Im Gespräch mit Adrian J. Walker

adrian j. walker

© and friendly permission by Rama Knight

Auch im neuen Jahr wollen wir natürlich unsere Interview-Rubrik weiterführen. Unser heutiger Gesprächspartner hat es im Jahresrückblick mit seinem Roman „Am Ende aller Zeiten“ direkt in die Liste der besten Bücher 2016 geschafft.

Adrian J. Walker wurde Mitte der 70er Jahre in Sydney geboren. Einen Großteil seiner Kindheit verbrachte er in England. Seit seinem Studium an der University of Leeds arbeitet er als Informatiker. Walker ist kein Vollzeitautor und hat es in seiner Karriere bislang auf drei Veröffentlichungen gebracht. Sein Roman „The End of the World Running Club“ erschien ursprünglich im Selbstverlag, wurde aber so erfolgreich, dass er einem Lektoren des Del Ray Verlages (welcher zur Random House Gruppe gehört) in die Hände fiel, woraufhin man Adrian einen Autorenvertrag anbot. Ein gutes Beispiel dafür, dass auch aus im Selfpublishing sehr gute Romane entstehen.

Bibliografie:

  • From the Storm, Selbstverlag (nur auf Englisch verfügbar)
  • Colors (Earth Incorporated, Band 1), Selbstverlag (nur auf Englisch verfügbar)
  • The End of the World Running Club, Del Ray (UK) – deutsche Ausgabe unter dem Titel „Am Ende aller Zeiten“ bei Fischer Tor.

Adrian J. Walker im WWW:

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Nun wollen wir uns aber nicht zu lange mit den nüchternen Fakten aufhalten, sondern kommen zum wichtigsten Teil dieses Artikels, unserem Interview mit Adrian J. Walker. Viel Spaß!

Hi Adrian,

zunächst möchte ich dir dafür danken, dass du dir die Zeit nimmst, unsere Fragen zu beantworten. Wir wollen auch nicht lange schwätzen, sondern direkt zum Thema kommen.

Dein Roman „Am Ende aller Zeiten“ wurde kürzlich hier in Deutschland veröffentlicht. Es ist dein erstes internationales Release. Wie hast du dich gefühlt, als du erfahren hast, dass es in eine andere Sprache übersetzt wird?

Es war und ist immer noch eine Ehre zu wissen, dass das Buch von Menschen in einer wachsenden Zahl von Ländern gelesen wird. Mein erster Gedanke war: Wie werden die unterschiedlichen Dialekte übersetzt? Wie wird Bryce auf Deutsch klingen?!

Am Ende aller Zeiten“ war nicht dein erstes Release. Du hast im Selbstverlag zwei eBooks, „Colors“ und „From the Storm“, veröffentlicht. Wenn man Goodreads glauben darf, wurde auch „Am Ende aller Zeiten“ bereits im Jahr 2014 für den Kindle veröffentlicht. Wie kam es, dass die Print-Ausgabe vom Publikumsverlag Del Ray herausgegeben wurde? (Anmerkung: Del Ray gehört zur Random House Gruppe und hat große Namen wie Arthur C. Clarke, Isaac Asimov oder Robert A. Heinlein im Katalog.)

Am Ende aller Zeiten“ war der zweite Roman, den ich selbst veröffentlicht habe. Der erste, „From the Storm“, lief halbwegs gut, aber ich denke, dass „Am Ende…“ einfach zugänglicher gewesen ist und darum ein größeres Publikum gefunden hat. Es war zu der Zeit, als ich „Colors“ veröffentlichte, ein Amazon Bestseller und geriet dadurch einem Lektoren von Del Ray in die Hände. Der schrieb mich (natürlich sehr zu meiner Freude) an und fragte, ob ich mir eine traditionelle Veröffentlichung vorstellen könne. Ein paar Monate später war die alte Veröffentlichung zurückgezogen, die Geschichte war überarbeitet und schließlich als Taschenbuch im Vereinigten Königreich veröffentlicht worden.

Gibt es Pläne, deine anderen Romane neu zu veröffentlichen, da sie ja als Trilogie konzipiert, aber noch nicht abgeschlossen sind?

Ich bin nach wie vor als Selfpublisher unterwegs. Diese Trilogie (Earth Incorporated, von der „Colors“ der erste Band ist) wird fortgesetzt und beendet werden! Zugleich schreibe ich auch an neuen Titeln für Del Ray, also denke ich, dass man mich als Hybrid-Autoren bezeichnen könnte.

Die meisten dystopischen Romane starten mit einer komplett zerstörten Welt. Deiner beginnt mit der Katastrophe als solches und schlägt von daher einen anderen Weg ein als die meisten Genre-Kollegen. Es geht nicht so sehr um dieses „Kämpfen, um zu überleben“-Ding, sondern mehr um die Figuren, ihre Emotionen und persönlichen Motivationen. In meiner Rezension habe ich dein Buch mit Kings „Todesmarsch“ und Cormac McCarthys „The Road“ verglichen. Würdest du sagen, dass diese Titel dich beeinflusst haben, als du an „Am Ende…“ gearbeitet hast?

