true crimeOT: On the Brinks

Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Atrium Verlag Zürich

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Klappentext:

Sam Millar hat einen außergewöhnlichen, preisgekrönten Thriller geschrieben, in dem nichts erfunden ist. Schonungslos offen erzählt Millar von einer Jugend auf den Straßen von Belfast, die früh ins Gefängnis führt; vom jahrelangen Kampf um die eigene Würde – und von einem Verbrechen, mit dem er Geschichte schrieb. Diese Geschichte beginnt im Norden Belfasts: Dort wird 1955 Sam Millar geboren, der Vater Protestant, die Mutter Katholikin. Der Riss, der ganz Irland teilt, geht mitten durch Sams Familie. Sam geht früh von der Schule ab und arbeitet in einem Schlachthof. Als Teenager schließt er sich der IRA an, bis er eines Nachts von der Polizei aus seinem Bett gerissen wird. Es folgen Jahre im härtesten Knast Europas. Nach seiner Entlassung geht Sam Millar nach New York, wo er einen Comicladen eröffnet, sich in Spielkasinos herumtreibt und schließlich einen verwegenen Plan ersinnt: den Überfall auf das Gelddepot der Firma Brink’s, mit dem Sam Millar Kriminalgeschichte schreibt.

Kritik:

Es gilt ja, so lehrt uns das Medium Film, immer etwas vorsichtig zu sein, wenn es heißt „basiert auf wahren Tatsachen“. Und dann kommt, wenn auch im Medium Buch, jemand wie Sam Millar daher, dessen Erstling „True Crime“ als autobiografisches Werk mit Thriller-Qualitäten beworben wird. Zwar war mir seine Karl Kane-Reihe schon bekannt (und verflucht noch mal, die Bücher sind echt gut!), allerdings ging ich an dieses hier dann doch mit etwas Skepsis (und einem Smartphone mit Wikipedia-App) heran.

Es fällt mir dabei offen gestanden etwas schwer, „True Crime“ unter den bekannten Gesichtspunkten zu beurteilen, denn so etwas wie Charaktere und Figuren oder eine künstlich aufgebaute Atmosphäre nebst Spannungsbogen gibt es natürlich nicht, wenn der Stempel „Biografie“ auf dem Buch prangt. Was es im Gegenzug jedoch gibt, ist die Geschichte eines Mannes, die sich schon von Beginn an durch Missstände, Gewalt und Unterdrückung auszeichnet, eine Geschichte, die dem Leser an vielen Stellen unfair erscheint. Millar gelingt es sehr gut, den Zeitgeist der frühen 70er Jahre in Irland einzufangen und dabei eine Atmosphäre zu zeichnen, mit der die Fiktion nicht mithalten kann. Besonders die geschilderten Jahre im Hochsicherheitsgefängnis Long Kesh sind extrem bedrückend, stellenweise empörend und schonungslos offen geschildert. Und dabei unglaublich spannend geschildert. Auch die darauf folgenden Jahre im Lebenslauf des Autoren wissen nach wie vor zu überzeugen, liegen teilweise noch dichter an einem Thriller als die erste Hälfte des Buches, sind aber im direkten Vergleich zur Irland-Episode doch etwas weniger nervenaufreibend und zermürbend. Man kann fast sagen, dass die frühen Jahre Millars das Herzstück der Geschichte sind. Weniger atmosphärisch ist der falsche Ausdruck, sie sind einfach von einer anderen Kultur und einem anderen Lebensstil geprägt worden.

Es ist sehr interessant, die Entwicklung des politischen Aktivisten (ich weigere mich an dieser Stelle, das Wort „Terrorist“ zu benutzen, denn es erscheint im Kontext der Geschichte absolut unpassend) Sam Millar zu verfolgen, zu sehen wie schnell er Fuß in der IRA fassen konnte und wie schnell er in den Sog aus Gewalt und Terror hineingezogen wurde. Besonders da ich, Facebook sei Dank, seine heutigen Ansichten zu den Geschehnissen im Vereinigten Königreich ebenfalls nachlesen kann. Ebenso interessant ist es (und hier lässt dann die zweite Hälfte von „True Crime“ ihre Muskeln spielen) zu sehen, wie aus dem politischen Aktivisten einer der meistgesuchten  Verbrecher der USA wurde, besonders nachdem die illegale Einwanderung in die Vereinigten Staaten eigentlich unter dem Aspekt der erträumten Freiheit zu sehen ist.

Stilistisch kann man, wie auch in seinen Romanen um den Privatermittler Karl Kane, nichts an Sam Millar aussetzen. „True Crime“ ist eine dieser Biografien, die erstaunlich leicht von der Hand gehen. Der Autor schreibt locker und geradeheraus, lässt dabei auch immer wieder seine nach wie vor vorhandenen politischen Ansichten einfließen ohne dabei belehrend wirken zu wollen. Der Siegel „Thriller“ verdient das Buch dabei durchaus, denn ich habe nur selten etwas in der Hand gehalten, was (besonders ob des realen Hintergrundes) so spannend zu lesen war. Meine Wikipedia-App hat mir übrigens gute Dienste geleistet, denn soweit ich es nachvollziehen konnte, hatte man es in „True Crime“ an keiner Stelle mit einem selbstdarstellerischen, sondern durchweg mit einem faktenbasierten Werk zu tun.

Fazit:

10Sam Millars Autobiografie „True Crime“ hält, was der Klappentext verspricht. Eine Lebensgeschichte, die sich wie ein Thriller liest, mindestens genau so spannend ist und dabei den Zeitgeist zweier unterschiedlicher Jahrzehnte in einem unterschiedlichen Kulturkreis ausgesprochen gut einfängt. Man fiebert mit dem Autoren mit, man ist bedrückt ob der Umstände in Irland, man fragt sich, wo wohl die Millionen aus dem Raubüberfall versteckt sind ;-). Ein rundum großartiges Buch.

Sebastian

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.
Sebastian