mängelexemplare dystopiaTaschenbuch: 378 Seiten
Verlag: Amrûn Verlag

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Klappentext:

Mängelexemplare: Dystopia – Neunzehn Autoren blicken in eine Zukunft, in der die Menschheit am Abgrund steht. Schreckensvisionen, die bald Realität werden könnten …

„Das in der allgegenwärtigen Hitze verdunstende Wasser hatte die Luftfeuchtigkeit bis ins Unerträgliche gesteigert. Metall rostete um ein Vielfaches schneller, als sie es aus der alten Welt kannten. Metallhaltiges Gestein nahm eine rostrote Farbe an. Ein optisches Phänomen, das durch das blutrote Licht einer sterbenden Sonne noch weiter verstärkt wurde, Selbst das den Himmel reflektierende Meer wirkte wie eine an den Rändern überkochende Blutsuppe, die im feinen Sand am Fuß des Berges versickerte und eine rötliche Algenschicht zurückließ.“

Mit Kurzgeschichten von Uwe Voehl, D.J. Franzen, Markus K. Korb, Vincent Voss, Tim Svart, Jennifer Jäger, Jana Oltersdorff, Lisanne Surborg, Andreas Zwengel, Regina Müller, Arthur Gordon Wolf, Michael Dissieux, Xander Morus, Thomas Backus, Constantin Dupien, Moe Teratos, Stefanie Maucher, Manfred Schnitzler, Markus K. Korb, Torsten Scheib.

© Amrûn Verlag

Kritik:

Es ist kein großes Geheimnis, dass ich eigentlich nicht viel mit Kurzgeschichten anfangen kann. Oder besser gesagt: Dass ich mit Anthologien nichts anfangen kann. Oftmals habe ich das Problem, dass zwar ein paar wirklich gute Geschichten dabei sind, aber auf der anderen Seite auch vieles, was mir nicht gefällt. Die „Mängelexemplare“ des Amrûn-Verlags finden grundsätzlich sehr viel Anklang. Band 3, „Haunted“ und der vorliegende zweite Band der Reihe, „Dystopia“ wurden beide mit dem Vincent Preis für die beste Anthologie ausgezeichnet.

Die Voraussetzungen waren also prinzipiell nicht schlecht, zumal sich mit Vincent Voss, Michael Dissieux, Tim Svart oder Arthur Gordon Wolf auch ein paar mir bekannte Namen unter den Autoren finden. Grundsätzlich ist das Thema der Anthologie recht weitgreifend. Dystopie im weitesten Sinne, aber bitte ohne Zombies. Das ist okay, beackert doch die Nachbar-Reihe aus dem Hause Amrûn dieses Thema ohnehin schon ausführlich. Die „Mängelexemplare“ weisen dann auch ganz unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema auf. Erfreulicherweise auf einem zumeist sehr hohen Niveau. Die Beteiligten verstehen sich sehr gut darauf, ihren Geschichten einen individuellen Touch zu verpassen und Herausgeber Constantin Dupien hat ein gutes Händchen bei der Auswahl der Stories bewiesen.

Tim Svart – No. 2/209/197/613

Der unmittelbar bevorstehende Weltuntergang, ganz klassisch von einer Naturkatastrophe eingeleitet. Dazu gibt es die Frage, ob Schweigen tatsächlich immer Gold ist. Ein toller Auftakt und gleich eines der ersten Highlights der Sammlung.

Jennifer Jäger – Clara – Wissen ist Macht

Für mich einer der Schwachpunkte der Anthologie. Sehr kurz ausgefallen wirkt es mehr wie ein Appetizer für einen anderen Kurzgeschichtenband. Die Thematik ist nicht uninteressant, wird aber zu schnell runtererzählt.

Uwe Vöhl – Creationen in Samt und Tod

Anspruchsvoll geschrieben und verstörend präsentiert Uwe Vöhl einen etwas anderen Blick auf das Modebusiness von Morgen. Starker Stoff, auf den man sich aber einlassen muss.

D. J. Franzen – Der Nomade

Eine klassische post-apokalyptische Geschichte. Mehr oder weniger zumindest. Stimmungsvoll erzählt und spannend. Außerdem ein recht überraschender Twist in Bezug auf den Protagonisten.

Jana Oltersdorff – Das schlafende Schloss

Eine etwas (sehr) andere Herangehensweise an das Thema Dystopie. Zwar passt das Topic noch, insgesamt driftet die Geschichte aber sehr in den Bereich der Fantasy ab. Was sie aber nicht weniger lesenswert macht.

Lisanne Surborg – Rosa Schaum

Eine Geschichte, die auch recht schwer im Magen liegt. Schöne Atmosphäre und wieder eine sehr interessante Herangehensweise an das Thema.

Andreas Zwengel – Souljacker

Für mich eines der Highlights der Geschichtensammlung. Viel Action, einen diabolischen Antagonisten und eine große Portion Science Fiction zünden bei mir halt immer.