Absolut. „The Road“ ist eines der erinnerungswürdigsten Bücher, die ich je gelesen habe. Mir haben pre-apokalyptische wie auch post-apokalyptische Titel schon immer gefallen, aber in den Besten geht es immer mehr um die Charaktere als um das Ereignis selbst.

Hast du viele Rezensionen zu deiner Arbeit bekommen? Wie waren die Reaktionen der Leser und wie gehst du mit schlechten Reviews um?

Als die ersten Reviews zu „Am Ende…“ kamen, habe ich versucht, sie alle zu lesen. Jetzt nicht mehr so sehr, denn ich bin nicht sicher, welchen Nutzen sie tatsächlich haben – egal gut oder schlecht. Wenn du deinen Stolz herunterschlucken kannst, sind die „schlechten“ (wenn sie konstruktiv sind) mitunter allerdings sehr hilfreich. Sie zeigen dir deine Schwächen auf und helfen dir, deinen Schreibstil zu verbessern.

Rezensionen sind wichtig, aber ich nehme noch viel mehr aus dem direkten Kontakt mit den Lesern mit, egal ob aus E-Mails, Tweets oder Posts. Ich versuche, immer zu antworten.

Deine bisherigen Arbeiten hatten immer ein Science-Fiction-Setting. Was gefällt dir an diesem Genre am Besten? Könntest du dir auch vorstellen, etwas komplett Anderes zu schreiben?

Ich würde mich selbst nicht als Science-Fiction-Autoren sehen. Spekulative Fiction, das vielleicht. Ich mag es, Bücher zu lesen und zu schreiben, die fragen „Was wäre wenn?“. Ich denke, darum geht es in der Sci-Fi generell. Meine Lieblingsgeschichten stellen die Realität auf den Kopf und sorgen dafür, dass man nach der letzten Seite etwas anders über die Welt denkt.

Trotzdem würde ich auf jeden Fall auch in anderen Genres schreiben. Ein historischer Roman vielleicht, oder ein Noir-Krimi. Ich habe gerade ein Buch für meine Tochter geschrieben, in dem es um eine Hexe geht … sind Hexen Sci-Fi?

Entfernen wir uns etwas von deinen Veröffentlichungen und kommen zu Adrian J. Walker als Person. Wie arbeitest du? Nutzt du einen Computer, einen Stift oder sogar eine Schreibmaschine? Hast du einen besonderen „Schreibplatz“?

Ich nutze Stift und Papier um Storyboards zu zeichnen und Ideen zu entwerfen. Dann schreibe ich auf einem Mac weiter. Mein Schreibplatz ist ein kleiner Schreibtisch in einer Ecke unseres Dachbodens. Hinter mir steht ein Plattenspieler (ich habe gerade meine Vorliebe für Vinyl entdeckt) und in der anderen Ecke meine Gitarre, auf der ich spiele, wenn ich Pause mache. Das Fenster bietet einen Blick auf London. Ich liebe es – ich würde den ganzen Tag hier bleiben, wenn ich die Wahl hätte.

Wie lange brauchst du, um einen Roman fertigzustellen?

Ich werde schneller! Mein optimaler täglicher Output liegt zwischen 2000 und 3000 Wörtern. Einen Entwurf schaffe ich so in 10 Wochen. Die Überarbeitung dauert dann noch einmal etwa genau so lange.

Hast du Vorbilder, egal ob literarisch oder hinsichtlich deiner Lebenseinstellung?

Das ist interessant, denn falls ich Idole habe, dann sind es nicht unbedingt literarische. Ich liebe Musik und falls ich einen beliebigen Musiker wählen könnte, der als Einzelperson den größten Einfluss auf mich hatte, wäre es Tom Waits. Ich könnte dir aber eine lange Liste von Bands und Sängern machen, die ihren Anteil daran hatten und meine kreative Ader beeinflusst haben. Soundgarden, Bob Dylan, PJ Harvey, Rush … eine ganze Menge also. Außerdem Comedians und Fernsehautoren. Charlie Brooker ist gerade einer meiner großen Favoriten. Ich finde, dass die letzte Staffel von „Black Mirror“ großartig gewesen ist.

Wann hast du mit dem Schreiben angefangen? War „Colors“ das erste Manuskript, welches du fertiggestellt hast?

Colors“ ist das aktuellste, „From the Storm“ war das erste. Ich habe 2004 nach zwei fehlgeschlagenen Versuchen tatsächlich angefangen zu schreiben. Einer wurde halb an einem Sandstrand in Neu Seeland geschrieben. Ich habe ihn noch, vielleicht beende ich ihn eines Tages.

