armageddon rockOriginaltitel: Armageddon Rag
Paperback: 391 Seiten
Verlag: Golkonda Verlag

Übersetzung: Peter Robert

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Eine Gastrezension von Markus Solty.

Klappentext:

In jener apokalyptischen Nacht des Jahres 1971 starb eine Band, eine Legende, eine ganze Generation. Sechzigtausend Zuschauer haben es live miterlebt: Der Sänger der Nazgûl bricht, von der Kugel eines Scharfschützen getroffen, auf offener Bühne tot zusammen. Der Sommer der Liebe ist vorbei.

Zehn Jahre später geschieht das Unglaubliche: Die Nazgûl sind zurück! Ein neuer Messias hat sie wiederauferstehen lassen − doch ihre Musik hat sich in ein rasendes Requiem verwandelt und kündet von Wahnsinn und Tod …

Viele Fans schätzen diesen Roman als George R. R. Martins bestes Buch. Vor Das Lied von Eis und Feuer hat der erfolgreichste Fantasy-Autor des 21. Jahrhunderts ein Werk verfasst, das ebenso zeitlos wie unvergesslich ist.

Kritik:

Man stelle sich folgende Prämisse vor: Eine in den späten 1960er, frühen 1970er Jahren extrem erfolgreiche Band, eine Band die so etwas wie ein Sprachrohr der Hippie-Bewegung war, eine Band, deren Sänger 1971 bei einem Konzert auf offener Bühne erschossen wurde, eine solche Band geht Anfang der 1980er Jahre auf eine Comeback-Tournee, und zwar mit einer Art Klon ihres ermordeten Leadsängers. Dann stelle man sich noch vor, dass diese Band, die sich nach den schwarzen Reitern aus dem “Herr der Ringe” Nazgûl genannt hat, in ihren Texten eine Art Apokalypse vorausgesagt hat und sie nun einen neuen Manager haben (nachdem dem alten, wie in einem ihrer Liedtexte beschrieben, das Herz herausgerissen wurde), der davon ausgeht dass diese Apokalypse, dieses Armageddon bei der Comeback-Tournee stattfinden wird, und sich die Zeichen mehren, dass dem auch wirklich so ist. Aus so einem Stoff kann ein wesentlich untalentierterer Autor, als es George R.R. Martin ist, vermutlich einen guten Horror- oder Mystery-Roman schreiben.

Aber was Martin in diesem im Original 1983 und auf Deutsch erstmals 1986 bei Fanpro erschienenen Roman daraus gemacht hat, ist weit mehr als ein guter oder sehr guter Genreroman. Es ist die Bestandsaufnahme einer amerikanischen Generation verpackt in einen Mysterythriller. Es ist die Geschichte derer, die Ende der 1960er rebellierten – gegen ihre Eltern, gegen den Vietnamkrieg und gegen das Establishment, und von dem, was aus ihren hehren Idealen von Frieden, von freier Liebe, von den Drogen und vom Rock’n’Roll übrig gebieben ist.

Sander – Sandy – Blair, der Protagonist von “Armageddon Rock”, war damals mitten drin. Er war Redakteur des wohl wichtigsten Magazins jener Zeit. Nun ist er ein einigermaßen erfolgreicher Schriftsteller und wird aus dem Nichts heraus von seinem alten Herausgeber auf die Geschichte des Mordes an dem alten Nazgûl-Managers angesetzt. Für seine Recherche reist er einmal von Ost nach West und zurück in seinem schicken japanischen Sportwagen quer durch die USA, um mit den alten Band-Mitgliedern und den Leuten zu reden, die versuchen, die Nazgûl zu einem Comeback zu überreden. Er nutzt diesen Road Trip aber auch dazu, seine alten Freunde und Wegbegleiter von damals wiederzutreffen.

Und diese Gesprächspartner stehen exemplarisch für die verschiedenen Wege, die die damals in der Studentenbewegung Aktiven gegangen sind. Da ist der Werbefachmann, der von seiner Vergangenheit nicht mehr viel wissen will und dem Erfolg hinterher rennt; da ist die nach vielen Tiefschlägen desillusionierte Frau, die vielleicht doch noch ihren Uni-Abschluss nachholen will; da ist der von Suff und Drogen gekennzeichnete Musiker und die ist die sich der Esoterik verschriebene Frau, die in der Abgeschiedenheit einer Kommune immer noch die alten Ideale lebt. Das sind bei Weitem nicht alle Lebenswege, die beschrieben und begangen werden, doch im Zentrum ist und bleibt Sandy Blair, der sich scheinbar mit seinem Leben arrangiert hat, aber mehr und mehr merkt, dass das gar nicht das Leben ist, das er führen möchte. Auf diese Art und Weise schafft es George R.R. Martin das Porträt einer Generation – oder vielmehr eines Teiles der US-amerikanischen Gesellschaft – zu zeichnen, die zu Zeiten Nixons und des Vietnamkriegs tief gespalten war, und sie sich Anfang der 1980er Jahre ihrer eigenen Vergangenheit stellen musste.

Die Stärke des Romans liegt unter anderem darin, dass Martin die beiden Aspekte – Horror-Roman und Generationen-Porträt – äußerst filigran vermengt. Auf den Seiten, wo er eher der Mystery-Aspekt im Vordergrund ist, scheint immer auch das Zeitgeschichtliche durch und umgekehrt. Außerdem schafft er es die Kraft, die von Musik ausgehen kennen sehr plastisch zu beschreiben, wie ich es bislang bei nur wenigen anderen Autoren erlebt habe. Von den erschreckend treffenden Vorhersagen, die 1983 die Zukunft betreffend, abgegeben hat, will ich jetzt erst gar nicht anfangen. Ich bin also schwer begeistert von meiner ersten George-R.-R.-Martin-Lektüre und überlege sogar ernsthaft entgegen meiner Fantasy-Aversion mich demnächst mal dem “Lied von Eis und Feuer” zu widmen.

Fazit:

Horror-Roman, Generationen-Porträt und Musikbuch in einem. Dieser Roman schafft, was nur wenige schaffen. Es unterhält auf höchstem packenden Niveau und noch dazu ist man nach der Lektüre um einiges klüger als vorher. Für mich ist das ein Zeichen von großer Literatur – jenseits aller Genregrenzen.

Markus Solty

Gastautor

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