apocalypse now nowOriginaltitel: Apocalypse Now Now
Paperback: 352 Seiten
Verlag: Fischer-TOR

Übersetzung: Clara Drechsler und Harald Hellmann

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Klappentext:

Neil Gaiman meets Tarantino

Mit ›Apocalypse Now Now‹ hat Charlie Human »ein verrücktes, finsteres, respektloses und wunderbar abgedrehtes Debüt« (Lauren Beukes) geschrieben, das in seiner Heimatstadt Cape Town spielt. Südafrikanische Mythologie + magiebegabte Kopfgeldjäger + Rock’n’Roll-Highschool = punkige Urban Fantasy vom Allerfeinsten.

Eigentlich läuft für den 16-jährigen Baxter gerade alles rund. Sein kleines Pornobusiness an der Highschool boomt, die Eltern lassen ihn in Frieden, und er ist über beide Ohren in die zauberhafte Kleptomanin Esmé verliebt. Doch als diese von einem wahnsinnigen Serienmörder entführt wird, laufen die Dinge aus dem Ruder. Zusammen mit dem Kopfgeldjäger Jackie Ronin macht Baxter sich auf die Suche nach ihr und entdeckt hinter dem gewöhnlichen Alltag von Kapstadt eine Schattenwelt der Ungeheuer und Magie.

Ein anarchisches, übersteuertes und verdammt witziges Fantasy-Debüt mit Kultbuchpotenzial. Mit ›Apocalypse Now Now‹ und der Fortsetzung ›Kill Baxter‹ macht Charlie Human den ganz Großen der Urban Fantasy – Neil Gaiman, Jim Butcher und Ben Aaronovitch – ernsthaft Konkurrenz.

Kritik:

Wenn schon der Klappentext überdrehte Fantasy verspricht, die einem Gemisch aus Neil Gaiman und Quentin Tarantino gleicht … dann ist man doch erstmal vorsichtig. Schließlich sind beide Herren unbestritten Meister ihres jeweiligen Fachs und die Erwartungshaltung, die ein Verlag mit solchen Werbetexten aufbaut, entsprechend hoch. Ich habe es trotzdem gewagt und mich in das von magischen Kreaturen bevölkerte Kapstadt begeben.

Zunächst macht sich dann Überraschung breit, denn die erste Hälfte des Romans erscheint wenig phantastisch. Sie wirkt viel mehr wie ein Jugendkrimi/ -thriller mit leichten Mysterie-Einflüssen. Grundsätzlich auch nicht schlecht, aber entspricht nicht so ganz dem, was ich mir nach dem Klappentext erwartet habe. Aber wie sagt man immer so schön? Wenn es kommt, kommt es dicke. „Apocalypse Now Now“ entwickelt sich ab der Hälfte dann nämlich tatsächlich zu einem Urban Fantasy-Roman reinster Machart. Zombies, Zwerge, Seher, Magier, alles eingepasst in ein realistisches Südafrika-Setting. Dieses kann zwar nicht mit der Intensität mithalten, wie sie zum Beispiel Roger Smith in seinen Romanen erschafft, wirkt aber trotzdem schön rotzig und räudig. Oder kurzum: fernab von den Hochglanzprospekten der Reisebüros, dafür aber wesentlich wirklichkeitsnäher. Der Spannungsbogen, bis zu diesem Moment ohnehin schon hoch, gewinnt dadurch noch einmal zusätzlich und die Atmosphäre des Buches wird zu einer sehr speziellen, die tatsächlich teilweise an die Werke eines Neil Gaiman erinnert. Zum Ende hin baut Charlie Human zudem die eine oder andere Wendung ein, die zwar durchaus interessant sind, stellenweise aber doch eine gewisse Vorhersehbarkeit haben.

