Gegen das Glück hat das Schicksal keine ChanceOT: This Raging Light

Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: S. Fischer Verlage

Übersetzung: Sophie Zeitz

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Klappentext:

»In der perfekten Kino-Version meines Lebens wäre das der Moment, in dem er mich umdreht und küsst. Aber Digby hat eine Freundin. Ein Mädchen, das er liebt. Ein Mädchen, das nicht ich bin.«
Eigentlich hat Lucille Wichtigeres zu tun, als sich ausgerechnet in den vergebenen Zwillingsbruder ihrer besten Freundin zu verlieben. In ihrer Familie ist sie die Einzige, die die Dinge in die Hand nimmt: Geld verdienen, Rechnungen bezahlen, sich um ihre kleine Schwester kümmern. Da bleibt keine Zeit für große Gefühle. Aber wer kann sich schon wehren, wenn die wahre Liebe vor der Tür steht? Denn gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance.
Ein entwaffnend ehrlicher und hoffnungsvoller Roman über die erste Liebe, das Erwachsenwerden und die wunderbare Erfahrung, niemals so allein zu sein, wie man sich fühlt.

Kritik:

Ich liebe ja Buchhandlungen. Geht es euch auch so? Ich meine, es ist ja gut und schön, dass man Bücher heutzutage im Internet bestellen kann. Das mach ich auch manchmal. Aber echte Leseratten wissen, was ich meine, wenn ich sage, nichts ist toller, als in eine Buchhandlung zu gehen. Ich mag auch eher die kleinen Buchhandlungen. So wie meine Stammbuchhandlung. Sie ist winzig, mit Regalen bis unter die Decke voll mit Büchern, sie riecht nach Papier, und sie hat immer was für mich da, inklusive unzähliger, kleiner Leseproben. Da hab ich dieses Buch entdeckt. Ich hab mir eigentlich nur ein anderes Buch gekauft und einen Stapel Leseproben mitgenommen, darunter die von diesem Roman. Es hat mich erst nicht mal besonders angesprochen, weil der Titel erstmal wie ein Trittbrettfahrer von „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ klingt (Wieso das negativ von mir assoziiert wurde, erkläre ich dann später mal in der Rezension zu dem Roman von John Greene.). Aber als ich sie gelesen hatte, wollte ich so dringend weiter lesen, dass ich Sebastian am nächsten Tag wieder zur Buchhandlung gejagt habe, damit er mir das Buch dazu besorgt. Und so musste mein eigentliches Buch warten. Bereut hab ich es keine Sekunde.

Ich gebe es ja zu, der Klappentext war nicht besonders originell. Es klang dann doch nach einer Geschichte, wie es sie in der Literatur schon so oft gegeben hat. Das muss aber nicht zwangsläufig was schlechtes sein, immerhin ist ja alles schon einmal irgendwie irgendwo da gewesen. Aber der letzte Absatz hat mich dann doch angesprochen. Für euch nochmal eine kurze Zusammenfassung: Lucille wird in 9 Monaten 18 Jahre alt. Eigentlich könnte sie das Leben eines normalen Teenagers führen, gespickt mit Eltern, einer kleinen Schwester, der High School, ihrer besten Freundin, ihrem Schwarm (dem Zwillingsbruder ihrer Freundin) und Träumen und Wünschen für die Zukunft. Aber so einfach ist das Leben nicht, denn ihr Vater ist nicht mehr da, und jetzt ist auch noch ihre Mutter verschwunden, nur verreist zu alten Bekannten, aber sie taucht am Ende der Sommerferien nicht wieder auf. Und plötzlich sieht Lucille sich mit den Bürden einer Erwachsenen konfrontiert, obwohl sie doch selbst noch ein Kind ist. Denn jetzt trägt sie die Verantwortung für ihre kleine Schwester, jetzt muss sie zusehen, wie Rechnungen bezahlt werden und Nahrung in den Kühlschrank kommt. Und obendrein hat sie furchtbare Angst, dass die Jugendfürsorge auf sie aufmerksam wird und sie und ihre kleine Schwester mitnimmt und trennt, weil sie doch noch minderjährig ist. Auf der anderen Seite ist sie selbst noch ein Teenager, der gerade mit der ersten, großen Liebe beschäftigt ist. In dem verzweifelten Versuch, ihr Geheimnis zu wahren, stößt sie alle von sich, muss aber irgendwann – zunächst zu ihrem Unmut – feststellen, dass man tatsächlich nie so allein ist, wie man sich fühlt.

