiblichen Sidekick Jenny  nicht sonderlich erwärmen, was aber nicht bedeutet, dass sie als Figur an sich schlecht wäre. Auch hier ist ein ordentlich gestrickter Hintergrund vorhanden, der zwar von der Dichte nicht mit Hunter mithalten kann, aber seinen Zweck erfüllt. Leider fällt aber auch hier auf, dass so manches Klischee bedient wird. Dorfarzt Henry hingegen wusste vollends zu überzeugen. Gut ausgearbeitet, sympathisch und tatsächlich ist hier der Background auch nicht das übliche Einerlei.

Was nun Becketts Stil angeht, kann und will ich mich nicht beschweren. Der Roman überzeugt mit einem sehr angenehmen Tempo und einer zugänglichen, wenn auch nicht anspruchslosen Erzählweise. Den Titel „Die Chemie des Todes“ darf man übrigens durchaus wörtlich nehmen, der Autor neigt zu recht detaillierten Erklärungen über die Abläufe der menschlichen Verwesung, ohne dem Leser dabei jedoch ein Lehrbuch zu rezitieren. Was erklärt wird ist gut verständlich und wirkt nicht zu wissenschaftlich. Einen starken Magen sollte man natürlich auch deswegen haben, allerdings sind nicht nur die Erklärungen der Abläufe gut beschrieben. Auch die Toten selbst sind sehr bildlich dargestellt – und das ist teilweise alles andere als schön. Übersetzer Andree Hesse liefert ebenfalls einen guten Job ab, sein Arbeit ist stimmig, fügt sich gut in den Stil Becketts ein und hat dem Lesefluss zu keiner Zeit Stolpersteine in den Weg gelegt.

Fazit:

8Nachdem ich lange Zeit gesagt habe, dass ich mit Simon Beckett nicht war werden würde, hat mich „Die Chemie des Todes“ vom Gegenteil überzeugen können. Das Buch bietet gut gestaltete, wenn auch etwas klischeehafte, Figuren, einen guten Spannungsbogen und eine großartig eingefangene Dorfatmosphäre. Das Tempo ist sehr angenehm, die Gewaltspitzen sind jedoch nicht ohne. Mich stört das nicht, aber man sollte sich darauf einstellen. Ich werde mich wohl nach dem Tipp richten, zumindest bei der Hunter-Reihe am Ball zu bleiben.

Sebastian

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.
Sebastian