„Whoa, haste den neuen King schon gelesen? Alter, ich sage dir, der kann schreiben!“ 

Solche und ähnlich Aussagen hört man oft, wenn es darum geht, den aktuellen Lieblingsroman oder Schriftsteller standesgemäß im Freundeskreis anzupreisen. Und daran ist ja auch nichts verwerfliches, denn wie wir wissen, verbreiten sich manche Dinge am besten durch Mundpropaganda. Auch wir Blogger werfen mitunter gerne einmal mit Superlativen um uns, wenn wir gerade ein Werk gelesen haben, welches uns, egal in welcher Form, besonders stark beeindruckt hat. Auch daran ist nichts verwerfliches zu finden, das ist schließlich unser selbstgewähltes Hobby.

Doch halt mal, Stephen King, Terry Pratchett, Michael Robotham, Joe R. Lansdale, Jeff Strand, wie auch immer sie alle heißen mögen und was auch immer für Bücher sie im Laufe ihrer Karrieren geschrieben haben mögen, haben doch alle eines gemeinsam. Keiner von ihnen hat seine Werke auf Deutsch verfasst. Und das ist etwas, was viele von uns – gleich ob nun „nur“ Leser oder eben Blogger mit der Intention, über eben jenes Buch zu schreiben – sich oft nicht wirklich bewusst machen. Das, was wir da täglich konsumieren wurde nicht in unserer Sprache geschrieben. Zwischen dem Schreiben und der Veröffentlichung in Deutschland kommt nicht nur das Korrektorat oder das Lektorat, es folgt noch ein weiterer, für uns wesentlicher, Schritt: die Übersetzung. Wir haben schon einige Zeit darüber nachgedacht, wie man den zu Unrecht oftmals übersehenen Beruf des Übersetzers ein bisschen in den Fokus stellen kann, haben aber nie so richtig einen funktionierenden Weg gefunden. Bis jetzt. Man kann als Laie sicherlich viel über dieses Thema schreiben und mutmaßen, aber die praktikabelste Lösung ist es wohl, diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die wissen wovon sie sprechen. Aus diesem Grund haben wir für euch eine vierteilige Artikelreihe vorbereitet, die genau das tut. Übersetzer mehr oder weniger bekannter Autoren und Werke über ihren Job sprechen lassen. Anders als in unseren bisherigen Interviews haben wir uns dazu entschieden, unsere Fragen allgemein zu formulieren und jedem der Teilnehmer in gleicher Form zukommen zu lassen. Wir hoffen, damit eine repräsentative, vergleichbare Aussage wiedergeben zu können.

andreas brandhorstNun aber genug von der grauen Theorie. Unser heutiger Gesprächspartner ist Andreas Brandhorst. Herr Brandhorst, geboren 1956, ist in erster Linie selbst Autor und kann bereits auf eine beträchtliche Anzahl von Veröffentlichungen, vorwiegend aus dem Science Fiction-Bereich zurückblicken. Seinen ersten Roman verkaufte er im Alter von 19 Jahren, war als Autor an der bekannten Terranauten-Heftromanserie beteiligt. Sein aktuelles Werk „Das Schiff“ ist für den Seraph und den Kurd-Laßwitz-Preis 2016 nominiert.

In zweiter Linie ist Herr Brandhorst jedoch auch als Übersetzer tätig. Eher aus der Not geboren, um nach seinem Umzug nach Italien seiner Familie ein gesichertes Einkommen zu bieten, zeichnet er später unter anderem für die in meinen Augen sehr gelungenen deutschen Fassungen vieler Terry Pratchett-Romane verantwortlich. Ebenso findet sich sein Name in vielen Veröffentlichungen aus den Star Wars- und Star Trek-Universen genauso wie in „Die Jury“ von John Grisham (und noch einigen weiteren Veröffenlichungen, alle aufzuführen würde aber den Rahmen ganz eindeutig sprengen). Also jemand, der ganz sicher weiß, wovon er spricht.

Wenn ihr mehr über Andreas Brandhorst erfahren möchtet, empfehlen wir euch an dieser Stelle seine Homepage

http://www.andreasbrandhorst.de

sowie seinen eigenen lesenswerten Beitrag zum Thema

Schreiben und übersetzen, eine Frage der Kreativität

Und damit wünschen wir nun viel Spaß mit den sehr interessanten und informativen Antworten auf unsere Fragen.

Viele Leser werden sich bestimmt fragen, wie man überhaupt Übersetzer wird, manche werden vielleicht sogar den Gedanken haben „Ich spreche gut Englisch, ich mache das jetzt auch.“ Welche Ausbildung sollte man mitbringen, um in Ihrem Metier erfolgreich und gut arbeiten zu können? Sollte man als Quereinsteiger überhaupt darüber nachdenken, haupt- oder nebenberuflich Literaturübersetzungen anzufertigen?

Wenn man ins Deutsche übersetzt, sollte man sich vor allem mit der deutschen Sprache auskennen. 🙂 Es gibt nicht den einen Ausbildungsweg, der jemanden zum Übersetzer macht. Das Studium einer Fremdsprache hilft, ist aber ebenso wenig notwendige Voraussetzung wie ein Doktortitel in Germanistik. Erforderlich sind zwei wesentliche Fähigkeiten: Ein guter Übersetzer muss den Text in der zu übersetzenden Fremdsprache verstehen (und damit meine ich nicht nur den Inhalt der geschriebenen Worte, sondern auch die Absicht, die der Autor mit ihnen verknüpft) und ihn adäquat im Deutschen wiedergeben können. Ich bin als Autor zum Übersetzen gekommen, und das hat sicher geholfen, denn letztendlich geht es um einen lesbaren deutschen Text.

