Ein ganzes halbes JahrBroschiert: 512 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch (2013)

Inhaltszusammenfassung:
Lou & Will.
Louisa Clark weiß, dass nicht viele in ihrer kleinen Heimatstadt ihren leicht exzentrischen Modegeschmack teilen. Sie weiß, dass sie gerne als Kellnerin arbeitet und dass sie ihren Freund Patrick eigentlich nicht liebt.
Sie weiß nicht, dass sie schon bald ihren Job verlieren wird und wie tief das Loch ist, in das sie dann fällt.
Will Traynor weiß, dass es nie wieder so sein wird, wie vor dem Unfall. Und er weiß, dass er dieses neue Leben nicht führen will.
Er weiß nicht, dass er schon bald Lou begegnen wird.
Eine Frau und ein Mann. Eine Liebesgeschichte, anders als alle anderen. Die Liebesgeschichte von Lou und Will.

Kritik:
Ich weiß auch nicht, was das Problem mit mir und Spiegel Bestsellern ist, jedenfalls hab ich mehrere schlechte Erfahrungen gemacht und mache seither immer einen Bogen um Bücher, die mit diesem Qualitätsmerkmal ausgezeichnet sind. Und so schlich ich auch eine Weile um dieses Buch herum, obwohl es überall in den höchsten Tönen gelobt wurde und ich nur gute Rezensionen gelesen habe. Aber am Ende konnte ich mich dem Sog doch nicht entziehen, es landete erst in meinem Regal und vorgestern dann schließlich in meiner Hand. Innerhalb von 16 Stunden hatte ich es ausgelesen. Ich wollte erst keine Rezension schreiben, weil ich wütend und enttäuscht war, und weil mein Urteil so zwiegespalten ausgefallen wäre.

Die Geschichte von Lou und Will hat mich zunächst stark an “Ziemlich beste Freunde” erinnert. Lou lebt in einem kleinen Nest und war auch noch nie wirklich fort. Sie hat sieben Jahre in einem Café gearbeitet und mochte ihren Job sehr. Doch von einen Tag auf den anderen schließt das Café und sie verliert ihre Arbeitsstelle. Die Familie ist aber auf ihr Einkommen angewiesen, und so macht sie sich auf die Suche nach einem neuen Job. Will Traynor ist reich und privilegiert. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann und hat Extremsportarten geliebt. Er hat gelebt. Bis er zwei Jahre zuvor in einer Ironie des Schicksals auf der Straße angefahren wurde und seither im Rollstuhl sitzt. Er hasst dieses Leben und will es nicht führen. Also hat er mit seinen Eltern einen Deal geschlossen. Lou und Will treffen schließlich aufeinander, weil Wills Eltern für ihn eine Gesellschafterin suchen. Lou will den Job erst nicht machen, aber er ist gut bezahlt und schließlich nur für ein halbes Jahr begrenzt, außerdem wird ihr zugesagt, dass sie keine pflegerischen Tätigkeiten übernehmen muss. Für die Pflege sorgt Wills Krankenpfleger Nathan. Also tritt Lou die Stelle an. Aus anfänglicher Abneigung der beiden gegeneinander wird zunächst eine verquere Freundschaft und schließlich Liebe. Eine Liebe, die für Lou zu einem Wettlauf gegen die Zeit wird.

Man ist direkt von Anfang an mitten in der Geschichte drin. Im Vorwort bekommt man einen kleinen Einblick über Wills Leben vor dem Unfall. Es endet allerdings mit eben jenem. Das erste Kapitel schubst einen dann direkt in Lous Heimkehr von der Arbeit mit ihrer Kündigung in der Tasche. Von da an nimmt das Schicksal seinen Lauf und den Leser gefangen. Die Geschichte hat alles zu bieten, was das nicht abgeneigte Leserherz höher schlagen lässt: Spannung, zwischenmenschliche Beziehungen und auch ein wenig Romantik. Vor allem gefiel mir, wie tief Jojo Moyes uns einen Einblick in das Leben eines Mannes wie Will gewährt. Ein Mann, der alles hatte, was man sich nur wünschen kann. Ein Mann, der deshalb mit seiner aktuellen Situation nicht einfach nur unglücklich oder deprimiert ist. Sie leuchtet auch die dunkelsten Ecken des Lebens als Querschnittsgelähmter aus, mit welchen Tücken so jemand im Alltag zu kämpfen hat. Sie zeigt die Sicht der Dinge aus der Perspektive eines Tetraplegikers. Besonders schön konnte man auch verfolgen, wie die zwischenmenschlichen Beziehungen unter einem solchen Vorfall leiden und sich verändern, etwa die Ehe von Wills Eltern oder Lous langsame Gewöhnung an den Umgang mit einem Behinderten, wie sie sich anfangs sträubt, irgendwann aber doch ganz selbstverständlich die Aufgaben übernimmt, die sie sich weigerte zu machen. Es zeigt aber auch liebevoll, dass das Leben nicht endet, wenn man in einer solchen Situation wie Wills ist. Was mich allerdings wirklich störte, war der vehement negative Unterton, dass das Leben eben doch nicht mehr lebenswert ist. Das ist natürlich eine Frage, die jeder für sich selbst entscheiden muss, aber für mich war das eben ein Punkt, den ich nicht nachvollziehen konnte.