Recht schnell wird schon hier deutlich, dass das Buch und sein Handlungsstrang überhaupt nichts mit John Green und seinem Roman zu tun hat. Denn wenn ich ehrlich bin, war diese Thematik, die Geschichte und ihr Aufbau vielleicht nicht neu, aber doch mal wieder erfrischend. Sehr gefallen hat mir die Unterteilung der Kapitel, die meistens mit „Tag X“ angegeben sind (X steht hier für eine Zahl) und die Zeitspanne angibt, wie lange Lucilles Mutter jetzt schon verschwunden ist. Aber dazwischen gibt es kleine Häppchen aus der Vergangenheit mit einer entsprechenden Überschrift, die erklären, wie es zu der heutigen Situation bei Lucille gekommen ist. Und das hat Estelle Laure wirklich großartig gemacht, denn ihr Spannungsbogen ist vielleicht nicht durchzogen von Pauken und Trompeten, aber gemeinsam mit ihren Charakterkreationen zieht er einen dermaßen in den Bann, dass man unbedingt wissen will, was denn nur passiert ist, dass Lucille mit ihrer kleinen Schwester alleine da steht. Ebenso hat die Autorin mehrere Spannungsbögen geschaffen, und so neben dem Metaplot um Lucilles Familie und ihrer Vergangenheit auch Nebenstränge zu bieten, die sehr aufregend sind (zum Beispiel die Identität der vermeintlich guten Feen der beiden Mädchen). Obendrein transportiert die Autorin Emotionen ziemlich gelungen mit Buchstaben in den Körper des Lesers, und ich bin jemand, den ein Buch sehr selten zu Tränen rührt, aber hier… Hier gibt es wirklich nichts zu beanstanden, das Buch ist zweifelsohne ein Pageturner.

Lucille ist endlich mal eine Protagonistin, die, von den alltäglichen Sorgen eines jeden Teenagers mal abgesehen, ganz normal ist. Sie ist recht gut in der Schule, sie ist nicht hässlich, aber auch keine strahlende Schönheit, sie ist nicht wahnsinnig beliebt, aber auch kein unscheinbares Mäuschen, das sich als Superheldin entpuppt. Ich mag sowas ja unheimlich nach all den Bellas, Tris‘ und Tributen dieser Welt (Versteht mich nicht falsch, auch ich hab sie geliebt, die eine mehr, die andere weniger, aber irgendwann war es furchtbar Mode, dass die Protagonistinnen immer unscheinbar, aber was total besonderes sind.). Nein, Lucille ist wirklich normal. Und obendrein sympathisch, und ja, natürlich weckt sie unser Mitgefühl. Ähnlich verhält es sich mit ihrer kleinen Schwester, die für manche Rezensenten offenbar zu erwachsen wirkte, aber das kann ich gar nicht bestätigen. Denn ein 10-jähriges Kind mit Wrens Geschichte bekommt durchaus mehr mit, als man glaubt. Und kann dann auch schon mal erwachsener reagieren, als man es sich wünschen würde. Ich mochte Wren sehr, und an vielen Stellen war sie eben doch einfach ein Kind. Alle anderen Nebenfiguren sind bunt gestaltet und verleiten dazu, sie direkt zu mögen, so schräg sie manchmal auch sind. Selbst für Lucilles Mutter erübrigt man Verständnis. Das bedeutete nicht, dass man mag, was sie tut, aber immerhin schafft es die Autorin ihre Bewegründe transparent zu gestalten, also nachvollziehbar zu beschreiben und nicht völlig aus der Luft gegriffen wirken zu lassen. Lediglich Lucilles Vater bleibt unsympathisch, aber einen „Villain“ muss es in jeder guten Geschichte ja geben.

Der Stil von Estelle Laure ist ganz wundervoll, leicht und flüssig zu lesen, und leider – kein anzukreidender Negativpunkt – ist die Geschichte dadurch viel zu schnell erzählt, denn das Buch ist mit seinen 256 Seiten ja ohnehin kein Wälzer. Sie erzählt in kurzen Sätzen und farbenfroh, was geschieht, so dass man stets ein Bild vor Augen hat, ohne sich aber zu sehr im Detail zu verheddern. Das Einzige, das mir irgendwann ins Auge sprang, waren die vielen Unterbrechungen in der wörtlichen Rede eines Kapitels, die immer nur „sagt er“, „sagt sie“ oder „sage ich“ lauteten. Da hätte man sicher ein wenig kreativer sein können. Ob das nun aber an der Übersetzung oder am Stil liegt, sei jetzt mal dahin gestellt. Und am Ende wiegt es nicht einmal so viel, um einen Punkt abziehen zu können.

Fazit:

10Man merkt sicher schon an meiner Rezension, dass mich der Roman total geflasht hat. Ich liebe dieses Buch. Weil es eine kleine, leise Geschichte ist, die mit einem wundervollen Spannungsbogen, sympathischen und bunten Charakteren und vielen Emotionen aufwartet. Ich war ziemlich traurig, dass es so schnell ausgelesen war. Aber der Stil war einfach zu flüssig zu lesen, erzeugte zu lebhafte Bilder, um es aus der Hand zu legen. Wer ein großes Actionfeuerwerk oder Tragödien wie Tod, Verrat und Pestilenzen erwartet, wird enttäuscht sein, aber wer Geschichten über Familie, Freundschaft, das Heranwachsen und die erste, große Liebe mag, dem kann ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen.

 

Ela

Ela

Ich bin quasi das Gegengewicht zu Sebastian. Ich schreibe über all das, was an ihm vorbei geht. Jugendromane, Frauenromane, auch mal der ein oder andere Thriller, Komödien, Filme, in denen es um Freundschaft und Liebe geht, Comic- und Buchverfilmungen....sowas eben. In meiner Freizeit befasse ich mich vorwiegend mit dem Lesen und Schreiben, mit Filmen und Büchern, mit meiner Familie und Freunden und natürlich mit meinen Tieren. Ich koche und backe gern und bin vermutlich das schlimmste Assassin's Creed Fangirl, dem du je begegnet bist. Und ich liebe Musik! Immer und überall.
Ela