Die wichtigste Frage ist wohl, wie viel des eigenen Stils in eine Übersetzung einfließen darf. Oder anders gefragt: kann sich ein deutschsprachiger Rezensent überhaupt ein Urteil über den Stil eines Autoren erlauben oder kann er nicht vielmehr (und ich bitte, das nicht abwertend zu verstehen) „nur“ den Stil des Übersetzers beurteilen?

Manche Autoren haben eine klare eigene Sprache, die es zu berücksichtigen gilt. So ging es mir zum Beispiel mit Terry Pratchett und Mark Lawrence, um nur zwei Beispiele zu nennen. Wenn die Sprache, die besondere Ausdrucksweise eines bestimmten Autors so deutlich ist, muss der eigene Stil dahinter zurückweichen. Bei Autoren, die eine »allgemeine Sprache« benutzen, sieht die Sache anders aus; da kann sich durchaus der individuelle Stil des Übersetzers bemerkbar machen. Grundsätzlich gilt: Im Deutschen sollte sich die Übersetzung so lesen lassen, als wäre der Roman tatsächlich ursprünglich auf Deutsch geschrieben worden.

Wie kann man sich die Herangehensweise an ein neues Projekt vorstellen? Arbeiten Sie alle Geschichten nach einem bestimmten Schema ab oder ist die Arbeitsweise abhängig davon, mit welcher Art von Literatur Sie es zu tun bekommen?

Es gibt kein Schema für Übersetzungen. Es kommt auch nicht so sehr auf die Art von Literatur an (obwohl es zwischen Unterhaltungsliteratur und Literatur durchaus Unterschiede gibt), sondern vielmehr auf den einzelnen Roman. Man muss sich jedes Mal aufs Neue in die Lage des Autors versetzen und mit ihm den Roman in der Zielsprache neu schreiben. Man muss in seine Haut schlüpfen, mit seinem Kopf denken, mit seinen Fingern schreiben.

Oftmals wechselt der Übersetzer eines Schriftstellers im Laufe der Zeit. Waren Sie schon einmal in der Situation, die Arbeit eines Kollegen fortsetzen zu müssen? Wie kann man solche Arbeiten stemmen, ohne die Fans der älteren Übersetzungen zu verprellen oder den Werken eines Autoren plötzlich ein ganz anderes Gesicht zu verleihen?

Ich erinnere mich, dass ich bei Iain M . Banks in eine solche Situation geraten bin. Die Lösung des Problems war eigentlich nicht weiter schwer: Ich habe einige der früheren, bereits übersetzten Kultur-Romane gelesen, um ein Gefühl für Welt und Sprache zu bekommen, und nach dieser Vorbereitung habe ich mit der Arbeit begonnen. Unangenehm ist nur, dass man um der Kontinuität willen Fachbegriffe übernehmen muss, die man selbst vielleicht anders übersetzen würde.

Ich habe durch die Übersetzung meiner Interviews lernen müssen, dass es mitunter schwierig, wenn nicht sogar unmöglich ist, bestimmte Phrasen und Aussagen ins Deutsche zu übertragen. Ich kann mir vorstellen, dass es bei Literatur-Übersetzungen noch einmal schwieriger ist, den Worten des Autoren treu zu bleiben, besonders wenn es zum Beispiel um Humor oder Wortspiele geht. Wie gehen Sie als professionelle Übersetzer mit solchen Situationen um?

Da ich selbst vor allem Autor bin, fällt es mir vielleicht leichter als anderen Übersetzern, mich in die Lage des Autors zu versetzen und Antwort auf die Frage zu finden: Wie hätte XYZ diese Passage geschrieben, wenn seine Muttersprache Deutsch wäre? Es gibt häufig Stellen, die sich nicht direkt übersetzen lassen. Dann muss man interpretieren, die Absicht des Autors erkennen und sie mit passenden deutschen Worten wiedergeben. Um noch einmal auf Terry Pratchett zurückzukommen: Manche seiner Wortspiele waren beim besten Willen nicht zu übersetzen. Aber an anderer Stelle ergab sich manchmal Gelegenheit zu einem deutschen Wortspiel, das der Originaltext eigentlich gar nicht vorsah. Solche Gelegenheiten habe ich genutzt – ich habe kompensiert.

Liest man als Übersetzer überhaupt noch deutsche Ausgaben oder setzt man ausschließlich auf die Originale?

Neunzig Prozent der Bücher, die ich lese, sind deutsche Ausgaben. Die restlichen zehn Prozent teilen sich jeweils zur Hälfte auf in englische und italienische Originale. Italienische Bücher lese ich meistens zweimal, das erste Mal im italienischen Original, und dann noch einmal in der deutschen Übersetzung (zum Beispiel Margaret Mazzantini, übersetzt von Karin Krieger, die hervorragende Arbeit leistet), wobei dieses besondere Interesse allerdings darauf zurückzuführen ist, dass ich 30 Jahre in Italien gelebt habe.

Generell kann man wohl sagen, dass die deutsche Ausgabe eines Buches mit der Übersetzung steht und fällt. Kommen Sie sich unter diesem Aspekt mitunter nicht übergangen vor, wenn es in einer Kritik heißt „Autor XYZ ist ein Meister des geschriebenen Wortes“?

Der Übersetzer weiß, dass das Lob auch ihm gilt. 🙂

Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich bei Herrn Brandhorst für seine spontane Bereitschaft unsere Fragen zu beantworten bedanken. Und zeitgleich auch die Diskussion eröffnen. Wie bewusst wird euch beim Lesen, dass ihr eine Übersetzung in der Hand haltet? Achtet ihr darauf, meidet ihr bestimmte Übersetzer wegen schlechter Erfahrungen? Oder setzt ihr vielleicht direkt auf die englischsprachigen Originale?

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Sebastian

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.
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