Was inspiriert dich zu deinen Büchern?

Generell geht es um eine Frage oder um ein Thema, welches mich schon lange beschäftigt. Dann, eines Tages, poppt in meinem Kopf eine Figur, eine Situation oder auch nur ein einzelner Satz auf. Ich habe gelernt, auf eine erste unverfälschte und interessante Stimme zu achten. Erst dann auf eine Situation oder eine Frage.

Damit kann ich auch sagen, dass „Colors“ von einem sehr lebendigen Traum inspiriert wurde, in dem meine Frau für ihr Unternehmen in den Krieg ziehen musste. Träume sind tolle künstlerische Quellen.

Liest du selbst gerne? Und gibt es Autoren, die du unseren Lesern empfehlen würdest?

Ich wäre kein sonderlich guter Autor, wenn ich nicht lesen würde! Ja – gerade jetzt lese ich „Homo Deus“ von Yuval Noah Harari, den Nachfolger zu „Sapiens“. Wahnsinn! Jede Seite bringt mich dazu, etwas anders über die Welt zu denken.

Wenn es um Fiction geht, empfehle ich gerne Glen Duncans „I, Lucifer“, einer meiner All-Time-Favoriten. Und, ganz aktuell, „The Last of Us“ von Rob Ewing. Brillanter Stoff.

Gibt es Tipps, die du Schreibanfängern geben würdest?

Als erstes stellt sicher, dass ihr wisst, worüber ihr schreiben wollt. Selbst dann, wenn ihr noch keine Details habt. Ihr braucht einen Antrieb – eine Frage oder eine spezielle Weltanschauung – die euch dazu bringt, die Worte herausquetschen zu wollen.

Macht euch eine tägliche Wortzahl zum Ziel, selbst wenn es nur ein paar Hundert sind. Wenn ihr nur 300 Wörter pro Tag schreibt, habt ihr einen Roman in einem Jahr fertiggestellt.

Macht euch keine Sorgen, wenn ihr das Schreiben nicht so „liebt“, wie andere Leute es zu tun behaupten. Schreiben ist schwierig und die meiste Zeit werdet ihr es wahrscheinlich nicht nur genießen. Aber dann und wann werdet ihr Tage haben, an denen alles Sinn macht und ihr realisiert, warum ihr überhaupt damit angefangen habt. Je mehr ihr schreibt, desto öfter werdet ihr solche Tage haben.

Wir haben schon über deine eBook-Veröffentlichungen gesprochen. Was magst du lieber, digitale Ausgaben oder das klassische Taschenbuch? Und was denkst du über eBook-Piraterie?

Ich habe früher nur auf dem Kindle gelesen, aber nachdem ich einige Zeit in meiner örtlichen unabhängigen Buchhandlung verbracht habe, habe ich meine Liebe zu richtigen Büchern wiederentdeckt. Ich denke, dass wir noch etwas davon entfernt sind, die physische Erfahrung des Lesens digital wiedergeben zu können, aber das kommt noch.

Ich sehe die eBook-Piraterie recht positiv. Mir ist es lieber, jemand liest mein Buch ohne zu bezahlen als überhaupt nicht.

Arbeitest du gerade an neuen Projekten und kannst du schon etwas dazu sagen?

Ja, derzeit habe ich zwei Bücher bei zwei unterschiedlichen Lektoren. Das erste heißt „The Last Dog on Earth“ und wird im Juni 2017 von Del Rey veröffentlicht werden. Das zweite heißt „The Other Lives“ und ich werde es irgendwann im Lauf des Jahres selbst veröffentlichen, hoffentlich schon bald. Ich bin wegen beiden sehr aufgeregt.

Das war es dann von unserer Seite auch schon. Noch einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit zur Beantwortung unserer Fragen genommen hast. Wie in jedem Interview bisher gehören auch heute die berühmten letzten Worte dir. Gibt es noch etwas, was du deinen deutschen Fans sagen willst?

Danke, dass ihr mein Buch gelesen habt. Falls ihr noch Fragen habt oder mir einfach etwas mitteilen wollt, lasst es mich einfach wissen. Und: Behaltet den Himmel im Auge …

Sebastian

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.
Sebastian

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4 Kommentare auf "Im Gespräch mit Adrian J. Walker"

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Manuela
Gast

ich muss das Buch doch mal weiter nach oben auf den Stapel legen. g

Frank
Gast

Hi Sebastian,
auch wenn SciFi (nicht mehr) in mein literarisches Beuteschema passt, war Dein Interview mit A. J. Walker für mich als Autor sehr interessant. Wie ticken solche Leute, was treibt sie an, wie und wann kam der Durchbruch – dass sind Fragen, die sicher nicht nur Autoren in einem Interview erwarten.
Macht immer wieder Spaß hier zu stöbern und literarische News zu saugen – gerne auch härteren Stoff.

Beste Grüße,
Frank

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