Vincent Voss – Wellen

Gleich das zweite Highlight. Ich war gerade an dem Punkt angekommen, an dem ich mich fragte, ob Dupien nicht davon gesprochen hatte, die Anthologie zombiefrei halten zu wollen, als Vincent Voss seine Geschichte in eine ganz andere, viel erschreckendere Richtung lenkte. Toll!

Regina Müller – Larventräume

Eine eher außergewöhnliche Geschichte, die nicht mal schnell nebenbei gelesen werden sollte. Erfordert etwas Einarbeitung, aber letztlich werden alle Fragen doch noch schön beantwortet. Wenn man sich darauf einlassen will.

Arthur Gordon Wolf – Sahnesperlinge

Zuerst dachte ich: What the heck??? Startet ziemlich abgefahren, die Auflösung ist dann aber doch sehr nachvollziehbar und zugleich auch erschreckend realitätsnah. Die Schlusspointe ist bitterböse und setzt einen gekonnten Schlussstrich (oder auch nicht?) unter die Geschichte.

Michael Dissieux – Dagnin

Was das Thema Dystopie angeht, ist Michael Dissieux auf jeden Fall ein Name, den man kennen sollte. Gekonnt erzählt ist „Dagnin“ eine der bedrückendsten Geschichten der Sammlung. Die Atmosphäre ist ausgesprochen düster und doch steckt viel mehr dahinter, als es zunächst scheint. Ein weiteres Highlight.

Xander Morus – Der Vollstrecker

Der Vollstrecker“ ist wohl die klassischste Endzeitgeschichte der Sammlung. Ganz viel „Mad Max„, ein bisschen „The Road“ und eine Menge Emotionen. Eine der bildgewaltigsten Kurzgeschichten, die mir bekannt ist. Großartig.

Thomas Backus – Schicksal

Was ich von „Schicksal“ halten soll, kann ich auch mit etwas Abstand immer noch nicht sagen. Die Story lässt viel Raum für Gedankenspiele. Das bedeutet aber auch, dass man recht ratlos darauf zurückblickt. Konnte mich leider nicht vollends überzeugen.

Constantin Dupien – Das Ende

Auch Herausgeber Constantin Dupien hat es sich nicht nehmen lassen, selbst eine Geschichte beizutragen. Zwar bleibt auch hier jede Menge Interpretationsspielraum, aber insgesamt wirkt die Story deutlich runder und vor allem viel packender als die vorhergehende. Die Atmosphäre ist wieder sehr düster und die Spannungskurve geht steil nach oben. Und was ich am Ende daraus mache, ist mir überlassen. Wirkungsvoll.

Moe Teratos – Die Schrecken

Pitch Black“ meets „Alien„, yeah! Spannend und temporeich erzählt, gibt es in „Die Schrecken“ einen Schlag voll auf die Zwölf. Die Motive sind zwar stellenweise recht klassisch und können mitunter als Reminiszenz an den einen oder anderen Horrorstreifen (das Kaufhaus!) gesehen werden, das macht aber gar nichts. Die Story flutscht und darauf kommt es an.

Stefanie Maucher – Ella

Eine vergleichsweise klassische Geschichte, die Oberen gegen die Unteren. Das kennt man schon, die Thematik ist mittlerweile doch recht ausgelutscht. Konnte mich insgesamt nicht sonderlich flashen.

Manfred Schnitzler – Der rote Tod

Eine weitere Geschichte, die mich halbwegs ratlos zurückließ. Auch hier gibt es wieder eine Menge Raum für Gedankenspiele. Für meinen persönlichen Geschmack etwas zu viel, denn ein bisschen mehr Führung hätte ich mir doch schon gewünscht.

Markus K. Korb – Rattenjagd

Und noch mal ein gelungenes Brett zum Abschluss. „Rattenjagd“ bietet noch einmal eine Menge Action, nicht zuletzt aber auch die Frage danach, was blinder Gehorsam anrichten kann. Stimmungsvoll erzählt bildet die Story einen gelungenen Abschluss für die „Mängelexemplare“.

Na ja, so ganz der Abschluss ist es noch nicht. Es folgt noch die Leseprobe zu Torsten Scheibs „Göttersturz“. Eigentlich als Beitrag zur Anthologie angedacht, nahm die Story wohl Dimensionen an, die den Rahmen gesprengt hätten. Da ich nicht weiß, ob die Geschichte überhaupt veröffentlicht wurde (in den Untiefen des WWW habe ich nichts dazu gefunden), habe ich die Finger davon gelassen.

Fazit:

9Constantin Dupien hat für „Mängelexemplare: Dystopia“ eine ganze Latte an tollen Geschichten gesammelt. Selbst ich, bekennender Anthologie-Nicht-Leser, kann am Ende sagen, dass die Auswahl mehr als gelungen ist und eine Menge Highlights beinhaltet. Unterschiedlichste Herangehensweisen, unterschiedlichste Definitionen des Begriffs „Dystopie“ und dabei nur wenige kleine Ausbrecher nach unten zeigen eindrucksvoll, dass der Vincent Preis absolut verdient gewesen ist.

Sebastian

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.
Sebastian

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