Jojo Moyes Stil weiß deutlich zu gefallen. Sie geht ins Detail, ohne sich darin jedoch zu verlieren. Ihr Schreibstil liest sich flüssig und gut, der Leser wird stets bei Laune gehalten und mag das Buch eigentlich gar nicht so wirklich aus der Hand legen. Besonders lobenswert zu erwähnen ist die Ausgestaltung der Charaktere. Sie alle besitzen eine Charaktertiefe, die man sich in einem Roman nur wünschen kann. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, und jeder hat so seine Art damit und mit dem Päckchen der anderen umzugehen. Ein kleiner gesellschaftkritischer Ansatz ist gegeben, weil Lou und Will aus ganz unterschiedlichen Welten stammen, er ist reich, sie nicht. Aber das Buch zeigt, dass eben auch in reichen, privilegierten Familien eine Tragödie passieren kann, die die Familie zerrüttet und zerstört, und das eben nicht alles Gold ist, was glänzt. Man liebt Lou und Will aber dennoch, und erstaunlicherweise liebt man auch die Nebencharaktere: den Krankenpfleger Nathan, Mr. und Mrs. Traynor, Lous Eltern und ihre Schwester. Nur für Pat konnte ich mich so gar nicht erwärmen. Es ist erstaunlich, wie Jojo Moyes auch die kleinen Geschichten der Nebencharaktere einbindet und abhandelt, ohne dass sie die Protagonisten verdrängen. Obwohl die meisten Kapitel aus Lous Sicht geschildert werden, gibt es doch je ein Kapitel, dass aus der Sicht von Nathan, Mr. Traynor, Mrs. Traynor und Lous Schwester Treena geschildert wird, was noch ein wenig mehr half, die Figuren besser zu verstehen.

Aber – und es ist ein sehr, sehr großes Aber – ich werde trotz all dieser Begeisterung zwei Punkte in meiner Wertung abziehen müssen. Wegen des Endes. Aber ich denke, das ist eine persönliche Entscheidung. Denn als ich das Buch ausgelesen hatte, war ich, wie oben schon erwähnt, einfach nur wütend und enttäuscht. Meine erste Aussage war “Ich wünschte, ich hätte das Buch nicht gekauft und nicht gelesen.”, so wütend war ich. Allerdings mag das – wahrscheinlich tut es das ganz sicher – mit meinen persönlichen Moralvorstellungen, meinem Empfinden und meinen Emotionen zu tun haben, und ich gestehe auch ehrlich, dass ich es leicht habe, eine andere Entscheidung zu treffen als Will, denn ich bin nicht querschnittsgelähmt und teile all seine Leiden ja nicht (es ist ja nicht nur die Bewegungsunfähigkeit). Trotzdem…das Ende war ein No-Go für mich.

Fazit:
7Es ist ein wudnerschöner Roman, der einen traurig macht und einen schmunzeln lässt. Eine leise Geschichte, die die zwischenmenschlichen Bande und das Leben als Tetraplegiker unter die Lupe nimmt und dennoch so viel Spannung aufbaut, dass man es einfach nicht aus der Hand legen kann. Aber in seltenen Fällen passiert es, dass das Ende einem das ganze Buch versauen kann, und so ist es mir mit “Ein ganzes halbes Jahr” leider ergangen. Heute, mit einem Tag Abstand, bin ich immer noch enttäuscht und irgendwie traurig, dass ich so urteilen muss. Daher bekommt der Roman leider keine so hohe Wertung, wie er in manch anderen Augen verdient hat.

Ela

Ela

Ich bin quasi das Gegengewicht zu Sebastian. Ich schreibe über all das, was an ihm vorbei geht. Jugendromane, Frauenromane, auch mal der ein oder andere Thriller, Komödien, Filme, in denen es um Freundschaft und Liebe geht, Comic- und Buchverfilmungen....sowas eben. In meiner Freizeit befasse ich mich vorwiegend mit dem Lesen und Schreiben, mit Filmen und Büchern, mit meiner Familie und Freunden und natürlich mit meinen Tieren. Ich koche und backe gern und bin vermutlich das schlimmste Assassin's Creed Fangirl, dem du je begegnet bist. Und ich liebe Musik! Immer und überall.
Ela