Punkten kann der Autor auch mit seinen Figuren. Zu Beginn scheint alles noch in einem normalen realistischen Rahmen zu liegen. Die Charaktere wirken zwar schon hier teilweise etwas überzeichnet, aber das ist schon in Ordnung. Mit Einsetzen der Fantasy-Elemente werden sie dann aber tatsächlich ziemlich abgefahren. Besonders bei Hauptfigur Baxter gelingt es dem Autoren zudem, eine interessante innere Zerrissenheit zwischen Glauben, Leugnen und der Gewissheit, dass er in die Klapsmühle gehört, zu beschreiben. Hinsichtlich der Ereignisse ist das auch ziemlich glaubwürdig. „Apocalypse Now Now“ nimmt das „Urban“ sehr wörtlich, denn die meisten anderen Charaktere sind tatsächlich ganz normale Kids, die sich plötzlich mit übernatürlichen Ereignissen konfrontiert sehen. Leider muss man aber sagen, dass viele der Figuren die gewonnenen Erkenntnisse deutlich zu locker aufnehmen und wegstecken. Hier wäre ein bisschen mehr Zweifel sicherlich der Glaubwürdigkeit der Akteure zuträglich gewesen.

Charlie Humans Stil hat mir gut gefallen. Sein Roman-Erstling ist flott und temporeich geschrieben. Man folgt Baxter in der ersten Person, was zwar nicht jedermanns Sache sein mag, aber der Atmosphäre sehr zuträglich ist. Da der junge Mann, wie auch die meisten seiner Wegbegleiter, ein ziemlicher Zyniker ist, wird die Geschichte von „Apocalypse Now Now“ immer wieder durch spöttelnde Bemerkungen und eine ordentliche Schippe schwarzen Humors aufgelockert. Mir hat auch die Idee, Zeitungsartikel und Auszüge aus Krankenakten in realistischer Machart (also mehrspaltig beziehungsweise nüchtern und trocken geschrieben) gut gefallen. Weitestgehend hat man den Eindruck, ein Jugendbuch zu lesen, ich würde den Roman dennoch nur bedingt für jüngere Leser empfehlen. Stellenweise finden sich (speziell in der zweiten Hälfte) doch recht derbe Gewaltspitzen, die eindeutig Geschmackssache sind. Auch die Übersetzung schwächelt nicht, obwohl mit Clara Drechsler und Harald Hellmann gleich zwei Personen die Eindeutschung übernommen haben. So weit, so gut. Aber: Wer auch immer für das Lektorat und das Abschlusskorrektorat verantwortlich gewesen ist, sollte seine Arbeitsweise dringend überdenken. „Apocalypse Now Now“ weist stellenweise eine extrem hohe Fehlerdichte auf, die mir mit der Zeit tierisch auf die Nerven gegangen ist. So heißt ein Handlungsort zunächst „Strikland“, wird dann über mehrere Seiten immer wieder „Stikland“ genannt, nur um am Ende wieder zu „Strikland“ zu werden. Dazu kommen teilweise mehrere übersehene Rechtschreibfehler und Buchstabendreher auf einer Seite, völlig unleserliche Wörter (hier hat wohl jemand auf der Tastatur auf die Taste neben der eigentlich gewünschten gehackt und niemand hat es bemerkt …). Sorry, aber das geht gar nicht.

Fazit:

5Ich bin etwas traurig, „Apocalypse Now Now“ mit einer verhältnismäßig niedrigen Punktzahl abwatschen zu müssen. Das Buch an sich ist echt stimmig, die Charaktere wissen zu gefallen, die Atmosphäre ist toll. Der Humor war genau mein Ding und die Gewaltspitzen sind nicht selbstzweckhaft, sondern passen in den überzeichneten, comichaften Kontext. Aber: die Rechtschreibfehler! Das war eine mittelschwere Katastrophe, die mir persönlich viel vom Lesespaß genommen hat. Und leider schlägt sich das hier auch ganz massiv auf die Endnote nieder. Mit etwas mehr Mühe hätte der Roman ohne Probleme drei bis vier Punkte mehr absahnen können, so habe ich mich stellenweise echt überwinden müssen, weiterzulesen.

Sebastian

Sebastian

Ich bin hier auf dem Blog zuständig für alles, bei dem es ordentlich knallt und bei dem eine Menge Blut fließt. Soll heißen, mein Fokus bei Filmen und Büchern liegt auf Action, Thrillern und Horror. Davon ab bin ich aber auch anderen Genres nicht abgeneigt, SciFi und Fantasy findet sich ebenso wie eher ruhige Titel unter meinen Favoriten.
Sebastian

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